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75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau möchte das RedaktionsNetzwerk Deutschland eine Woche lang erinnern. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa/Montage RND

„Wir dürfen die Einzelschicksale hinter den Millionen Opfern nicht vergessen“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist zum Reden nach Jerusalem gekommen, doch zunächst hört er zu. Beim Treffen mit Holocaust-Überlebenden erinnert er an die Verantwortung Deutschlands.

Jerusalem. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist zum Reden nach Israel gekommen. An diesem Donnerstag wird er als erster deutscher Bundespräsident überhaupt eine Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem halten.

Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers kommen unter anderem die Präsidenten Frankreichs und Russlands, Emmanuel Macron und Wladimir Putin, US-Vizepräsident Mike Pence und der britische Thronfolger Prinz Charles nach Jerusalem zu einer Großveranstaltung mit dem Titel „An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen“.

An diesem Mittwoch aber war Steinmeier zunächst zum Zuhören dort. 25 alte und sehr alte Frauen und Männer sitzen in einem stickigen Raum in einem Hochhaus im Zentrum Jerusalems, Neonleuchten erhellen den Raum. Hier ist eine der Begegnungsstätten von Amcha, der zentralen Hilfsorganisation für jüdische Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen.

Es entspinnt sich ein Gespräch ums Überleben, um die Befreiung und die Unsicherheit danach – und um das lange Schweigen derer, die den deutschen Todeslagern entkommen waren.

„Erst als meine Frau vor elf Jahren gestorben ist, habe ich angefangen, über die Schoah zu sprechen“, berichtet der 102 Jahre alte Elias Feinsilber. Gebeugt sitzt der Greis da, mit Kippa auf dem kahlen Schädel und wachen Augen. Er hat zehn Lager überlebt, darunter Auschwitz-Birkenau, Dachau, Buchenwald.

Nach dem Krieg arbeitete er im Straßenbau und im Bergwerk, lernte in einem US-amerikanischen Lager seine Frau kennen. Beide emigrierten nach Guatemala, lebten 22 Jahre dort. „Unsere Kinder sollten in einem Staat aufwachsen, der ihnen auch gehört, nicht wie wir“, entschieden sie dann. 1969 siedelten sie nach Israel über. Feinsilber hat heute 21 Enkelkinder, „das ist meine Rache an den Nazis“.

Amcha betreut in Israel fast 20.000 Überlebende in Begegnungszentren und betreut die immer älter werdenden Frauen und Männer auch zu Hause. Die Psychologin Giselle Cycowicz kennt die Traumata, die sie bis ins hohe Alter plagen. Sie kennt sie aus ihrem eigenen Leben. Cycowicz hat Auschwitz-Birkenau überlebt und die Zwangsarbeit in einer Flugzeugfabrik bei Mittelsteine in Niederschlesien. Sie ist 92 Jahre alt, hat 21 Enkel und bald 26 Urenkel.

Bei Amcha arbeitet sie, seit sie mit 65 Jahren nach Israel kam. Statt eines Ruhestands holt sie jetzt lange Versäumtes nach. In den USA, wo sie vorher gelebt hatte, sprach sie nie über ihr Überleben – und über alles was danach folgte.

Nicht darüber, dass sie bis heute ununterbrochen friert, weil sie den Weg vom Lager in die Fabrik nicht vergessen kann: eine Stunde durch den Schnee, ohne Socken und Schuhe. Nicht, dass sie am Tag der Befreiung nicht jubeln konnte. Den 8. Mai 1945 erlebte sie in einem Lager in Mähren, ein Mann kam und sagte: „Ihr könnt jetzt gehen, wohin ihr wollt.“

Die 300 Häftlingsmädchen sahen sich an, mit eingesunkenen Schultern. Keine jubelte. „Keine von uns rief Halleluja. Denn wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten.“

Dann spricht Sendel Menachem, der aus dem Ghetto floh und vier Jahre in den Sümpfen der Ukraine überlebte. Kürzlich hat er angefangen, diese Orte zu zeichnen, weil seine Enkel ihn gefragt haben, wo er herkommt. Seine Kinder haben nie gefragt.

Steinmeier fragt, hört zu, schweigt. Es ist sein 23. Besuch in Israel, sagt er zu Beginn, ihn bewegt das Thema schon lange.

„Wir dürfen die Einzelschicksale hinter den Millionen Opfern nicht vergessen“, sagt er. „Ich will Ihnen versichern, dass wir um die Verantwortung Deutschlands wissen, und Ihnen sagen, dass es eine Verantwortung ist, die keinen Schlussstrich kennt.“

Die Verabschiedung ist herzlich. „Der Bundespräsident ist ein warmherziger, angenehmer Mensch. Ich bin sehr froh, dass er da war, es war eine große Ehre“, sagt Cycowicz. „Beeindruckt und bedrückt zugleich“ zeigte sich Steinmeier nach dem Gespräch.

Die anderen Termine auf Steinmeiers Israel-Reise könnten weniger harmonisch ablaufen. Auch wenn alle Staatschefs sich einig sein werden, den Antisemitismus stärker zu bekämpfen, setzen sie doch unterschiedliche Schwerpunkte. Steinmeier treibt um, dass heute viele Menschen und Politiker die Lösung der Probleme in neuem völkischen Denken, übersteigertem Nationalismus und Antisemitismus sehen.

Wird das Gedenken politisch instrumentalisiert?

In Israel gibt es unterdessen Befürchtungen, dass die Konferenz in Yad Vashem ein anderes geschichtspolitisches Bild vermitteln könnte. Der renommierte Holocaust-Historiker Amos Goldberg von der Hebrew University in Jerusalem sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Der Kampf gegen den Antisemitismus sollte ein Kampf gegen jede Form des Fanatismus sein. Die jetzige israelische Regierung hält aber jede Kritik an der israelischen Politik für per se antisemitisch und stellt das in den Vordergrund.“

Goldberg fordert, „dass die versammelten Staatschefs eine Erklärung verabschieden, die den Kampf gegen den wahren Antisemitismus verdammt – und der wird zurzeit vor allem von radikal rechten Kräften und Regierungen gefördert“. Antisemitismus hänge mit Intoleranz zusammen, mit Islamfeindlichkeit und Verachtung der Demokratie. Doch allzu große Hoffnungen macht sich Goldberg nicht: „Ich befürchte, das wird nicht geschehen. Denn es sind solche Regierungen, mit denen die jetzige israelische Regierung befreundet ist.“

Antisemitische Gewalttaten nehmen zu

Der Antisemitismus insgesamt nehme in vielen Ländern nicht dramatisch zu, sagt Goldberg. Beunruhigend sei allerdings der Anstieg der gewalttätigen antisemitischen Angriffe. „Und diese werden von der globalen Rechten und von einigen sehr radikalen Islamistengruppen legitimiert. Wir müssen für die Demokratie kämpfen, nicht gegen Antisemitismus allein.“

Im Vorfeld der Veranstaltung in Yad Vashem hatte es einen Eklat gegeben: Der polnische Präsident Andrzej Duda hatte seine Teilnahme abgesagt, weil er im Gegensatz zum russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht reden durfte. Zwischen Russland und Polen ist eine heftige geschichtspolitische Kontroverse über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entbrannt. Duda wollte in Yad Vashem auf Putins Vorwürfe antworten. Polen wird jetzt durch den Botschafter in Israel vertreten. Putin wird im Gegenzug nicht zur Gedenkfeier nach Auschwitz fahren.

Die liberale israelische Tageszeitung „Haaretz“ kritisierte sogar, dass die Gedenkveranstaltung in Yad Vashem „für Putin, Politik und Macht gekidnappt“ werde.

 

Von Jan Sternberg/RND