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TV-Journalisten arbeiten auf einer Erhöhung an der türkischen Grenze, während über dem nordsyrischen Ras al-Ayn Rauch aufgrund eines Feuers trotz Waffenruhe aufsteigt. Quelle: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Türkei-Syrien-Talk mit Tiefpunkten: Hilflose Realpolitiker bei „Anne Will“

Bei „Anne Will“ wurde über die türkische Invasion in den nordsyrischen Kurdengebieten diskutiert. Ein Vertreter Erdogans hatte zuvor abgesagt, das nahm der Runde eine Reibefläche. Deutliche Kritik gab es an der katastrophalen Außenpolitik der USA.

Berlin. Hilflos – das Wort taucht schon in dem Titel von Anne Wills Talk zur türkischen Offensive in den nordsyrischen Kurdengebieten auf. Hilflos, wenn auch nicht temperamentlos war auch die Runde, die sich im Studio in Berlin-Adlershof versammelt hatte. Vor allem Norbert Röttgen (CDU), der gerne Schatten-Außenminister der Bundesregierung wäre, übte deutliche Kritik an der nicht nur aus seiner Sicht katastrophalen Außenpolitik der USA.

Das Thema und die Gäste

„Erdogans Siegeszug – schaut Europa weiter hilflos zu?“ fragte Anne Will, und die Runde hätte sich nach wenigen Minuten vertragen können mit dem Fazit: Ja, tut es. Und die Versäumnisse liegen Jahre zurück. Dennoch hielten die Gäste eine Stunde durch. Neben Röttgen diskutierten der ehemalige Kommandeur der US-Armee in Europa, Ben Hodges, die kurdisch-stämmige Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen (Linke), Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, und die ARD-Korrespondentin Natalie Amiri.

Leerstellen des Abends

Mustafa Yeneroglu, Abgeordneter von Recep Tayyip Erdogans türkischer Regierungspartei AKP und erfahrener Talkshow-Gast, hätte den türkischen Einmarsch verteidigen sollen und fehlte „aus gesundheitlichen Gründen“. So fehlte ein Gast, an dem sich die Runde reiben konnte und der Verantwortung für seinen Präsidenten hätte übernehmen können.

Ebenfalls fehlte ein verantwortlicher deutscher Außenpolitiker. Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte zuvor in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ Stellung zu Erdogans persönlichen Angriffen gegen ihn bezogen. Der Türken-Präsident hatte Maas einen „politischen Dilettanten“ genannt. Maas reagierte in einer Mischung aus cool und wiederum hilflos: „Es ist mir persönlich auch hoch wie breit. Im Ergebnis ist mir allerdings lieber, Herr Erdogan schießt mit Worten als mit Raketen. Wenn wir uns darauf verständigen können, kann er mich gerne weiter beschimpfen.“

Klartext des Abends

Röttgen, der gerade von einem USA-Besuch zurückkam, hätte auch mehrere Stunden seiner Fassungslosigkeit über die Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump Ausdruck verleihen können. Er nahm sich das Papier zum in Istanbul ausgehandelten fünftägigen Waffenstillstand zur Brust: Es sei ein „Tiefstpunkt“ amerikanischer Außenpolitik – politisch, moralisch, völkerrechtlich.

Die Sprache und Propaganda Erdogans durchzögen das ganze Papier, die Amerikaner machten sich sogar den zynischen Namen „Operation Friedensquelle“ zu eigen. „Ein rechtswidriger Krieg wird mit diesem Namen bezeichnet.“

Mahnerin des Abends

Sevim Dagdelen, sonst äußerst kämpferische Vize-Fraktionsvorsitzende der Linken, blieb leider blass. Ihr war die Rolle des moralischen Gewissens zugefallen, sie berichtete von Massengräbern, Kriegsverbrechen und den dschihadistischen Verbündeten Erdogans und hatte doch viel von ihrer Empörung in den vergangenen Tagen anscheinend aufgebraucht. Immerhin war sie die Einzige, die den brüchigen Waffenstillstand lobte – weil in diesen fünf Tagen weniger getötet wird in den Kurdengebieten.

Dagdelen griff die Bundesregierung scharf an, der das geostrategisch wichtige Bündnis mit der Türkei wichtiger sei als das Völkerrecht. Selbst Röttgen blieb da stumm.

Realpolitiker des Abends

Wolfgang Ischinger machte deutlich, dass auch Diplomaten Gefühle haben. Er möchte nicht der deutsche Botschafter sein, der aus den Händen des Massenmörders Baschar al-Assad (Syriens Präsident) seine Akkreditierungsurkunde für die deutsche diplomatische Vertretung in Damaskus entgegennehme, sagte er. Dennoch sei es für Deutschland unausweichlich, mit dem von Russland unterstützen Bürgerkriegssieger Assad wieder zusammenzuarbeiten. „Wir werden mit dem Massenmörder leben müssen“, sagte Ischinger – auch, weil die Europäer es den USA überlassen hätten, den Aggressor im syrischen Bürgerkrieg „entschieden“ zu bekämpfen.

Und leben müssen wir auch mit Erdogan. Für Ischinger wie auch für US-General Hodges ist es oberste Priorität, die Türkei in der Nato zu halten – völkerrechtswidriger Angriffskrieg hin oder her. Dass Erdogan früher oder später gegen den kurdischen Quasi-Staat „Rojava“ vorgehen würde, sei klar gewesen. „Lassen wir jetzt einmal das traurige Schicksal der Kurden außen vor“, leitete Ischinger einen Satz ein. So spricht Realpolitik, wenn sie zynisch wird. Und hilflos.

Von Jan Sternberg/RND