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Auf der Bundesstraße 91 konnte die Polizei das Taxi stoppen, mit dem der Terrorist unterwegs war. Zuvor war der Täter nach einer Schießerei in Halle entkommen. Quelle: Swen Pförtner/dpa

Anschlag von Halle: Warum hatte Stephan B. so viel Zeit?

Mehr als eineinhalb Stunden sind zwischen dem ersten Notruf und der Verhaftung des Terroristen von Halle vergangen. Waren zu wenig Beamte im Einsatz? Das ist nicht die einzige offene Frage.

Hall (Saale). Nach dem Anschlag von Halle mit zwei Toten gibt es noch viele offene Fragen an die Sicherheitsbehörden. Hat die Polizei in Halle bei der Jagd auf den Terroristen schwere Fehler gemacht? Fakt ist: Nach den ersten Schüssen mitten in Halle dauerte es mehr als eineinhalb Stunden, bis Spezialkräfte Stephan B. festnehmen konnten. Zwischendrin war er sogar „außer Sicht geraten“, wie Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) zugeben musste.

Der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, hatte die Polizei nach dem Anschlag als zu langsam kritisiert. Nach seinem Notruf habe es mindestens zehn Minuten gedauert, bis die Beamten eingetroffen seien, hatte er erklärt. Stahlknecht bestreitet das. Es habe lediglich sieben Minuten gedauert, bis der erste Streifenwagen eingetroffen sei. „An dieser Zeit gibt es nichts zu beanstanden“, sagte er.

Wurde nur ein Streifenwagen geschickt?

Allerdings reichte die verstrichene Zeit für den Killer aus, 500 Meter weiter zu dem Dönerimbiss zu fahren, in dem er einen 20-Jährigen erschoss. Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, erklärte in „Bild“, nach seinen Informationen sei zunächst nur ein einziger Streifenwagen zur Synagoge geschickt worden. Von dort fuhren die Polizisten weiter zum Dönerladen.

Dort eröffnete B. das Feuer auf die Beamten. Die schossen zurück und verwundeten den Neonazi am Hals. Rainer Wendt: „Die Streifenpolizisten haben nach dem Täter gesucht, die Straßen gesperrt, nicht auf Verstärkung oder ein Sondereinsatzkommando gewartet, und haben den Täter ja auch angeschossen.“ Ihnen sei kein Vorwurf zu machen.

Doch trotz der Verwundung konnte der Killer erfolgreich vom Tatort fliehen. Er stieg in sein Auto, wendete den Wagen, fuhr erneut Richtung Synagoge und konnte Halle schließlich über eine Hauptstraße verlassen. Ob zu diesem Zeitpunkt bereits andere Streifenwagen vor Ort waren, ist unklar. Ebenso die Frage, warum das Fluchtauto nicht durch Schüsse gestoppt wurde.

Täter war nur „kurz aus der Sicht“, sagt der Innenminister

Stahlknecht schilderte die Situation so: „Der Täter flieht vom Tatort, wird verfolgt, gerät dann kurz außer Sicht.“ Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang kurz“ und „außer Sicht“?

Offenbar wusste die Polizei fast eine Stunde nicht genau, wo Stephan B. sich aufhält. Erst um 13.38 Uhr können die Polizisten ihn wieder stellen. Er war mit einem in der Zwischenzeit gestohlenen Taxi in eine Baustelle auf der B91 gerast. Dort kollidierte sein Fahrzeug mit einem Lastwagen.

Fragen bleiben mindestens bis Montag unbeantwortet

Laut Augenzeugen hatten sich Einsatzkräfte in der Böschung neben der Straße versteckt und stürmten das Taxi. Unklar ist, ob der Lkw bewusst die Straße, die an dieser Stelle nur einspurig ist, blockierte oder zufällig dort stand. Zwischen dem Schusswechsel vor dem Dönerladen und dem Zugriff hatte Stephan B. in Landsberg – 15 Kilometer von Halle entfernt – noch ein Ehepaar (41 und 40) angeschossen und schwer verletzt.

Das Innenministerium in Magdeburg beantwortete zunächst keine der offenen Fragen. Ein Sprecher verwies auf einen Sonder-Innenausschuss im Landtag am Montag. Aus Rücksicht auf das Parlament werde man keine weiteren Auskünfte geben, sagte er.

Von Christian Burmeister/RND