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„Wir wissen um die Bedeutung des Klimaschutzes“: Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Quelle: Lisa Ducret/dpa

„Wir wissen um die Bedeutung des Klimaschutzes“

Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied warnt vor Illusionen im Falle einer Aufhebung der Russland-Sanktionen. Der EU rät der Agrarfunktionär dringend ab von einer Marktöffnung für Fleisch aus Südamerika. Außerdem bereitet ihm das Wetter Sorgen.

Berlin.. Joachim Rukwied (57) ist seit sieben Jahren Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Zudem leitet er derzeit den Europäischen Bauernverband Copa-Cogeca. Der Agrarfunktionär aus Heilbronn macht sich im Interview mit dem RND für einen stärkeren Schutz deutscher Landwirte vor der ausländischen Konkurrenz stark.

Herr Rukwied, in dieser Woche werden vielerorts Temperaturen von 30 Grad und mehr erwartet. Droht den Bauern die Wiederholung des Schreckenssommers 2018?

In vielen Regionen wurden die Wasserdefizite im Winter nicht aufgefüllt. Wir Bauern leben da von der Hand in den Mund. Immerhin war der Mai in vielen Regionen kühl und feucht. Bis dato gingen wir von durchschnittlichen Erträgen aus. Sollte jetzt aber eine längere Hitzeperiode eintreten, trifft es uns hart. Dann gehen die Erträge nach unten. Das Getreide ist jetzt in der wichtigen Phase der Kornfüllung; sie ist noch nicht abgeschlossen. Der Weizen stellt bei hohen Temperaturen auf Selbsterhalt um. Wenn es heiß ist, leidet die Ertragsbildung.

Erwarten Sie Hilfe von der Bundesregierung?

Wir fordern die Möglichkeit, steuerfreie Rückstellungen bilden zu können. Das würde den Landwirten in Extremsituationen helfen.

Klimaschutz steht im Mittelpunkt des diesjährigen Bauerntages. Agrarministerin Klöckner will über eine Verschärfung der Düngeverordnung die Emissionen in der Landwirtschaft mindern. Der richtige Weg?

Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Düngeverordnung hat das Ziel, das Nitrat im Grundwasser zu reduzieren. 2017 wurde eine neue Düngeverordnung beschlossen, das wirkt jetzt schon. Die Viehbestände und der Zukauf von Düngemitteln sind rückläufig. Deshalb haben wir kein Verständnis dafür, dass die Politik jetzt für rote Gebiete – also rund um solche Messstellen, wo die Nitratwerte runtermüssen – die Vorgabe macht, 20 Prozent unter Bedarf zu düngen. So können Sie Pflanzen nicht mehr ausreichend ernähren.

Wie können denn die Bauern zum Klimaschutz beitragen?

Wir wollen die Treibhausgas-Emissionen bis 2025 um 25 Prozent und bis 2030 um 30 Prozent gegenüber 1990 senken. Dazu streben wir eine präzisere Ausbringtechnik bei der Gülle an oder auch die Abdeckung von Güllebehältern. Wir wissen um die Bedeutung des Klimaschutzes.

Ostdeutsche Politiker sprechen sich für ein Ende der Russland-Sanktionen aus. Wie groß ist der Schaden für die Landwirte? Ist ein Abbau der Sanktionen in deren Interesse?

Russland zählte neben der Schweiz und den USA zu den drei größten Auslandsmärkten für deutsche Agrarprodukte außerhalb der EU. Der Umsatz betrug jährlich rund 1,6 Milliarden Euro. Dieser Markt ist weg. Die Russen haben jetzt neue Vertragspartner oder sie haben – wie etwa bei der Milcherzeugung – die eigene Produktion ausgedehnt. Selbst wenn die Sanktionen abgebaut würden: Ob wir jemals wieder zu den alten Marktanteilen zurückkehren, steht in den Sternen.

Sie haben den russischen Markt schon aufgegeben?

Man darf nie nie sagen. Wenn die Sanktionen abgebaut werden – wonach es zurzeit nicht aussieht -, werden wir versuchen, nach Russland zu exportieren. Wir haben uns andere Märkte suchen müssen – und sie auch gefunden. Der Export von Agrarprodukten aus der EU nach China hat sich von 2012 bis 2018 mehr als verdoppelt – und die deutschen Bauern haben daran wesentlichen Anteil.

Spüren die deutschen Landwirte auch die Auswirkungen des Handelskonflikts zwischen den USA und China?

Die Handelsströme haben sich verschoben. Südamerikanisches Soja geht in die USA, US-amerikanisches Soja gelangt vermehrt in die EU – was die Rapspreise unter Druck setzt. Die globale Lage besorgt uns sehr.

In dieser Woche sollen die Verhandlungen für das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten zum Abschluss kommen. Eine Chance oder ein Risiko für Deutschlands Landwirte?

Das Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten birgt für deutsche Bauern große Risiken. Europäischen Landwirten drohen Verluste von mehr als sieben Milliarden Euro. Wir wirtschaften unter Einhaltung wesentlich höherer Standards und bei wesentlich kleineren Strukturen als die Konkurrenz in Südamerika. Wir sind da nicht wettbewerbsfähig. Ob ein deutscher Bauer einen 50- oder 500-Hektar-Betrieb hat, spielt keine Rolle – er kann mit einem 50.000-Hektar-Betrieb in Brasilien, der obendrein noch Zugang hat zu Pflanzenschutzmitteln, die hierzulande verboten sind, nicht mithalten. Seit dem Amtsantritt im Januar von Brasiliens Präsident Bolsonaro wurden 150 neue Mittel zugelassen. Wie sollen wir da konkurrieren können? Das Mercosur-Abkommen setzt die nachhaltige europäische Landwirtschaft aufs Spiel. Das können wir nicht akzeptieren.

Die EU betreibt demnach eine Handelspolitik wider die Interessen ihrer Bauern?

Wir sind offen für Handelsabkommen. Die müssen aber fair sein. Rindfleisch, Zucker, Ethanol, Geflügelfleisch, Reis, Orangensaft: Das Mercosur-Abkommen würde Produkte auf unseren Markt bringen, die bei klar niedrigeren Standards und kostengünstiger hergestellt werden als vergleichbare europäische Ware. Eine Politik, die es ernst meint mit dem Klima- und dem Artenschutz, darf Importe aus Südamerika in die EU in so großem Stil nicht zulassen.

Ernährungsministerin Julia Klöckner plant in diesem Sommer eine Verbraucherbefragung zu verschiedenen Systemen der Nährwertkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen. Was halten Sie von Lebensmittelampeln?

Wir setzen auf Ernährungskompetenz. Kinder müssen in der Schule kochen lernen und erfahren, woraus Lebensmittel bestehen. Von Lebensmittelampeln handeln wir nicht viel.

Ministerin Klöckner will auch ein freiwilliges Tierwohllabel einführen. Für Freitag hat die niedersächsische Landesregierung jedoch eine Bundesratsinitiative für ein verpflichtendes Tierwohllabel angekündigt. Wie stehen Sie zu einer Pflichtkennzeichnung über die Haltungsbedingungen?

Die Richtung stimmt. Am Ende muss eine transparente Kennzeichnung über Haltung und Herkunft stehen. Bis dahin ist aber noch einiges zu tun. Beispielsweise bei Wurstwaren. Es gilt, die Herkunft zu erfassen, getrennt zu verarbeiten und zu vermarkten. Wir wollen schnellstmöglich Transparenz für die Verbraucher.

Von Marina Kormbaki/RND