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Das Logo der CDU vor der Jahresanfangsklausur des Parteivorstands in Hamburg. Quelle: Christian Charisius/dpa

Wie die CDU sich selbst zerstört

Schuld am Trudeln der CDU ist nicht die Trennung zwischen Kanzlerschaft und Parteivorsitz oder der Rücktritt von Kramp-Karrenbauer. Grund der Misere sind seit Jahren andauernde Machtkämpfe und die mangelnde Teamfähigkeit zentraler Figuren. Wenn die Egotrips fortdauern, zerstört sich die CDU selbst, kommentiert Daniela Vates.

Berlin. Nun also erinnern sie sich an das Wort Zusammenhalt in der CDU, zumindest an das Wort. Der große Kahn liegt schräg im Wasser, übel zugerichtet, mit zerfetzten Segeln, die Steuerfrau ruft Appelle ins Nichts, Offiziere paradieren in Fantasieuniformen auf den Zwischendecks.

Die lange so stabil und unerschütterlich scheinende CDU droht an sich selbst zu zerbrechen, zugrunde zu gehen nicht an Stürmen, sondern an der Unfähigkeit der Mannschaft, sich als solche zu begreifen. Über Jahre hat hier jeder vor allem eines gemacht: seins.

Das Schlingern hat ja nicht gerade erst begonnen. Es hat nur vor wenigen Tagen seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Annegret Kramp-Karrenbauer kündigte ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur an und ihren Rückzug vom gerade eben erst mühsam erkämpften Parteivorsitz.

Resignation der Steuerfrau

Sie wolle die CDU befreien von einer Last, so hat sie ihren Schritt begründet. Befreit hat Kramp-Karrenbauer vornehmlich sich selbst, ganz offenkundig zermürbt und entnervt von einer Situation, die sie nicht mehr in den Griff zu bekommen glaubte.

Es war die verständliche Resignation einer ungehörten Steuerfrau, die auf Teamgeist gesetzt hatte statt auf Selbstdarstellung.

Gescheitert ist sie auch an eigenen Fehlern, vor allem aber an der Unnachgiebigkeit ihrer Gegner.

Vorhalten lässt sich Kramp-Karrenbauer der Zeitpunkt ihres Rückzugs. Kurz nach der Thüringen-Wahl kann ihn die AfD nun als Trophäe für sich reklamieren.

Ablenkung vom wahren Grund

Und indem Kramp-Karrenbauer die Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft zum Grund ihres Scheiterns erklärt, lenkt sie ab von dem, was sie tatsächlich hat mürbe werden lassen. Ein Dienst an der CDU ist beides nicht.

Es ist ja nicht vor allem Kramp-Karrenbauer, die die CDU in die Krise gestürzt hat, und es ist auch nicht Angela Merkel.

Auch die Trennung von Parteivorsitz und Kanzleramt, die nun als entscheidender Fehler ins Feld geführt wird, war nicht das Problem. Hätte Merkel beide Ämter abgegeben im Herbst 2018, wäre die ohnehin labile Regierungskoalition zerbrochen – ein halbes Jahr nachdem sie sich endlich zusammengefunden hatte. Es wäre ein Fest gewesen für Antidemokraten.

Problem der Ämterdoppelung

Und ohnehin: Wenn etwas nicht mehr gut funktioniert hatte zuletzt, dann war es doch die Vereinigung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz in einer Person. Angela Merkel blieb nicht nur wenig Zeit für die Partei, sie ordnete sie auch dem Kompromissgedanken unter, der für sie als Regierungschefin handlungsleitend war.

Die Trennung beider Posten hätte eine Chance der CDU für eine inhaltliche Neuorientierung und Frischekur sein können. Sie hat sie leichtfertig verspielt.

Die CDU ist in der Krise, weil die Gegner der Chefinnen sich unversöhnlich und kompromisslos gezeigt haben, weil sie erst die eine und dann die andere nicht akzeptieren wollten.

Meuternde Offiziere

Damit standen persönliche Animositäten vor der inhaltlichen Auseinandersetzung und Weiterentwicklung. Ein Teil der Offiziere und Matrosen meuterte, ohne Rücksicht darauf, dass damit das Schiff nicht mehr steuerbar war.

Die Kanzlerin hat es dabei versäumt, den offenkundigen Verlustgefühlen von Teilen der Partei in einer liberaler gewordenen Gesellschaft in den vergangenen Jahren aktiver zu begegnen als mit dem Festhalten an einem Nein zum Adoptionsrecht Homosexueller.

Es hätte allerdings auch Offenheit auf der anderen Seite bedurft.

Destruktion oder Teamarbeit

Deren Beliebigkeit wird illustriert durch die allgegenwärtige Forderung nach Führung bei gleichzeitiger Empörung über Entscheidungen.

Die Rufe nach Zusammenhalt und neuem Schwung sind berechtigt, aber aus dem Munde mancher klingen sie hohl.

Ob der Thüringen-Schock ein heilbarer war, ob die handelnden Destrukteure Konsequenzen gezogen haben, ist noch unklar. Einiges deutet darauf hin, dass der Machtkampf sich fortsetzen könnte, dass also über Appelle hinaus wenig Bereitschaft besteht für tatsächliche Gemeinsamkeit. Wenn das so ist, muss sich die CDU keine Gedanken machen über eine Kursbestimmung zwischen Rechts und Links.

Ein Kapitän, der keine Mannschaft hat, scheitert genauso wie der, der nicht auf eine Mannschaft setzt.

Von Daniela Vates/RND