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TV-Duell in Großbritannien: Boris Johnson (l.) gegen Jeremy Corbyn. Quelle: imago images/Xinhua

Johnson und Corbyn fetzen sich in TV-Duell

In mehr als drei Wochen wählen die Briten in den Brexit-Wirren ein neues Parlament. Premier Johnson und Oppositionschef Corbyn stellen sich ihrer ersten TV-Debatte. Johnson verspricht den raschen Ausstieg aus der EU, Corbyn wirft ihm den Ausverkauf des britischen Gesundheitssystems vor.

Brexit und kein Ende: Bei ihrem ersten TV-Duell vor der Parlamentswahl in Großbritannien haben sich Premier Boris Johnson und Oppositionsführer Jeremy Corbyn im Streit um den Ausstieg aus der Europäischen Union mit schweren Vorwürfen überzogen.

Johnson warf der Labour-Partei von Corbyn eine Blockadehaltung im Parlament vor. Er hingegen werde den Brexit liefern, bekräftigte der Regierungschef. Corbyn griff Johnson wiederum auf dem Feld der Gesundheitspolitik an. Einen klaren Debattensieger konnten Experten am Ende nicht ausmachen.

Sowohl für Johnson als auch für Corbyn barg der Live-Auftritt in den Studios des TV-Senders ITV im nordwestenglischen Salford am Dienstag eine große Wahlkampfchance. Für den Labour-Chef bot sich die Gelegenheit, Boden in den Umfragen gut zu machen: Diese sehen seine Partei vor der Wahl am 12. Dezember hinter Johnsons konservativer Tory-Partei.

Für den Premier bedeutete die große Bühne hingegen eine Chance, einen holprigen Kampagnenstart hinter sich zu lassen: Neben Patzern von Kandidaten seiner Partei haben Johnson zuletzt Vorwürfe der Vetternwirtschaft im Zusammenhang mit einer früheren Beziehung zu einer amerikanischen Geschäftsfrau in seiner Zeit als Londoner Bürgermeisterin zu schaffen gemacht.

Im TV-Duell lieferten sich die Spitzenpolitiker einen heftigen Schlagabtausch über Großbritanniens mehrmals verschobene Scheidung von der EU, die der Grund für die vorgezogene Wahl ist. Johnson erhofft sich davon für seine Konservativen eine Mehrheit im Londoner Unterhaus, um seinen Austrittsdeal mit Brüssel durchzudrücken.

Die Opposition „zaudert und verzögert, blockiert und spaltet“ in der Brexit-Frage, kritisierte Johnson. Seine Regierung werde aber „diese nationale Misere beenden“ und „den Patt durchbrechen“. Johnson hatte seinen Deal mit Brüssel nicht bis zum ursprünglichen Austrittstermin am 31. Oktober durchs Unterhaus bekommen, weswegen er widerwillig einen Brexit-Aufschub bis zum 31. Januar beantragen musste.

Corbyn sagte, eine Labour-Regierung werde den Brexit-Streit lösen, indem sie einen neuen Austrittsvertrag aushandele. Dann werde es binnen sechs Monaten ein neues Referendum über die EU-Mitgliedschaft geben. In seiner Replik griff Johnson den Umstand auf, dass Corbyn seit langem als EU-Kritiker und als eher halbherziger Befürworter der britischen Zugehörigkeit zum Staatenbund gilt. Ob er sich denn beim Volksentscheid für oder gegen einen Verbleib in der EU aussprechen werde?, fragte der Premier den Oppositionsführer mehrmals. Corbyn ging darauf nicht ein, was im Publikum für Lacher sorgte.

Stattdessen nahm der Labour-Chef die Behauptung Johnsons aufs Korn, dass er nach dem angepeilten Brexit Ende Januar bis Ende 2020 ein neues Handelsabkommen mit der EU schließen werde. „Das werden Sie nicht in ein paar Monaten schaffen und das wissen Sie ganz genau“, hielt Corbyn ihm vor. Johnsons Ankündigung sei reine Fantasie.

Zudem bekräftigte der Labour-Vorsitzende seinen Vorwurf, dass Johnson im Rahmen künftiger Freihandelsgespräche mit den USA einen Ausverkauf großer Teile des Gesundheitsdiensts NHS an amerikanische Firmen im Medizinsektor plane. Johnson schoss zurück, die Behauptung sei „eine absolute Erfindung“.

Doch auch der Premier, der mehrmals einen Brexit zum 31. Oktober ohne Wenn und Aber versprochen hatte, musste sich Häme aus dem Publikum gefallen lassen. „Schauen Sie sich an, was ich gesagt habe, was ich als Politiker tun werde und schauen Sie sich an, was ich geliefert habe“, sagte er unter Gelächter der Zuschauer im Studio.

Fernsehdebatten vor Wahlen sind ein relativ neues Phänomen in der britischen Politik. So war es das erste Mal, dass sich ein Premier und sein wichtigster Herausforderer in einem solchen Duell gegenüberstanden. Im letzten Wahlkampf 2017 hatte die damalige Amtsinhaberin Theresa May einen Auftritt in diesem Format abgelehnt, was zu ihrem Ruf als schwache Wahlkämpferin beitrug. Der Urnengang geriet dann zu einem Debakel für die Konservativen, die ihre Mehrheit im Parlament einbüßten.

Beobachter der BBC werteten das Aufeinandertreffen zwischen Johnson und Corbyn als Unentschieden. Im Wahlkampf soll es zwei weitere Runden geben, in denen auch die Spitzenkandidaten von fünf kleineren Parteien vertreten sind. Corbyn und Johnson werden sich anschließend weniger als eine Woche vor der Wahl am 6. Dezember noch einmal ein direktes Duell liefern.

RND/AP/cle