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Hätten Sie es noch gewusst? Die Bildkombo zeigt die britischen Premierminister seit dem EU-Beitritt: Edward Heath (Archivfoto von 1998, obere Reihe l-r), Harold Wilson (1974), James Callaghan (1974), Margaret Thatcher (2007); John Major (1996, untere Reihe l-r), Tony Blair (2011), Gordon Brown (2009) und David Cameron (2016). Rechts außen: die amtierende Ministerpräsidentin Theresa May.

Wahlen im Königreich: Wann die Briten die Weichen neu stellten

An diesem Donnerstag steht im Vereinigten Königreich die «Brexit»-Richtungswahl an. Die Briten sind in der Frage des EU-Austritts ihres Landes gespalten. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg stimmten sie mehrfach für politische Kurswechsel.

London. Die Briten stehen vor einem der entscheidendsten Wahlgänge ihrer jüngeren Geschichte. Mit den „Brexit“-Wahlen stellen sie an diesem Donnerstag die Weichen für die Zukunft des Vereinten Königreichs, wie bei einer Reihe von Richtungswahlen seit dem Zweiten Weltkrieg. Diesmal aber geht es vor allem auch um das künftige Verhältnis zu Europa.

1945 musste Churchill erstmals gehen

Im Zweiten Weltkrieg war Premierminister Winston Churchill zum Inbegriff Großbritanniens geworden. Er verkörperte Entschlossenheit, Durchhaltevermögen, Überzeugung. Dennoch sehnten sich die Briten nach den verlust- und entbehrungsreichen Jahren des Krieges nach einem Wechsel an der Spitze des Landes.

Churchills Konservative, die über die Kriegsjahre hinweg die Regierungskoalition leiteten, mussten 1945 der Labour-Partei weichen, die das Vereinigte Königreich mit einem Programm zum wirtschaftlichen Wiederaufbau aus der Asche des Krieges zu holen versprach. Unter Clement Attlee verbuchte sie bei der ersten Wahl seit 1935 einen durchschlagenden Erfolg. Sie kam auf fast 48 Prozent der Stimmen, während die Konservativen auf gut 36 Prozent abrutschten.

Hier finden Sie nach der Wahl die konkreten Ergebnisse:

Den Erdrutschsieg verdankte Labour seinem Wirtschaftsprogramm, das das kriegsmüde Land aufbauen und sozial stärken sollte. Die kostenlose Gesundheitsversorgung NHS und der Wohlfahrtsstaat wurden geboren, Vollbeschäftigung stand im Fokus und Sozialreformen waren angesagt. Auch unter nachfolgenden konservativen Regierungen – 1951 kehrte Churchill ins Amt des Premierministers zurück – blieb dies jahrzehntelang Grundlage des politischen Handels.

1964 erschütterte ein Sexskandal die Insel

Wirtschaftsprobleme und nicht zuletzt die Profumo-Affäre – ein Sexskandal um Heeresminister John Profumo, bei dem um die nationale Sicherheit gefürchtet wurde – brachten die Konservativen in den 1960er Jahren ins Trudeln. Das politische Establishment schien hinter der Zeit zurückgeblieben, während die Wähler nach vorne schauen wollten.

 

Hier brachte sich Harold Wilson mit der Labour-Partei ins Spiel. 1963 malte er in einer Rede das Bild von einem neuen Großbritannien, das mit der Glut einer wissenschaftlichen Revolution geschmiedet würde. Ein Jahr später wurde er ins Amt des Regierungschefs gewählt.

Wilson stand vor der Herausforderung, sein Land aus dem wirtschaftlichen Tief zu ziehen. Um die schweren Altlasten in den Griff zu bekommen, musste er auch das Pfund abwerten. Mit einer Unterbrechung blieb Labour an der Macht – bis 1979 Margaret Thatcher die Richtung wieder änderte.

1979 ebnete der „Winter der Unzufriedenheit“ Thatcher den Weg

Der „Winter of Discontent“ (Winter der Unzufriedenheit) Ende der 1970er, bei dem Großbritannien inmitten eines harten Sparkurses von landesweiten Streiks gelähmt wurde, ebnete den Weg für einen Rechtsruck. Letztlich führten die Streiks zum Rücktritt der Labour-Regierung und zu Thatchers Wahlsieg.

Die „Eiserne Lady“ läutete einen streng konservativen Kurs ein. Sie sagte den Gewerkschaften den Kampf an, außenpolitisch erklärte sie Argentinien den Krieg um die Falklands. Beides gewann sie, wenn auch zu einem hohen Preis.

Die Thatcher-Regierung spaltete das Land. Teile der Gesellschaft florierten in den 80er Jahren. Doch insgesamt nahmen Armut und Arbeitslosigkeit gravierend zu. Besonders der Norden war getroffen. Dort zerbrachen die alten Industrien, allen voran der Bergbau.

1990 folgte John Major

Thatcher gewann zwar drei aufeinanderfolgende Wahlen, wurde dann aber 1990 parteiintern gestürzt. Nicht zuletzt ihr zunehmend rauer Umgang mit Europa und Widerstand gegen stärkere politische Integration stießen im eigenen Kabinett auf Unmut. Als Nachfolger zog John Major in Downing Street 10 ein.

1997 kam Labour mit Tony Blair an die Macht

Nach 18 Jahren konservativer Regierungen stimmten die Briten 1997 erneut für den Umschwung. Tony Blair versprach frischen Wind und präsentierte seine „New Labour“-Partei. Diese hatte sich von der früheren linken Ausrichtung stark in die Mitte bewegt und zeigte sich äußerst EU- und wirtschaftsfreundlich.

Anfangs zählte Blair als Prioritäten „Bildung, Bildung, Bildung“ auf. Immer mehr bemängelten aber Kritiker, dass häufig mehr Schein als Sein geboten wurde.

Außenpolitisch verschrieb sich Blair Militärinterventionen in Serbien oder Sierra Leone und folgte US-Präsident George W. Bush in die Kriege in Afghanistan und im Irak. Als sich die Existenz von Massenvernichtungswaffen, die als Begründung für den Militärschlag im Irak herangezogen worden war, nicht beweisen ließ, geriet Blair innenpolitisch stark unter Druck. Nach drei erfolgreichen Wahlen musste Blair das Ruder schließlich 2007 an Schatzkanzler Gordon Brown abgeben – mit einem vom Irak-Krieg überschatteten Erbe.

2010 zog David Cameron in Downing Street ein

Brown blieb nur drei Jahre im Amt. Seine Zeit in Downing Street war überschattet von der globalen Finanzkrise 2008. Bei den Wahlen 2010 musste er sich dem jüngeren und charismatischer wirkenden David Cameron geschlagen geben.

Zusammen mit den Liberaldemokraten als Koalitionspartner brachte Cameron die Konservativen zurück in die Regierung. Er blieb bis zum Juni 2016 Premierminister – am Tag nach dem von ihm erfundenen Brexit-Referendum kündigte er an, Platz für einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu machen. Auf Cameron folgten Theresa May und Boris Johnson, ihnen geblieben ist die Brexit-Last.

RND/AP/cle