Donnerstag , 12. Dezember 2019
Aktuell
Home | Nachrichten | Politik | Philologenverband: “Der Lehrermangel ist kein Tsunami”
Der Deutsche Philologenverband fordert 20.000 zusätzliche Lehrer für Mathe und Naturwissenschaften. Quelle: Marijan Murat/dpa

Philologenverband: “Der Lehrermangel ist kein Tsunami”

Gerade erst hat eine groß angelegte Studie gezeigt: Deutschland stagniert in Sachen Bildung, auch der Trend an den Gymnasien ist ernüchternd. Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, fordert die Bildungspolitik auf sich zu bewegen. Und sie nennt konkrete Zahlen, wie viel mehr Lehrer allein für Mathe und Naturwissenschaften gebraucht würden.

Frau Lin-Klitzing, beim IQB-Bildungstrend – einer groß angelegten Bildungsstudie für die deutschen Bundesländer – haben sich die Gymnasien schlecht entwickelt. Woran liegt das: an der Politik oder an den Lehrern?

Deutschland ist seit dem Schock des schlechten Abschneidens bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 kontinuierlich deutlich besser geworden. Es gibt also keinen Grund, von einer Katastrophe auszugehen, wenn es nun nicht mehr ganz so schnell vorangeht. Dass einige Bundesländer dauerhaft schlechter abschneiden als andere, hat aber ganz eindeutig mit falschen politischen Weichenstellungen zu tun.

Was meinen Sie damit genau?

Bei der letzten Untersuchung ging es darum, welche Kompetenzen Schüler in Mathe und in den Naturwissenschaften in der neunten Klasse haben. Dabei schneiden die Länder sehr unterschiedlich ab. In Sachsen, wo die Ergebnisse besonders gut sind, macht die Politik zwei Dinge besser als anderswo: Erstens sind in der Stundentafel besonders viele Stunden für Mathe und die Naturwissenschaften festgeschrieben. Und zweitens gibt es genaue Vorgaben, wie viele Stunden es in welchem Fach in welcher Klasse geben soll.

Das klingt doch eigentlich ganz selbstverständlich…

Das ist es aber leider nicht. In anderen Ländern sind die Vorgaben oft schwammiger. Da heißt es dann zum Beispiel nur, es müsse soundso viele Stunden in den Naturwissenschaften insgesamt geben. Da es in den Fächern Lehrermangel gibt, versuchen sich die Länder dann oft durchzumogeln. Fehlen Physik-Lehrer, gibt es dann eben mehr Biounterricht. Die Schüler brauchen aber beides für eine gute Bildung.

Muss die Politik investieren, um mehr Lehrer einstellen zu können?

Definitiv. Die Kultusminister dürfen nicht so tun, als gäbe es an den Gymnasien kein Problem mit Lehrermangel. Es gibt eben doch eins: in Mathe und den Naturwissenschaften. Der Lehrermangel ist kein Tsunami, der unerwartet über uns hereingebrochen ist. Die Politik kann und muss besser planen und den Lehrerberuf attraktiver machen. Wir müssen den Lehrerinnen und Lehrern für zusätzliche Aufgaben – etwa, was die Bewältigung von Herausforderungen durch Integration angeht – auch mehr Erzieher und Sozialpädagogen an die Seite stellen. Die Politik lässt die Lehrer und die Schulen zu oft allein.

Wie kann es gelingen, dass unsere Schüler beim nächsten Vergleich in Mathe und Naturwissenschaften besser abschneiden?

Wir brauchen überall so viele Stunden in Mathe und den Naturwissenschaften wie in Sachsen. Gleichzeitig gilt: In den Gymnasien sind die Klassen meist viel zu groß, um in den Naturwissenschaften guten Unterricht machen zu können. In diesen Fächern brauchen wir kleinere Lerngruppen, um die Schüler unter Anleitung experimentieren lassen zu können. Auch für mehr Spitzenförderung brauchen wir zusätzliche Lehrer, um in AGs Talente für Wettbewerbe wie Jugend forscht gut coachen zu können.

Und wie hoch fällt die Rechnung für all das aus?

Es gibt zurzeit etwa 170.000 Lehrkräfte an Gymnasien in ganz Deutschland. Wenn wir in Mathe und Naturwissenschaften Spitze sein wollen, brauchen wir bundesweit 20.000 zusätzliche Lehrer – für mehr Stunden, für kleinere Gruppen und für bessere Talentförderung. Das kostet rund 1,6 Milliarden Euro im Jahr. Das muss uns die naturwissenschaftliche Bildung der Kinder und Jugendlichen wert sein.

Müssen nicht auch die Lehrer sich bewegen? OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher etwa fordert mehr Initiativen der Lehrer für Teamarbeit untereinander.

Ich sehe eine Riesenlust unter den Lehrern, mehr im Team zu arbeiten. Aber dafür muss erst mal die Zeit da sein. Wenn das Personal so knapp ist, dass man es gerade schafft, auch noch den Vertretungsunterricht neben dem eigenen Unterricht zu halten, ist das nicht die Schuld der Lehrer. Sie sind offen dafür, den Unterricht gut und modern zu gestalten. Aber Unterrichtsinnovationen müssen auch mit den Lehrern gemeinsam vorangetrieben werden.

Was stellen Sie sich also genau in der Praxis vor?

Es gibt zu wenige Fortbildungsangebote. Und die vorhandenen erfüllen oft nur eine Alibifunktion. Man schickt einen Lehrer mal einen Nachmittag irgendwohin – und tut so, als wäre es damit getan. Das ist lächerlich. Die Fortbildungen müssen langfristig angelegt sein, damit die Lehrkräfte das Neue, das sie an die Hand bekommen, im Unterricht ausprobieren und weiterentwickeln können. Nachdem das passiert ist, müssten dann die Fortbildungskurse noch mal zusammenkommen und sich austauschen, was wie und warum gut funktioniert hat und deshalb weiterzuentwickeln ist und was nicht.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek dringt auf einen Nationalen Bildungsrat, der den Kultusministerien Empfehlungen für eine bessere Bildungspolitik geben soll. Finden Sie den Vorstoß richtig?

Wenn er wirklich nur ein beratendes Gremium ist und nicht ein riesiges Bürokratiemonster geschaffen wird: Ja! Und wenn aus dem Nationalen Bildungsrat ein Nationaler Digitalrat wird, der darüber berät, wohin wir eigentlich mit der Bildung und Digitalisierung in Deutschland wollen, um so besser. Dann hätten wir auch die jetzigen Probleme zwischen Bund und Ländern nicht, denn das Ziel einer übergeordneten Digitalstrategie für Bildung in Deutschland wird Bund und Länder einen.

Was raten Sie der Bildungsministerin also?

Frau Karliczek sollte ihre Pläne auf realistische Umsetzungsfähigkeit prüfen. Das viele Geld, das für einen großen Apparat ausgegeben wird, wird besser in einen kleineren Nationalen Digitalrat und in die Ausstattung der Schulen investiert. Konkretes Beispiel: Wir brauchen dringend einen Digitalpakt II, der mit neuer Strategie weiteres Geld bereitstellt, wenn der Digitalpakt Schule im Jahr 2024 ausläuft. Wir brauchen „digitale Hausmeister“, die wir an den Schulen nicht haben, und natürlich andauernde Erneuerung und Wartung durch Profis. Sonst hört das Zeitalter der Digitalisierung an den Schulen schon wieder auf, bevor es richtig angefangen hat.

Von Tobias Peter/RND