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Bund und Länder müssen noch einiges tun, bis der Anspruch auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule tatsächlich Wirklichkeit ist.

Deutschland braucht mehr Ganztagsbetreuung – und jedes Talent

Eine Studie des Weltwirtschaftsforums zeigt: Deutschland muss mehr für faire soziale Aufstiegschancen tun. Ein Weg dahin könnte die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen sein. Bund und Länder müssen hier mehr investieren und bei der Umsetzung des geplanten Rechtsanspruchs bestimmte Fehler vermeiden, kommentiert Tobias Peter.

Berlin. Wenn Regierungschefs und Wirtschaftsführer ab Dienstag in Davos beim Weltwirtschaftsforum zusammenkommen, steht eines schon mal vorab fest: Deutschland hinkt in Sachen soziale Aufstiegschancen hinterher. Das ist das bedauerliche Ergebnis einer Studie, die das Forum kurz vor Beginn der Tagung vorstellte.

Ein mittelmäßiges bis schlechtes Zeugnis ist dann besonders ärgerlich, wenn es absehbar ist. Für einen Schüler gilt das, wenn er zu faul war. Mit der deutschen Politik und den Mängeln in Sachen Aufstiegschancen ist es ähnlich: Denn seit dem Schock durch das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 hat sich hat sich gerade auf diesem Gebiet zu wenig geändert.

Die Bildungsforscher sind sich einig

Die Empfehlungen der Bildungsforscher sind von Anfang an eindeutig gewesen: Baut die frühkindliche Bildung aus! Setzt auf den Ganztag! Die Logik dahinter ist so einfach wie bestechend: Von einer umfangreichen frühen Förderung profitieren zuallererst diejenigen, die zu Hause nicht optimal unterstützt werden. Das sind Kinder, bei denen die Eltern nicht vorlesen. Es sind Kinder, die kein teures, pädagogisch wertvolles Spielzeug bekommen, sondern viel zu oft vor dem Fernseher abgestellt werden. Und auch Kinder, bei denen zu Hause vielleicht nur wenig oder unzureichend Deutsch gesprochen wird.

Bildungsforscher kritisieren, dass die Reformdynamik in Deutschland in den vergangenen Jahren nachgelassen habe: Ein Befund, der sich eins zu eins in den mäßigen Pisa-Ergebnissen vom Dezember vergangenen Jahres wiederfindet.

Der Bund profitiert, aber zahlt zu wenig

Ein wichtiges Beispiel, bei dem es stockt, ist der Ausbau von Ganztagsplätzen an den Grundschulen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet jetzt schlüssig vor: Zumindest ein Teil der nötigen Investitionen finanziert sich für den Staat von selbst. Der Grund: Mütter – die auch heute in der Regel den größeren Teil der Erziehungsarbeit übernehmen – haben es dann leichter, erwerbstätig zu sein. Sie zahlen dann auch mehr Steuern und Sozialbeiträge.

Von zusätzlichen Steuereinnahmen wird in hohem Maß der Bund profitieren. Vielleicht ist das ja ein Ansporn für die Bundesregierung, den Ländern jetzt schnell zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Mit den zwei Milliarden Euro, die der Bund bislang eingeplant hat, ist es lange nicht getan.

Die Länder können sich nicht auf eine Lösung einlassen, bei der sie auf den Kosten für den laufenden Betrieb allein sitzen bleiben. In Ganztagsschulen dürfen die Kinder nicht nur verwahrt werden. Gebraucht wird ein hochwertiges pädagogisches Programm – mit zusätzlichem Personal.

In Zeiten des demografischen Wandels und Fachkräftemangels kann Deutschland es sich nicht leisten, Kinder aus bildungsfernen Familien nicht optimal zu fördern. Wir brauchen jedes Talent. Ohne Ausnahme.

 

Von Tobias Peter/RND