Donnerstag , 27. Februar 2020
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Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, vor einer Rede. Quelle: -/Pool Presidential Press Servic

Möglicher Libyen-Einsatz der Türkei: Erdogans Großmachtfantasien

Das türkische Parlament berät über eine Entsendung von Truppen in das Bürgerkriegsland Libyen. Erdogans Postulat lautet: Die Türkei muss in allen Weltgegenden Flagge zeigen, die einst zum osmanischen Reich gehörten. Aber es ist gut möglich, dass er in Libyen aufs falsche Pferd setzt, kommentiert Gerd Höhler.

Ankara. Mit dem möglichen Militäreinsatz in Libyen will der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Rolle seines Landes als Führungsmacht im Nahen Osten, Nordafrika und östlichen Mittelmeer festigen. Erdogans Postulat lautet: Die Türkei muss in allen Weltgegenden Flagge zeigen, die einst zum osmanischen Reich gehörten. Mit seinen Großmachtfantasien will Erdogan nicht zuletzt die Bevölkerung über die schwierige Wirtschaftslage und die wachsenden Demokratiedefizite hinwegtrösten.

Aber die Völker im Nahen Osten und Mittelasien, auf dem Balkan und in Nordafrika haben die Osmanenherrschaft keineswegs als so glanzvoll in Erinnerung, wie Erdogan sie den Türken ausmalt. Mit seiner Unterstützung für radikal-islamische Regime wie die Muslimbrüder in Ägypten und jetzt die Regierung in Tripolis macht sich Erdogan in der arabischen Welt Feinde. Und nicht nur dort.

Erdogan wirft sich Kremlchef Wladimir Putin in die Arme

Die Beziehungen der Türkei zur EU, zur Nato und zu den USA sind zerrüttet. Im Nahen Osten ist das wegen Terrorvorwürfen selbst isolierte Emirat Katar Erdogans einziger Verbündeter, in der EU hat er nur den Rechtspopulisten Viktor Orban als Freund. Washington droht der Türkei mit Strafen wegen ihrer Waffengeschäfte mit Russland, die EU prüft Sanktionen, weil die Türkei den Mitgliedsstaaten Griechenland und Zypern ihre Bodenschätze streitig macht.

Erdogan wirft sich derweil Kremlchef Wladimir Putin in die Arme. Aber für Russland ist die Türkei nur nützlich, um Zwietracht in der Nato zu säen. In Syrien und Libyen haben Ankara und Moskau gegensätzliche Interessen, im östlichen Mittelmeer und Mittelasien sind beide Länder keine Verbündeten, sondern Rivalen.

In Syrien scheiterte Erdogan mit dem Versuch, den Machthaber Assad zu stürzen und in Damaskus ein sunnitisch-islamistisches Regime zu etablieren. Gut möglich, dass er auch in Libyen mit Sarradsch aufs falsche Pferd setzt. Das wäre ein weiterer außenpolitischer Rückschlag. International ist die Türkei unter Erdogan schon jetzt so isoliert wie noch nie zuvor seit der Gründung der Republik vor fast 100 Jahren.

 

Von Gerd Höhler/RND