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Was für eine Nacht: Jubelnde Menschen feiern in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. Quelle: dpa

9. November: Der Jubel war kein Irrtum

Im Ausland bleibt die Begeisterung über den Mauerfall ungebrochen, in Deutschland trübt sich das Bild: Im Westen sorgt das Gedenken für Gähnen, im Osten sieht man es als Heuchelei. Beides ist nachvollziehbar – aber falsch.

Es war zu einem früheren Jubiläum der Grenzöffnung, Berlin war voll Partyvolk und Staatsgästen, da zog sich Wolfgang Thierse zurück und blickte von oben auf die Reste der Mauer. Als wolle er nach all den Gedenkreden und Filmdokus prüfen, ob es dieses Monstrum einst wirklich gegeben hatte.

Draußen an der Gedenkstätte Bernauer Straße tauchte Sprühregen die Mauerreste in milchiges Grau, drinnen im Besucherpavillon grübelte der einstige DDR-Bürgerrechtler: Wie war eigentlich das Wetter in Berlin, an jenem 9. November 1989, war er gefragt worden. Auch so regnerisch? Er wusste es nicht mehr. Wahrscheinlich eher milde, jedenfalls ohne Regen, sagte er schließlich. Vielleicht war es seine Erinnerung. Oder er war im Kopf die Fernsehbilder durchgegangen.

So ist das mit den Erinnerungen. Wir speichern sie nicht als Datensatz im Hirn, sondern erstellen sie bei jedem Abruf neu. Deshalb kann heute kein Mensch mehr an jene Novembernacht vor 30 Jahren zurückdenken, ohne dass sich seine Erinnerung mit den immer wieder gezeigten Zeitungsfotos und TV-Aufnahmen vermischt, mit dem gebrüllten „Wahnsinn!“ und dem Getrommel auf Trabbi-Dächer, sogar mit den Politikerreden und Schlagworten, die auf die Partynacht folgten.

Leidenschaft für den 9. November ist erkaltet

Inzwischen gibt es Material aus drei Jahrzehnten, das die Erinnerung überlagert: Jetzt wächst zusammen. Blühende Landschaften. Rückgabe vor Entschädigung. Jammerossis. Besserwessis. Ausländer raus. Der doofe Rest. Wir schaffen das. Wir sind das Pack.

Vielleicht ist deshalb die Debatte eingeschlafen, ob der 9. November der bessere Nationalfeiertag als der 3. Oktober sei, weil er für den Erfolg mutiger Bürger und nicht nur für einen Verwaltungsakt steht. Das emotionale Datum ist wohl das des Mauerfalls, nicht das der Vereinigung. Mittlerweile sind beide Daten ohnehin zu einem verschmolzen, identisch unterlegt mit Partybildern und „Wind of Change“.

Dabei sind es gerade die ritualisierten Feiern in Politik und Medien, die die Leidenschaft für den 9. November ’89 erkalten ließen: Im Westen löst das Datum längst Gähnen aus, im Osten den Vorwurf der Heuchelei.

Das ist verständlich, wenn man sich die Einheitsstimmung anschaut, das Unverständnis auf beiden Seiten, die Unzufriedenheit, die gegenseitige Ablehnung. Es ist trotzdem schade. Es ist sogar falsch.

Natürlich hat man den Jubel vom 9. November so oft serviert bekommen, dass man abstumpft; dass Rührung und Freude nicht mehr wiederbelebt werden. Und natürlich löst vieles, was auf die Party folgte, heute einen Kater aus: die Vereinigung, die man im Westen für überteuert und im Osten für überstürzt und unfair hält. Die Brandanschläge auf Migranten. Die unendliche Fahndung nach Stasi-IMs. 4000 geschlossene DDR-Betriebe, Hunderttausende Arbeitslose. Das Gefühl der Ostler, vom Westen alleingelassen zu werden. Das Gefühl der Westler, für den undankbaren Osten Milliarden zu zahlen. Die Kluft bei Löhnen, Besitz, Renten. Die Wahlsiege der Radikalen und Populisten.

Der Westen bejubelte ein Ende, der Osten einen Anfang

Die Liste ist noch viel länger. So lang, dass die Einheit an sich von manchem angezweifelt wird. Am Stammtisch. Von Politprovokateuren. In Umfragen. Und sogar von Intellektuellen wie dem britischen Autor James Hawes, der in seinem Bestseller „Die kürzeste Geschichte Deutschlands“ die pikante These ganz gut belegt, dass das Land östlich der Elbe historisch nie wirklich zu Deutschland gehörte: Es sei kein Erbe der DDR, dass das heutige Ostdeutschland so anders denkt und wählt, sondern die Folge seiner 2000-jährigen Geschichte als früheres slawisches Gebiet, das erst vor 800 Jahren deutsch besiedelt wurde – und wo man deshalb kulturell zu Angst vor Fremden und Sehnsucht nach Homogenität und autoritärer Führung neige.

Im römisch-rheinisch geprägten Westen habe es das so nie gegeben, weshalb die Vereinigung ein Irrtum sei: Der Westen sei dem preußischen Mythos auf den Leim gegangen, dass das wahre Deutschland das unter Preußens Führung vereinigte Reich gewesen sei.

Solche Zuspitzungen – oder auch westdeutsche der Marke „Liebe Ostdeutsche … etwas mehr Demut wäre schön“ (immerhin war die alte Republik das bessere Land) und „Ignoriert den Osten!“ (das Protestwahlgebiet ist doch ökonomisch irrelevant) – helfen, die Sicht auf den 9. November wieder zu klären: Wie sonst als mit der Wiedervereinigung, für die die DDR-Bürger 1990 in ihrer ersten freien Wahl in riesiger Mehrheit stimmten, hätte es nach dem Mauerfall weitergehen sollen?

Und was, wenn kein rundum freudiges Ereignis, war dieser Mauerfall, der durch eine Revolution ohne Blutvergießen erzwungen wurde – um nichts als der Freiheit willen?

Es stimmt ja: Selbst im unschuldigen Jubel von damals lässt sich bereits die Wurzel des späteren gegenseitigen Unverständnisses entdecken: Der Westen bejubelte ein Ende – das von deutscher Teilung, vom Ausnahmezustand der Nachkriegszeit, vom Eisernen Vorhang. Vom Ende der Geschichte war die Rede. Es war ein Happy End.

Der Osten dagegen bejubelte einen Anfang: Endlich leben in Freiheit, in Wohlstand, in Europa! Ab sofort könnte man sagen, was man denkt; tun, was man mag; reisen, wohin man will. Heute ist klar, dass in so viel Euphorie die Enttäuschungen schon angelegt waren. „Wir träumten vom Paradies, aber wir wachten auf in Nordrhein-Westfalen“, sagte der spätere Bundespräsident Joachim Gauck zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls.

Dass diese unvereinbaren Erwartungen den Keim des Auseinanderdriftens in sich tragen, ist oft zitiert. Aber schließen sie einander wirklich aus? Schafft es nicht gerade der Mauerfall, beide zu vereinen?

Bis heute verfehlt er nie seine Wirkung als einer der seltenen historischen Glücksfälle: Gerade wurde Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vom heftigen, unverhofften Applaus Hunderter Amerikaner überrascht, als er in einer Ansprache in Boston den 30. Jahrestag des Mauerfalls streifte. Als er sich danach für Amerikas Hilfe bei der Einheit bedankte, ergriff das die Zuhörer deutlich weniger.

Zugleich ist jene Novembernacht natürlich ein Urknall: als Inspiration für Freiheitsbewegungen in aller Welt, vor allem aber als Explosion eines Kerns, in dem das heutige Deutschland bereits angelegt war.

DDR-Punker Flake wollte nie abhauen – und spielt heute bei Exportschlager Rammstein

Es war die Nacht, in der der Pfarrer Joachim Gauck mit Papier, das er tagsüber in West-Berlin besorgt hatte, zurück nach Rostock fuhr, um es dort mit Texten des Neuen Forums zu bedrucken. Die Nacht, in der die Physikerin Angela Merkel aus der Sauna kam und in den Sog Tausender Ost-Berliner geriet, die an der Bornholmer Straße über die offene Grenze drängten; dort stieß sie mit Dosenbier an und begann, sich für aktive Politik zu interessieren.

Ein paar Kilometer weiter durfte Flake Lorenz ein West-Konzert mit seiner DDR-Punkband spielen, hielt die plötzlich auftauchenden Ost-Punks für Republikflüchtlinge und gründete bald mit einigen der Mitmusiker jener Nacht das Ostprojekt Rammstein, das mit überdrehten Deutschland-Klischees zum erfolgreichsten deutschen Popexport wurde.

Und weil ein Urknall die Teilchen in jede mögliche Richtung schleudert, gehört dazu auch der hessische Geschichtslehrer Björn Höcke, der die Mauer im Fernsehen fallen sah und dies mit seinem Vater beweinte – aus Trauer um die letzte rein deutsche Volksgemeinschaft, die nun auch von Multikulti und Linksversifftem des Westens verdorben würde.

Tausende solcher Geschichten erzählen, wie Menschen in Ost und West in jener Nacht auf neue Schienen gesetzt wurden – im Guten wie im Schlechten. Und es gibt die Erinnerungen unzähliger Skeptiker und Gegner, die selten erzählt werden, weil sie nicht ins Bild passen. Vielleicht hat man zu oft und zu ausschließlich die erfolgreichen Ostler dazu befragt. Merkel, Gauck und Thierse. Kai Pflaume, Anna Loos und Maybrit Illner. Andererseits beweisen die ja, dass es sehr wohl gesamtdeutsche Figuren gibt. Dass der Osten diese 30 Jahre sehr wohl mitgeprägt hat.

An dem Jubel der Nacht war nichts falsch

Falsch lag jedenfalls, wer dachte, der Mauerfall sei kein Thema mehr, sobald die Mauer länger weg ist, als sie stand. 28 Jahre und 88 Tage. Heute muss man davon ausgehen, dass die Welt auch „50 Jahre Mauerfall“ noch feiern wird – mit Partybildern und Trabbi-Getrommel.

Das ist auch gut so. Denn an dem Jubel jener Nacht war nichts falsch, nichts geheuchelt, darin war kein Unheil programmiert. Die Jubelbilder sind die Essenz nicht nur jenes Tages, sondern des erfolgreichen Aufbegehrens der Ostdeutschen gegen ihre Unfreiheit überhaupt. So ein Happy End ist ein Wert an sich. Ein bleibender Wert.

Natürlich wird man in 20 Jahren wieder anders auf den Mauerfall blicken. Schon, weil sich die Stimmung weiter eintrüben oder wieder aufhellen kann. Man darf aber hoffen, dass Martin Luther King recht hatte, als er sagte: „Der Bogen des moralischen Universums ist lang, aber er biegt sich zur Gerechtigkeit.“

Wohin es in den nächsten Jahren auch geht: Der 9. November 1989 wird immer als Meilenstein gelten auf einem Weg in die richtige Richtung.

Von Steven Geyer/RND