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Proteste: Zehntausende demonstrieren Tag für Tag in Chile. Quelle: imago images/Agencia EFE

Niedersachse in Chile: „Die Kinder sehen viel Gewalt im Moment”

Der Niedersachse Florian Fiene lebt seit 14 Jahren in Chile. Die Proteste erlebt er zurzeit hautnah in seiner Wahlheimat Concepción südlich von Santiago mit. Im Interview erzählt er, wie sich die Lage auf seinen Alltag auswirkt.

Herr Fiene, Sie leben seit 14 Jahren in Chile und arbeiten am Goethe-Zentrum. Wie erleben Sie die Proteste?

Ich wohne in Concepción, einer Stadt südlich von Santiago. Wir erleben hier jeden Tag zwei, drei Demonstrationen, zum Teil mit 80.000 Menschen und mehr – und das bei 370.000 Einwohnern. Vor allem nachmittags, wenn die letzte große Demonstration des Tages endet, gibt es immer wieder Ausschreitungen. Wobei ich sagen muss, dass die Mehrzahl der Demonstranten und der Demonstrationen friedlich sind

Was heißt Ausschreitungen genau?

Wir haben viele Plünderungen, vor allem von Supermärkten und Apotheken. Mehr als 100 Geschäfte im Zentrum waren betroffen. Wir erleben zudem typische Straßenkämpfe, also dass Barrikaden gebaut werden, dass die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen darauf reagiert oder auch vorher agiert. Die Polizei geht hier sehr repressiv vor.

Nehmen Sie denn mit Ihrer Familie an Demonstrationen teil?

Ja, wir sind jeden Tag dabei. Das Land braucht eine Verfassungsänderung. Und davon, dass hier alles sehr teuer ist, dass hier viel Korruption herrscht und die Löhne sehr niedrig sind, davon sind wir ja auch betroffen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Proteste zum Erfolg führen können?

Das kann ich nicht sagen. Ich habe das Gefühl, dass die Politik gar nicht weiß, wie sie auf die Demonstrationen reagieren soll. Denn die Forderungen sind sehr unterschiedlich. Die einen wollen eine Rentenerhöhung, die anderen niedrigere Mietpreise und die nächsten Bildungsreformen. Ein weiteres Problem ist, dass die Demonstranten überhaupt keinen Sprecher, keinen Oppositionsführer haben, der irgendwie einen Dialog mit der Politik führen könnte.

Das heißt, niemand aus den Reihen der Demonstranten führt Verhandlungen mit der Regierung?

Nein, die Menschen hier haben überhaupt kein Vertrauen in die Politik. Deswegen spielt sich auch keiner auf und sagt, ich nehme das jetzt mal in die Hand.

Merken Sie die Proteste im Alltag?

Teils, teils. Ich wohne relativ zentral, wir können alles zu Fuß erreichen. Insofern sind für mich die Barrikaden kein Problem, dann gehe ich halt woanders lang. Ich muss auch nirgends mit dem Auto hin. Hier im Viertel, in dem ich lebe, gibt es nur ein paar Kneipen, ein paar Kioske, deswegen erleben wir hier im Viertel keine Plünderungen oder Ähnliches. Aber wenn ich von unserer Wohnung etwa 500 Meter weitergehe, fängt es an. Da riechen wir Tränengas, da sehen wir Barrikaden. Ein Problem im Moment ist, an Bargeld zu kommen. Die meisten Banken sind geschlossen und mit Holzlatten verbarrikadiert, an den Geldautomaten bekommt man auch nichts.

Preise für Lebensmittel sind gestiegen

Wie ist es mit Lebensmitteln?

Die Supermärkte außerhalb des Zentrums sind geöffnet, zwar in einem limitierten Zeitraum, aber sie sind geöffnet. Die Großmärkte funktionieren ganz normal. Die Preise für einige Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Mehl sind gestiegen.

Welche Folgen erleben Sie noch?

Meine Kinder hatten in den vergangenen zweieinhalb Wochen – also seit Beginn der Proteste – keine Schule. Seit Mittwoch läuft der Unterricht aber wieder.

Warum war die Schule geschlossen?

Aus Sicherheitsgründen. Man konnte etwa die An- und Abfahrt zum Schulgebäude nicht garantieren. Und die Lehrer mussten erst einmal klären, wie sie mit dem Thema umgehen und wie die Schüler die Geschehnisse verarbeiten können. Die Kinder sehen ja viel Gewalt im Moment.

Wie verhält es sich mit Ihrer Arbeit?

Die Uni befindet sich im Streik, daher kann meine Frau momentan keine Kurse geben. Aber ich gebe jetzt wieder normal Deutschkurse beim Goethe-Zentrum. Als wir in der ersten Woche ab 18 Uhr eine Ausgangssperre hatten, konnten wir natürlich nicht arbeiten. Da durften wir das Haus nicht verlassen. Aber das ist glücklicherweise wieder vorbei.

Zitronen helfen gegen Tränengas

Welche Folgen haben die Proteste noch für Ihren Alltag?

Wenn ich das Haus verlasse, habe ich immer einen Rucksack dabei, da drin sind immer Zitronen und ein Wasser-Backpulver-Gemisch.

Warum?

Das hilft gegen das Tränengas. Wenn man Tränengas einatmet, muss man immer schnell in eine Zitrone beißen. Und wenn das zu stark in die Augen kommt, kann man sich mit dem Wasser-Backpulver-Gemisch die Augen auswaschen.

Auf Bildern sind auch immer wieder Panzer zu sehen. Wie bedrohlich ist das für Sie?

Als das Militär noch im Einsatz war – es ist jetzt seit einer Woche weg von der Straße –, fuhren durch einzelne Viertel auch Panzer. Aber nur in den Bereichen, in denen sich Banken und Geschäfte befinden, in unserem Viertel nicht. Was wir aber hören, sind Schüsse, wenn Polizisten das Tränengas abfeuern. Nachts macht das auch ein bisschen Angst.

Wie gehen Sie in der momentanen Situation mit Ihren beiden Kindern um?

Wir versuchen, dass wir zu Hause keine Nachrichten schauen, denn im Fernsehen ist zurzeit kaum anderes zu sehen. Wir gehen mit den Jungs auf den Spielplatz, spielen Fußball, fahren Skateboard, was man mit Kindern halt so macht. Wir gehen mit den Kindern aber auch zu den Protesten, bei denen wir wissen, es wird nichts passieren. Und klar, denen macht das schon Angst, wenn sie Polizisten sehen mit ihren Wasserwerfern, mit den Fahrzeugen, die Tränengas versprühen, und mit Gewehren in der Hand, mit denen man Tränengas und Gummigeschosse abfeuern kann. Aber ich versuche, möglichst normal zu reagieren und es ihnen zu erklären und selbst keine Angst zu zeigen. Wenn ich merke, es könnte gleich gefährlich werden, dann gehe ich mit den Kindern sofort weg. Man kann das ja relativ gut einschätzen.

Von Kristian Teetz/RND

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