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So entspannt ist er nicht immer: Winfried Kretschmann. Quelle: Marijan Murat/dpa

Kretschmann macht weiter – eine riskante Entscheidung

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann will 2021 erneut kandidieren. Das ist verständlich, da der 71-Jährige kaum zu ersetzen ist. Aber es ist auch gefährlich, kommentiert Markus Decker.

Berlin. Winfried Kretschmann hat sich entschieden. Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg tritt bei der Landtagswahl 2021 erneut an. Das Risiko, das diese Entscheidung mit sich bringt, ist beträchtlich – nicht zuletzt für ihn.

Verstehen kann man „Kretsch“, wie ihn Gefährten nennen, schon. Er ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland und hat es 2016 sogar geschafft, die CDU zum Juniorpartner zu degradieren – wenn auch um den Preis, dass manche das Grüne an Kretschmann schwer erkennen können.

Kein Grüner ist so schwarz

Der Mann aus Spaichingen ist ein Solitär der deutschen Politik. Das gilt für den Karriereverlauf und das Inhaltliche. So schwarz kann kein Grüner mehr werden. Es gilt ebenso für die Art und Weise, Politik zu machen. Dieses Granteln und diese Wutausbrüche – herrlich! Die Kombination macht Kretschmann aus grüner Perspektive, was Menschen selten sind: unersetzlich. Es liegt nahe, dass er selbst das genauso sieht. Es gibt ja auch sonst immer mehr Ruheständler, die nicht in Rente gehen, sondern einfach weiter arbeiten – getreu der Devise: Wer rastet, der rostet.

Özdemir könnte nachfolgen

Trotzdem: Kretschmann ist bereits jetzt 71 Jahre alt. Im Wahljahr ist er 73. Das Ministerpräsidenten-Amt ist nicht irgendein Amt, sondern ein harter Job. Und das Gefühl, unersetzlich zu sein, ist gleichermaßen verführerisch wie gefährlich. Sogar „Kretsch“ ist schließlich nicht davor gefeit, dass Bürger seiner irgendwann überdrüssig werden. Ohnehin stünde mit Cem Özdemir ein Grünen-Politiker bereit, der die Nachfolge antreten könnte, aber Zeit bräuchte, in die Rolle hinein zu wachsen.

Entweder macht Kretschmann also im Falle eines abermaligen Wahlsieges während der nächsten Legislaturperiode für einen anderen Platz. Oder er amtiert mit 78 Jahren immer noch. Die erste Variante wäre politisch heikel, die zweite für ihn höchstpersönlich.

Von Markus Decker/RND