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US-Botschafter Gordon Sondland belastet Donald Trump. Quelle: imago images/UPI Photo/Sammy Minkoff/blickwinkel/Montage RND

Trumps Plaudertasche ist in der Zwickmühle

Der schillernde amerikanische EU-Botschafter Gordon Sondland gilt als Schlüsselfigur in der Ukraine-Affäre. Er soll gesagt haben, dass sich der Präsident nur für die Biden-Intrige interessiert. Heute muss der 62-Jährige vor dem Impeachment-Ausschuss aussagen.

Washington. Die Speisekarte bietet auf Ukrainisch, Russisch und Englisch von der klassischen Borschtsch mit Ochsenschwanz über Wareniki-Teigtaschen mit Hasenfleisch bis zu Kalbsbäckchen mit Perlgerste die Spezialitäten der lokalen Küche. Auch die stylische Inneneinrichtung des Restaurants SHO in Kiew richtet sich an ein internationales Publikum. Doch die Gäste, die am 26. Juli um einen der hellen Holztische saßen, waren keine gewöhnlichen Geschäftsleute oder Touristen. Einer von ihnen griff irgendwann zum Handy und rief in den USA an. Am anderen Ende der Leitung war Donald Trump.

Was wie eine Szene aus einer schrägen Komödie klingt, hat der amerikanische Diplomat David Holmes vor ein paar Tagen dem Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses geschildert. Er hat das Telefonat mitgehört, in dessen Verlauf der amerikanische EU-Botschafter Gordon Sondland dem US-Präsidenten versicherte, sein ukrainischer Amtskollege Wolodymyr Selenskyj „liebt Ihren Arsch“. Laut Holmes sprach Trump so laut, dass Sondland den Hörer ein Stück vom Ohr weghalten musste. „Macht er die Ermittlungen?“, soll Trump gefragt haben. „Er wird alles machen, was Sie verlangen“, soll Sondland geantwortet haben.

Eine Spende von einer Million Dollar verschaffte ihm den Job

Nicht erst seit diesem bizarren Gespräch über eine ungesicherte Leitung ist Gordon Sondland eine Schlüsselfigur der Ukraine-Affäre. Der Hotelunternehmer hatte im Wahlkampf eine Million Dollar für Trump gespendet und war im Gegenzug ohne irgendwelche außenpolitischen Vorkenntnisse mit dem Botschafterposten in Brüssel entschädigt worden. Nach allen bisherigen Zeugenaussagen zog Sondland seit diesem Frühjahr gemeinsam mit Trumps Anwalt Rudy Giuliani die Fäden für den Komplott, mit dem der ukrainische Präsident Selenskyj zu einer Schmutzkampagne gegen den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden genötigt werden sollte. Entsprechend groß wird der Auftrieb sein, wenn der 62-Jährige am heutigen Mittwoch vor dem Impeachment-Ausschuss erstmals öffentlich aussagt.

Sondland könnte für die Demokraten der bislang wichtigste Zeuge werden. Anders als die übrigen Beamten, die bislang gehört wurden, hat er nämlich einen direkten Draht zu Trump. Die Republikaner haben die belastenden Aussagen anderer Zeugen abgetan, weil bislang niemand nachweisen konnte, dass tatsächlich der Präsident persönlich die Aufnahme von Ermittlungen gegen Biden zur Bedingung für die Auszahlung der US-Militärhilfe für die Ukraine und einen Gesprächstermin im Weißen Haus für Selenskyj gemacht hat. Sondland dürfte die Wahrheit wissen. Hochrangige Beamte haben ausgesagt, dass er öfter mit Trump telefonierte, der ihn einst einen „wirklich guten Mann“ nannte, inzwischen aber kaum noch kennen will.

Sondland musste eine frühere Aussage schon korrigieren

Die mehrstündige Befragung unter Eid im Kongress bringt Sondland in eine Zwickmühle: Schon einmal musste er eine frühere Aussage revidieren. Nun ist klar, dass er bei einer nicht öffentlichen Anhörung das Telefonat im Restaurant SHO verschwiegen hat. Seine Missachtung der Sicherheitsvorschriften bei dem Handygespräch, das nach Expertenmeinung vom russischen Geheimdienst abgehört worden sein könnte, hat in Washington für Unruhe gesorgt. Es ist unklar, ob der Unternehmer bei seiner Aussage weiter Trump schützen oder die Verantwortung weiterschieben wird.

Die Knackpunkte heute im Kongress

Vor allem drei Ereignisse stehen im Fokus:

Bei einem Treffen hochrangiger ukrainischer und amerikanischer Regierungsvertreter im Weißen Haus am 10. Juli soll Sondland nach Aussagen mehrerer Zeugen offen Ermittlungen gegen die Biden-Familie als Bedingung für amerikanische Hilfe formuliert haben. Daraufhin brach der damalige Sicherheitsberater John Bolton die Sitzung abrupt ab und erklärte später, er wolle mit dem geplanten „Drogendeal“ nichts zu tun haben. Am 26. Juli saß Sondland nach Gesprächen mit ukrainischen Regierungsvertretern in dem Restaurant in Kiew. Nach dem Telefonat soll er zu Botschaftsmitarbeiter Holmes gesagt haben, Trump interessiere sich „einen Scheiß für die Ukraine“. Dem Präsident gehe es nur um „die großen Sachen wie die Biden-Ermittlung“. Schließlich protestierte der geschäftsführende US-Botschafter in Kiew, William Taylor, am 9. September per SMS bei Sondland dagegen, die Militärhilfe an die Anti-Biden-Intrige zu knüpfen. Sondland antwortete abwiegelnd, es gebe keine direkte Konditionierung, und drang dann darauf, die Unterhaltung nicht schriftlich fortzusetzen. Bei einem Gespräch erklärte er, Trump sei halt ein Geschäftsmann. Bevor er etwas liefere, müsse der Geschäftspartner seine Schulden beglichen haben.

Bei seinem Auftritt im Kongress werde Sondland „eine Menge zu erklären haben“, urteilte Nick Akermann, ein Ankläger aus dem Watergate-Verfahren gegen den damaligen Präsidenten Richard Nixon: „Eine ganze Menge von Zeugen hat ihm widersprochen.“ Entsprechend habe der Botschafter ein paar spannende Stunden vor sich. Die Frage ist allerdings, wie glaubhaft der schillernde Diplomat letztlich ist, nachdem er seine Aussage schon einmal änderte.

Von Karl Doemens/RND