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Polizisten bereiten sich auf die Begegnung mit Demonstranten vor und halten ein Plakat mit der Aufschrift "Stoppt die Aktionen, sonst gebrauchen wir Gewalt". Tausende Hongkonger protestieren seit Wochen gegen die Stadtregierung und die Polizeigewalt. Quelle: Vincent Yu/AP/dpa

Für Diktatoren wird es leichter, den Ruf nach Freiheit zu ersticken

Hongkong ist nur ein Beispiel dafür, dass totalitäre Gedanken rund um die Welt derzeit eine verblüffende Konjunktur haben, meint Matthias Koch.

Berlin. Die Geschichte des noch jungen 21. Jahrhunderts gerät gerade an eine Weggabelung. In Hongkong steht eine Entscheidung an über die globale Bedeutung der Freiheit.

Setzen sich demonstrierende Individuen durch, mit ihren Regenschirmen und Nickelbrillen? Oder wird Chinas Militär diese neue Protestbewegung zertrümmern, samt ihrer aus Sicht Pekings überkommenen westlichen Leitbilder? Und wenn ja: Wen, Hand aufs Herz, regt das wirklich auf?

Der deutsche Mann auf der Straße sagt: China ist weit weg

Schon die Niederschlagung der Demokratiebewegung im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens blieb hierzulande ein Thema für Spezialisten. Der deutsche Mann auf der Straße sagt: China ist weit weg. Der deutsche Manager in der Chefetage sagt: Die Geschäfte gehen vor. Und die chinesische Führung sagt: Alles, was wir tun, dient einer guten Sache, dem Fortschritt, allerdings einem kollektiven.

Tatsächlich gibt es eine neunstellige Zahl von Festlandchinesen, denen es heute viel besser geht als früher – und die deswegen ihre Führung gar nicht schlecht finden. Xi, sagten dieser Tage Festlandchinesen in die Mikrofone verblüffter westlicher Journalisten, sei doch „ein genialer Präsident“. Die Armut gehe zurück, die Kriminalität auch. Dann folgte ein bemerkenswerter Satz: „Zu viel Freiheit ist nicht gut für die Menschen.“

Die Zeiten ändern sich

Zu viel Freiheit? Im Westen hätte man so etwas noch Ende der Achtzigerjahre als lachhaft abgetan. Die Zeiten ändern sich. Inzwischen bekommen in allen westlichen Staaten Rechtspopulisten viel Applaus, die, statt etwa China, Russland oder die Türkei zu kritisieren, lieber das eigene, das demokratische System madigmachen, zum Beispiel die Parlamente, diese ineffizienten „Quasselbuden“.

Inzwischen allerdings verdüstert sich der Horizont auch von links her. Auch in Kreisen von Klimaschützern kursiert der Gedanke, dass „zu viel Freiheit nicht gut ist für die Menschen“. Früher war solches Denken reaktionär, in den Salons heutiger Vordenker klingt es avantgardistisch.

Man muss auf China setzen, um die Klimaziele zu erreichen

Jorgen Randers etwa, Norweger und Mitautor der Berichte an den Club of Rome, vertritt seit Langem die These, man müsse auf ein System wie in China setzen, anders ließen sich die Klimaziele nicht erreichen. Klarer Fall: Warum sollte man sich durch niedliche Umständlichkeiten wie Individualismus, Parlamentarismus und Rechtsstaatlichkeit bremsen lassen, wenn doch die Rettung des Planeten auf dem Spiel steht, etwas Höheres also als bloß Freiheit und Demokratie?

Ein weltweiter politischer Klimawandel ist im Gang. Jahrzehntelang sah man in vielen Staaten die Liberalität reifen. Inzwischen aber heult ein eisiger Wind rund um den Globus. Für Diktatoren wird es leichter, den Ruf nach Freiheit zu ersticken. Für Dritte wird es leichter, den Ruf zu überhören.

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Von Matthias Koch