Aktuell
Home | Nachrichten | Politik | “CO2-frei fliegen? Das kann sehr schnell gehen”
Professor Rolf Henkle ist beim DLR für den Bereicht Luftfahrt als Vorstand verantwortlich.

“CO2-frei fliegen? Das kann sehr schnell gehen”

Die Flugbranche trifft sich auf der ersten Nationalen Luftfahrtkonferenz in Leipzig. Und eine Frage zwingt sich auf: Wie ökologisch ist das Fliegen – oder wie ökologisch kann das Fliegen werden? Rolf Henke vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) warnt vor der Verteufelung des Flugzeugs. Und macht Hoffnung.

Berlin/Leipzig. Herr Professor Henke, Sie sind als Vorstand beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für den Luftverkehr verantwortlich. Verfolgen Sie eigentlich das Engagement der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg?

Na klar, ich bin durchaus beeindruckt vom Einsatz der jungen Frau für den Klimaschutz. Es ist gut, dass sich inzwischen so viele Menschen Gedanken darum machen und aktiv dafür eintreten. Greta Thunberg ist sicherlich inspirierend.

Kennen Sie den Begriff Flugscham?

Ich habe darüber gelesen.

Er kommt aus dem Schwedischen und soll der Scham darüber Ausdruck verleihen, auf Kosten der Allgemeinheit die Kontrolle über den eigenen ökologischen Fußabdruck verloren zu haben. Verliert das Fliegen seine gesellschaftliche Akzeptanz?

Das kann ich nicht erkennen. Das Fliegen, ob nun geschäftlich oder in den Urlaub, besitzt nach wie vor eine breite gesellschaftliche Akzeptanz. Jedenfalls bestätigen das die jährlich steigenden Zahlen von Flugbewegungen und Passagieren. Natürlich nehme ich wahr, dass derzeit sehr emotional über das Fliegen debattiert wird. Ich warne jedoch vor der Verteufelung des Luftverkehrs und Panikmache. Wir müssen uns mit den Fakten auseinandersetzen.

Schätzungen zufolge könnte sich der Luftverkehr in 15 Jahren verdoppelt haben. Ist das dann noch ökologisch tragbar?

Derzeit liegt der durch den Menschen mit dem Flugverkehr verursachte Anteil an der CO2-Belastung weltweit bei zwei Prozent. Bei einer Verdoppelung wären es vier Prozent. Wenn wir aber die heutigen Triebwerke mit denen von vor 20 Jahren vergleichen, sind sie erheblich leiser geworden, verbrauchen wesentlich weniger Kraftstoff und stoßen wesentlich weniger Schadstoffe aus. Der Luftverkehr ist durch seine bessere Auslastung außerdem enorm effizient geworden. Eine ähnliche Entwicklung wird auch in den nächsten 20 Jahren zu erwarten sein. Verdoppelung des Luftverkehrs bedeutet also nicht, dass sich auch die Umweltbelastung verdoppeln wird.

Halten Sie die Debatten über Inlandsflüge oder unnötige Flugreisen für hysterisch?

Ich bin Ingenieur und von den Vorteilen des Fliegens überzeugt. Außerdem lege ich Wert auf eine saubere Umwelt und Klimaschutz. Da ist jeder Prozentpunkt Belastung durch Flugzeuge einer zu viel. Die aktuelle Debatte empfinde ich als Aufforderung an Industrie und Forschung, hier besser zu werden als wir bereits sind. Und daran arbeiten wir auch. Ich lasse aber nicht unsere Fortschritte kleinreden, die wir bis heute durch aktive und gezielte Forschung zu diesem Zweck bereits erreicht haben.

Lässt sich der Einsatz fossiler Brennstoffe in der Luftfahrt überhaupt noch optimieren?

Ja, es gibt inzwischen aussichtsreichere Ansätze. Es wird intensiv an synthetischen Kraftstoffen gearbeitet. Durch äußerst reduzierte Schadstoffemissionen werden sie sehr viel umweltverträglicher sein als die jetzigen. Benötigt werden dafür spezielle Raffinerien zur Produktion im industriellen Maßstab und die entsprechenden Flugzeugantriebe. Doch wenn an diesem Punkt Forschung, Industrie und Politik perfekt zusammen spielen, kann das alles sehr schnell gehen.

Wird das Fliegen dadurch teurer?

Möglicherweise wird das Fliegen dadurch teurer, da die Kraftstoffe in der Herstellung kostenintensiver sind. Politisch wäre es jedoch auch möglich, das Fliegen in modernen Flugzeugen mit neuen, klimaschonenden Antrieben mit einer Art Bonus-System zu belohnen. Die Entwicklung würde so etwas in jedem Fall befördern.

Auf den Straßen ist die Elektrifizierung von Autos oder Rollern in vollem Gang. Auch die Elektrifizierung der Schiene wird erweitert. Was ist eigentlich mit der Luft?

In der Luft können Sie jedenfalls nicht mal eben rechts ranfahren, wenn die Batterie leer ist. Hier wird eine hohe Energiedichte benötigt, um Flieger über eine große Reichweite in der Luft zu halten. Diese Batteriekapazität gibt es heute für große Transportflugzeuge noch nicht, allenfalls Kleinflugzeuge können elektrisch fliegen. Hybrid-Lösungen wären ein Ausweg.

In der Kritik sind ja vor allem die kurzen Inlandsflüge. Ist hier die Chance für den Einsatz von Hybrid- oder Elektrotechnik besonders groß?

Die Industrie wird sich da schrittweise an die entsprechende Flugzeuggröße herantasten. Aber das benötigt noch viel Zeit.

Wie weit ist die Forschung?

In der Batterieforschung holen wir gerade auf, nicht zuletzt durch die Standortentscheidung für eine Forschungsfabrik. Durch das DLR sind wir in der Forschung, die direkt das elektrische Fliegen betrifft weltweit ganz vorn. 2009 haben wir den ersten Motorsegler, der aus eigener Kraft starten konnte, in die Luft gebracht. 2016 startete bei uns ein viersitziges Hybrid-Flugzeug mit Batterie und Brennstoffzelle. Demnächst werden wir mit einem Konzept für einen 19sizigen Electric Flight Demonstrator beginnen. Die Bundespolitik hat die Potenziale erkannt und die Mittel im Luftfahrtforschungs-Programm kräftig aufgestockt. Deutschland ist in der Luftfahrtforschung absolut konkurrenzfähig.

Es ist alles in Ordnung?

Es gibt nichts, was wir nicht besser machen könnten. Auf der Strecke von der Technologie zum Produkt wünschen wir uns häufig größere Schnelligkeit.

Wann werden wir CO2-frei fliegen?

Das kann sehr schnell gehen. Doch was ist mit Emissionen wie Wasserdampf, Methan, Stickoxiden, Ruß und Feinstaub? Wir müssen die Klimabelastung ganzheitlich betrachten. Unser Ziel ist das Zero-Emission-Aircraft – das Flugzeug, das keine Schadstoffe mehr ausstößt.

Von Thoralf Cleven/RND