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Im Ruhrgebiet haben sich Probleme mit Armut verfestigt, wie eine Studie des Paritätischen Gesamtverbandes zeigt. Quelle: Fabian Strauch/dpa

Das Ruhrgebiet darf nicht zum Armenhaus Deutschlands werden

15,5 Prozent der Menschen in Deutschland sind arm, stellt eine Studie des Paritätischen Gesamtverbandes fest. Dieser Armutsbericht ist nur begrenzt aussagekräftig, weil Armut immer auch eine Frage der statistischen Definition ist. Doch der Bericht macht Probleme deutlich, die ein Gegensteuern erfordern, kommentiert Tobias Peter.

Berlin. Arm in einem reichen Land? Das ist überflüssig und bitter. Es ist aber gar nicht so leicht, Armut zu messen. Als armutsgefährdet gilt nach einer gängigen Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Armut wird also relativ gemessen. Der Gedanke dahinter: Wer so viel weniger hat als andere, kann nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – auch wenn er materiell das Nötigste bekommt. Es stimmt nachdenklich, dass der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes zeigt: 15,5 Prozent der Menschen in Deutschland fallen unter die genannte Schwelle.

Mietenexplosion in Ballungsgebieten

Doch der Bericht ist nur begrenzt aussagekräftig. Die Lebenshaltungskosten fallen regional unterschiedlich aus. Es ist ein Riesenunterschied, ob ein Single in München oder in einer ländlichen Region Thüringens mit 1035 Euro auskommen muss, also mit der Summe, mit der er an der Armutsgefährdungsschwelle liegt. Das gilt auch für Familien, deren Werte noch mal komplizierter berechnet werden. Die Mietenexplosion in Ballungsräumen bringt im wirklichen Leben schon Mittelschichtsfamilien in eine Lage, in der sie sich der Armut nahe fühlen.

Dennoch lassen sich aus dem Armutsbericht wichtige Erkenntnisse ziehen – gerade, was die regionalen Unterschiede angeht. Er zeigt, dass der Osten aufgeholt hat, aber noch immer Aufholbedarf besteht.

Es gibt aber auch handfeste Probleme im Westen: In Hessen gibt es Regionen, in denen die Armutsgefährdung zugenommen hat. Mancherorts hat sich das Problem scheinbar unaufhaltsam verfestigt: Wir müssen aufpassen, dass das Ruhrgebiet nicht zum Armenhaus Deutschlands wird. Hier ist mehr als jeder Fünfte von Armut gefährdet. Wäre es ein Bundesland, dann hätte das Ruhrgebiet in Sachen Armut die zweitmiesesten Werte in Deutschland – nur in Bremen ist es schlimmer. Das Ruhrgebiet ist aber keine einzelne Stadt, sondern Deutschlands größter Ballungsraum – mit knapp sechs Millionen Menschen.

Im Grundgesetz ist von der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ die Rede. Wir dürfen keine Region zurücklassen.

Von Tobias Peter/RND