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Die Medizin-Ethikerin Christiane Woopen. Quelle: Horst Galuschka/picture alliance / dpa

Gemischte Reaktionen auf Urteil zur Sterbehilfe

Der Bundesgerichtshof hat zwei Ärzte freigesprochen, die kranke Menschen beim Sterben begleitet hatten. Die Medizin-Ethikerin Christiane Woopen und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach begrüßen das. Doch es gibt auch andere Stimmen.

Berlin. Die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, die Kölner Medizin-Ethikerin Christiane Woopen, hat das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) zur Sterbehilfe positiv aufgenommen. „Ich halte das für ein sehr wichtiges Urteil, weil es Patienten und Ärzte stärkt“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Es macht deutlich, dass Ärzte ihre Patienten bei einer selbstbestimmten Selbsttötung nicht alleine lassen müssen, sondern sie begleiten dürfen.“ Eine Selbsttötung solle niemals eine gleichsam normale Option sein, betonte Woopen mit Blick auf den Richterspruch vom Mittwoch. Es gehe immer um individuelle, existenzielle Ausnahmesituationen. Und die Gesellschaft solle alles dafür tun, um Menschen, die über einen Suizid nachdenken, Perspektiven für das Weiterleben zu eröffnen. „Wenn aber ein Mensch nach Beratungen und gründlichem Überlegen sowie nach längerer Bedenkzeit in Ausübung seiner Selbstbestimmung sich selbst töten möchte, um schweres Leiden zu beenden, das anders nicht beendet werden kann, dann sollte er dies unter würdigen Umständen und in Begleitung tun können“, so die Medizin-Ethikerin.

Bundesverfassungsgericht urteilt noch

Wichtig sei jetzt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über den Paragrafen 217 zum Verbot der geschäftsmäßig organisierten Beihilfe zur Selbsttötung, sagte Woopen. Denn wenn sie es richtig sehe, dann wäre einer der beiden Fälle, um die es jetzt beim Bundesgerichtshof gegangen sei, darunter gefallen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts solle im Herbst ergehen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich ähnlich. „Ich begrüße das Urteil ausdrücklich“, sagte er dem RND. „Bei unheilbar Kranken mit starken Schmerzen ist die ärztliche Sterbehilfe ethisch nicht zu verbieten.“

Der Bundesgerichtshof hatte zwei Ärzte freigesprochen, die zwei nicht lebensbedrohlich erkrankte Hamburger Seniorinnen beim Sterben begleitet hatten. Die Verstorbenen hatten die tödliche Medikamentendosis selbst eingenommen. Weil die Ärzte nicht versuchten, sie zu retten, standen sie wegen Unterstützung von Selbsttötung vor Gericht.

Kritik vom Marburger Bund

Dem Urteil des Bundesgerichtshofs zufolge machen sich Ärzte, die Selbsttötungen begleiten, lediglich dann strafbar, wenn ihre Patienten nicht in der Lage sind, sich einen „frei verantwortlichen Selbsttötungswillen“ zu bilden. Zudem müssten Ärzte keine Rettungsmaßnahmen ergreifen, wenn sie damit gegen das Selbstbestimmungsrecht der Sterbewilligen verstießen, urteilte der fünfte Strafsenat des BGH.

Kritik an der Entscheidung kam vom Marburger Bund. „Das Urteil des Bundesgerichtshofs zum ärztlich unterstützten Suizid löst keine Probleme, sondern schafft neue“, steht in einer Presseerklärung. Es bestehe ein Widerspruch zu den Pflichten von Ärzten nach der Berufsordnung. „Unsere ärztliche Aufgabe ist es, Leben zu erhalten und Leiden zu lindern. Die Mitwirkung an der Selbsttötung ist keine solche ärztliche Aufgabe“, hieß es.

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung für Patientenschutz, Eugen Brysch, lehnt die Entscheidung ab. „Weder der Suizid noch die Beihilfe dazu sind strafbar. Das ist gut so“, sagte er. Das Urteil des Bundesgerichtshofes habe aber nicht das Recht auf selbstbestimmtest Sterben gestärkt, sondern vielmehr das Tor zur „organisierten Suizidbeihilfe“ geöffnet.

Ärztekammer-Präsident enttäuscht

Der Präsident der Hamburger Ärztekammer, Pedram Emami, hatte sich ebenfalls enttäuscht gezeigt. „Es war zwar zu erwarten, dass der BGH den Wunsch des Sterbewilligen an erster Stelle sieht, aber ich hatte auf ein anderes Ergebnis gehofft“, sagte er.

Für Emami ist der Hamburger Fall ein Beleg dafür, dass das seit 2015 geltende Verbot der „geschäftsmäßigen Förderung der Sterbehilfe“ richtig ist. „Das Strafrecht ist die eine Sache, das Berufsrecht eine andere“, betonte der Ärztekammer-Präsident. Für Hamburger Ärzte gelte die Berufsordnung, die in Paragraf 16 die Hilfe zur Selbsttötung verbietet.

Von Markus Decker/Hanna Gerwig/RND