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Greta Thunberg, die schwedische Klimaaktivistin. Quelle: Craig Ruttle/AP/dpa

Die Klimaschutz-Bewegung braucht Greta nicht mehr als Ikone

Die Atlantik-Überquerung im Winter war gefährliche Symbolpolitik. „Fridays For Future“ muss erwachsen werden und Antworten liefern, die die Politik bisher verweigert. Gretas Rolle als Heilige des Klimaschutzes rückt da in den Hintergrund, kommentiert Jan Sternberg.

Lissabon. Greta Thunberg ist wieder zurück in Europa. Sie hat ihre zweite abenteuerliche Atlantiküberquerung binnen eines halben Jahres überstanden, sie ist kreuz und quer durch Nordamerika gereist und hat mehr Abenteuer erlebt als die allermeisten 16‐Jährigen ihrer Generation.

Sie hat dem Bösen (Donald Trump) ins Auge gesehen und gesiegt. Sie wurde als riesiges Wandbild in San Francisco verewigt.

Das Mädchen, das die größte globale Jugendbewegung des 21. Jahrhunderts losgetreten hat, ist endgültig zur Ikone geworden. Jetzt ist sie wieder dort angekommen, wo es mit „Fridays For Future“ vor einem Jahr so richtig losging: auf der alljährlichen Klimakonferenz, auf der sich 2018 in Kattowitz Thunberg und Luisa Neubauer begegneten und die großen Streiks lostraten.

Zum Glück ist Greta sicher wieder in der Alten Welt angekommen – der Nordatlantik im Winter ist nicht der Ort für einen entspannten Segeltörn, noch nicht einmal mit einer Weltklasse-Skipperin. Die Britin Nikki Henderson brauchte ihr ganzes Können, um ihre kostbare Fracht sicher über den Teich zu bringen.

Henderson aber musste dafür erst einmal von England in die USA reisen, und natürlich ist sie geflogen (und hat zum Ausgleich CO₂‐Ablassbriefe gekauft). Wie es eben jeder umweltbewusste Mensch tut, der Termine hat und sein Gewissen entlasten will. Auch auf dem Hinweg per Rennjacht flog die Crew, die in New York ausgetauscht wurde.

Es gibt keine umweltfreundlichen Fernreisen

Die gefährlichen Törns bewiesen also nur eins: dass es keine wirklich umweltfreundlichen Fernreisen gibt, für die Masse schon gar nicht. Sie sind das Eingeständnis eines Scheiterns: Verzicht und Askese ändern nichts, wenn sie nicht als Beispiel dienen können.

Die globale Klimaschutzbewegung brauchte Greta Thunberg: als Ikone, als das rätselhafte, radikale, schlechte Gewissen. Niemand sonst konnte der Weltgemeinschaft so wütend ihr „Wie wagt ihr es?“ entgegenschleudern, ihr „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“.

Nun ist Thunberg zurück – und die Bewegung braucht sie eigentlich nicht mehr. Sie muss die Politik anders vor sich hertreiben, nicht mehr mit Symbolen, sondern mit Konzepten und Ideen, vor allem auch solchen für den Ausgleich zwischen sozialer Ungerechtigkeit und Klimaschutz.

Die Bewegung kann Fehler machen, wenn ihre Gesichter Fehler machen. „Extinction Rebellion“ kann sich vielleicht nie mehr von den Skandalen um seinen Gründer Roger Hallam erholen, der sich mit widerlichen Holocaust-Vergleichen verrannte.

Fehler geschehen auch im Kleinen: Die zunächst naive, dann relativierte Unterstützung von Luisa Neubauer für das undurchdachte und sozial ungerechte Weltrettungs-Event im Olympiastadion für 29,95 Euro war ein erster Warnschuss.

„Fridays For Future“ muss erwachsen werden und dicke politische Bretter bohren. Abenteuertörns gehören dann in die Freizeit.

 

 

Von Jan Sternberg/RND