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Stephan E., Tatverdächtiger im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, wird nach einem Haftprüfungstermin beim Bundesgerichtshof (BGH) zu einem Hubschrauber gebracht. (Archivfoto) Quelle: Uli Deck/dpa

Mordfall Lübcke: Das Märchen vom Einzeltäter

Der Verdächtige Stephan E. behauptet, ein Komplize habe den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen. Nicht erst seit dieser neuen Aussage stellt sich die Frage nach Hintermännern. Die Aufklärung möglicher Netzwerke ist der Rechtsstaat den Opfern schuldig, kommentiert Jörg Köpke.

Berlin. Die These, erst das neue Geständnis des dringend tatverdächtigen Stephan E. im Mordfall Walter Lübcke werfe Fragen nach Mittätern auf, hinkt.

Von Anfang an hätte es bei der Aufklärung des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten nicht etwa um die Frage gehen müssen, ob Stephan E. Helfer hatte, sondern wie viele und aus welchen Netzwerken sie kamen.

In Kassel mordete auch der NSU

Die Region um Kassel mit ihrer Nähe zu Nordthüringen und Südniedersachsen ist Rückzugsgebiet und Aktionsland für Rechtsextremisten. Dort mordete auch der Nationalsozialistische Untergrund (NSU). Ein früherer Verfassungsschützer, später Mitarbeiter auf dem Regierungspräsidium Lübckes, war nur wenige Meter vom NSU-Tatort in Kassel entfernt. Hessen hält die Akten noch für Jahrzehnte unter Verschluss.

Stephan E. ist in der rechten Szene kein unbeschriebenes Blatt. Schon vor Jahren nahm er in Schleswig-Holstein an Neonazi-Demonstrationen teil. Er hatte offenbar Kontakte zu Angehörigen von Combat 18 Pinneberg.

Woher kam die Mordwaffe?

Aus Beständen dieser extrem gewalttätigen rechtsextremen Gruppe könnten Waffen stammen, die sowohl bei den Taten des NSU als auch im Mordfall Lübcke eine Rolle spielten. Die Bundesanwaltschaft hat Akten der Staatsanwaltschaft Kiel angefordert, um mögliche Hinweise zu prüfen.

Lübcke wurde mit einer brasilianischen „Rossi“ erschossen. Über Revolver dieses Typs verfügte auch Combat 18 Pinneberg. Zu Details der Waffen, die bei Stephan E. gefunden wurden, schweigen sich die Sicherheitsbehörden aus.

Die Frage, ob es Unterstützer gab, spielt die Dimension des Falles auf unzulässige Weise herunter. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt und vom Zeitpunkt der Aussage des Tatverdächtigen, nicht er, sondern ein Helfer habe versehentlich geschossen, muss dringender denn je allen Hinweisen auf Hintermänner nachgegangen werden. Und es muss geklärt werden, wie tief der Verfassungsschutz verstrickt war.

Das ist der Rechtsstaat den Opfern und Hinterbliebenen rechten Terrors schuldig.

Von Jörg Köpke/RND