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Dieses vom US-Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt die Auswirkungen des Angriffs auf die Unterkunft des Anführers der Terrormiliz Islamischer Staat, Abu Bakr al-Bagdadi, am 26.10.2019. Quelle: Uncredited/Department of Defense

Die Türkei und der IS: Was wusste Ankara über al-Bagdadi?

Erst wurden der IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi und seine rechte Hand getötet. Nun meldete die türkische Regierung die Festnahmen von al-Bagdadis Schwester und einer seiner Ehefrauen. Eine Frage drängt sich auf: Wie viel wusste Ankara über die Strukturen der Terrormiliz an der türkischen Grenze?

Ankara. Vor zehn Tagen spürte ein Spezialkommando des amerikanischen Militärs den Chef der IS-Terrormiliz Abu Bakr al-Bagdadi in Nordsyrien auf. Der meistgesuchte Terrorist der Welt wurde bei der Aktion getötet – durch eine Sprengstoffweste, die er trug. Jetzt geht es plötzlich Schlag auf Schlag: Am Dienstag meldete die türkische Regierung die Festnahme der Schwester al-Bagdadis, Rasmiya Awad. Am Mittwochnachmittag wartete der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit dem nächsten Fahndungserfolg auf: Auch eine der Ehefrauen des Top-Terroristen sei gefasst worden, teilte Erdogan mit.

Offenbar wurde die Frau, wie zuvor bereits Rasmiya Awad, nahe der türkischen Grenze in einer Region gefasst, die vom türkischen Militär kontrolliert wird. Auch das Versteck, in dem die US-Elitesoldaten in der Nacht zum 29. Oktober al-Bagdadi aufspürten, befand sich nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Und der IS-Chefpropagandist Abu Hassan al-Muhajir, der als al-Bagdadis „rechte Hand“ galt, befand sich ebenfalls in einer türkisch kontrollierten Region Nordsyriens, nämlich bei der Grenzstadt Dscharablus, als ihn US-Spezialsoldaten einen Tag nach dem Kommandounternehmen gegen al-Bagdadi aufspürten und töteten.

Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun schrieb auf Twitter, die Festnahme von al-Bagdadis Schwester sei „ein weiteres Beispiel für den Erfolg unserer Terrorismusbekämpfung“. Aber dass nun weitere Mitglieder der Familie in dieser Region gefasst wurden, wirft erneut eine Frage auf, die schon länger im Raum steht: Wie hält es die Türkei mit dem IS? Was wusste die Regierung in Ankara über die Bewegungen und den Aufenthaltsort des Chef-Terroristen? Die Türkei hätte von al-Bagdadis Aufenthalt „wissen können“, sagte Guido Steinberg, Terrorismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, dem Schweizer Fernsehen SRF.

Die Regierung in Ankara erklärte zwar den IS 2013 zur Terrororganisation. Westliche Geheimdienste wissen aber, dass die wichtigsten Wege, über die sich der IS in Syrien mit Nachschub versorgte, weiterhin über die Türkei liefen. „Die gesamte Versorgung, teilweise auch Waffen, wurde über die Türkei abgewickelt“, so Terrorismus-Experte Steinbach im SRF. Über die Türkei kamen auch tausende Freiwillige aus Westeuropa, um sich dem IS anzuschließen. Und verwundete IS-Kämpfer wurden, Geheimdienstberichten zufolge, in staatlichen türkischen Krankenhäusern kostenlos behandelt, etwa in der Grenzstadt Gaziantep.

Can Dündar, der frühere Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“, publizierte im Mai 2015 in seiner Zeitung Dokumente, die Munitionslieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamistische Milizen in Syrien zu belegen schienen – ob auch an den IS, ist nicht bewiesen. Aber Dündar wurde wenig später auf Veranlassung von Staatschef Erdogan festgenommen und wegen „Spionage“ sowie „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt. Im Juni 2016 konnte er nach Deutschland fliehen.

Einem niederländischen Geheimdienstbericht zufolge, der am 5. November 2018 publiziert wurde, nutzt der IS die Türkei als „strategische Basis“, um sich zu reorganisieren. Das stelle eine Bedrohung für Europa dar, auch weil sich die Türkei in ihrer Anti-Terror-Strategie vor allem auf die Bekämpfung der kurdischen PKK fokussiere, was den Islamisten mehr Bewegungsfreiheit gebe, stellt der Bericht fest. Es sei „problematisch, dass sich die die türkischen Interessen beim Kampf gegen den Terror nicht immer mit den europäischen Prioritäten decken“, so das niederländische Geheimdienstpapier.

Diese Analyse gewinnt nun eine neue, beunruhigende Aktualität. Dass sich al-Bagdadi in der Rebellenhochburg Idlib versteckt hielt, ist kein Zufall. Dort sammeln sich nach Geheimdiensterkenntnissen seit Monaten versprengte islamistische Terroristen aller Schattierungen. Früher oder später werden russische Truppen und syrische Regierungssoldaten auf Idlib vorrücken. Spätestens dann könnten viele Dschihadisten versuchen, über die nur lückenhaft gesicherte Grenze in die Türkei zu fliehen. Dann trennt sie nur noch die Ägäis von Europa.

Von Gerd Höhler/RND

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