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Ist Rechtschreibung noch wichtig? Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, sagt Ja – und fordert einen Pakt für bessere Rechtschreibung. Quelle: imago images/Future Image/Torsten Silz/Montage RND

Kultusminister-Chefin Hubig: Rechtschreibung ist “eine soziale Frage”

Schlechte Pisa-Ergebnisse, Streit über die Sommerferientermine: Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, steht vor großen Herausforderungen. Die SPD-Politikerin, die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz ist, dringt unter anderem auf einen Pakt für bessere Rechtschreibung.

Frau Hubig, für Familien mit Schulkindern kann es zum Drama werden, von einem Bundesland ins andere zu ziehen. Werden die Kultusminister diesen Missstand endlich beheben?

Ich bin als Kind selbst von Nordrhein-Westfalen nach Bayern gezogen, gemeinsam mit meinen Eltern und meiner Schwester. Wir haben das beide gut hinbekommen. Ich warne vor Dramatisierungen. Das Ziel ist aber klar: Wir wollen die Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern erhöhen – und dabei geht es um alle Schularten und Abschlüsse.

Was heißt das konkret: Wird es solche Probleme in fünf Jahren nicht mehr geben?

Alle Bundesländer müssen bereit sein, sich zu bewegen. Mein Ziel ist, dass wir in diesem Jahr zu einer Vereinbarung der Länder für mehr Gemeinsamkeit kommen, ob nun durch einen Staatsvertrag oder durch eine andere verbindliche Ländervereinbarung.

Bekommt Deutschland ein Zentralabitur?

Es wird kein Zentralabitur geben in dem Sinn, dass an einem Tag in Deutschland alle Schülerinnen und Schüler überall dieselben Prüfungen schreiben.

Gibt es dafür noch irgendeinen Grund außer den, dass viele in den Länderregierungen einfach nur keine Lust haben, eigene Kompetenzen abzugeben?

Der Ruf nach einem Zentralabitur ist längst nicht mit einem vergleichbaren Abitur gleichzusetzen. Die Abiturprüfungen selbst machen nur ein Drittel der Endnote aus. Welche Kurse müssen eingebracht werden? Welche Fächer müssen in welchem Maß belegt und geprüft werden? Das sind Fragen, die wir in diesem Kontext beantworten müssen. Wir brauchen hier einheitliche Regeln für alle Länder. Das hinzubekommen, ist eine Aufgabe der Kultusministerkonferenz.

Das Ergebnis der Pisa-Studie war enttäuschend, der IQB-Bildungstrend hat zudem gezeigt, dass die Unterschiede zwischen den Bundesländern riesig sind. Können Sie es verstehen, wenn Eltern an der deutschen Bildungspolitik verzweifeln?

Die Studien sind wichtig. Ich warne aber davor, so zu tun, als gäbe es in Deutschland keinen guten Unterricht und als könnten unsere Schüler nichts. Wir haben ein gutes Bildungssystem über alle Schularten hinweg. Sehen Sie allein das große Engagement, mit dem sich Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte erfolgreich in Wettbewerben wie „Jugend forscht“ einbringen. Gleichzeitig wollen wir – vor allem mit Blick auf die Pisa-Studie – daran arbeiten, dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen. Das ist und bleibt eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nehme ab, hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann gesagt. Brauchen wir nicht im Gegenteil einen Pakt für bessere Rechtschreibung?

Ja. Lesen, schreiben, rechnen – das müssen alle Kinder in der Grundschule lückenlos lernen. Herr Kretschmann muss sich klarmachen, dass genau das eine soziale Frage ist. Denn wer zu Hause nicht optimal gefördert wird, ist darauf angewiesen, dass die Schule sich in hohem Maß auf die Grundlagen konzentriert. Das tun wir in den Ländern auch. Zu dieser, aber auch zu anderen Fragen sollten wir 16 Länder uns aus meiner Sicht noch stärker Expertenrat einholen und uns regelmäßig austauschen. Dazu könnten gerade auch Empfehlungen eines Sachverständigenrates beitragen.

Eine Zusatzauswertung der Pisa-Studie zeigt, dass deutsche Mädchen gerne Lehrerin werden wollen, die Jungs IT-Spezialist. Wie wollen Sie die Mädchen stärker für Mathe, Naturwissenschaften und Informatik begeistern?

Ich selbst war als Schülerin eine Zeit lang auf einem reinen Mädchengymnasium und eine Zeit lang auf einer gemischten Schule. Die Erfahrungen zeigen: In Klassen ohne Jungen lassen sich Mädchen häufig leichter für Physik begeistern. Die Jungen stürmen in diesen Fächern nach vorn und sagen: “Ich mache das Experiment.” Mädchen sind da oft zurückhaltender und sagen: “Dann schaue ich erst mal zu.”

Sie plädieren also für getrennten Unterricht?

Ich sage: Seien wir offen dafür, Mädchen und Jungen in Fächern wie Mathe und Physik phasenweise getrennt zu unterrichten. Lassen wir uns auf dieses Experiment ein und schauen wir, welches Ergebnis wir bekommen. In jedem Fall ist es richtig, Unterricht zielgruppenorientiert anzugehen.

Was tun Sie in Ihrem eigenen Bundesland?

In Rheinland-Pfalz haben wir seit 2016 eine erfolgreiche MINT-Strategie, die es sich zum Ziel macht, Kinder von der Kita bis hin zur Berufswahl für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Da geht es auch um Zugänge zu den Fächern und um ansprechendes Unterrichtsmaterial. Dazu haben wir auch eine Broschüre gemacht, die zeigt, wie man Mädchen und Jungen zielgruppengerecht für die MINT-Fächer begeistern kann.

Neben überschaubaren Ergebnissen in Untersuchungen wie der Pisa-Studie gibt es noch weitere Felder, auf denen der Bildungsföderalismus schwach dasteht. Die Länder können sich ja noch nicht mal auf gemeinsame Regeln für die Ferientermine verständigen.

Wir können und wir werden uns auf neue Sommerferientermine verständigen. Wir brauchen eine neue Einigung für die Zeit ab 2025. Diese Regelung wird es auch geben. Das rollierende System, bei dem mal die einen und dann die anderen den ganz frühen Termin nehmen, hat sich bewährt.

Bayern und Baden-Württemberg bestehen darauf, immer den späten Ferientermin zu bekommen. “Wir haben unseren Biorhythmus mit den Ferien”, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Was entgegnen Sie ihm?

Die Gründe, die Bayern und Baden-Württemberg in der Vergangenheit für ihre Sonderbehandlung angeführt haben, gibt es nicht mehr. Es ist ja nicht so, als würden die Schüler im Süden wie in den Nachkriegsjahrzehnten zur Ernte eingesetzt. Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, dass alle an dem rollierenden System teilnehmen.

Sind die Bayern und Baden-Württemberger die Schüler in der Klasse, die sich schwer tun, sich in die Gruppe einzuordnen? Welche pädagogischen Mittel haben Sie da?

Niemand im Rest des Landes kann verstehen, warum Bayern und Baden-Württemberg eine Sonderregelung verdient haben sollen. Wahr ist aber auch: Es wird schwer werden, ihnen diese Privilegien wieder wegzunehmen. Es kann sein, dass uns anderen Ländern am Ende nichts anderes übrig bleibt, als die Klügeren zu sein und nachzugeben. Das Wichtigste ist, dass es am Ende wieder eine Regelung gibt. Sonst drohen Chaos auf den Straßen und teurere Urlaubspreise. Das wollen wir unseren Familien im Land nicht zumuten.

Aus aktuellem Anlass noch ein ganz anderes Thema: Wer die Ereignisse in Thüringen sieht, kann den Eindruck gewinnen, im Land ist etwas aus den Fugen geraten. Kann die Schule mit Demokratieerziehung Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Spaltung vorbeugen?

Die Schule kann und muss aktiv auf Demokratieerziehung setzen, um Rechtsextremisten und Spaltern entschieden entgegenzutreten. Die Ereignisse in Thüringen zeigen, wie wichtig es ist, dass wir Schülerinnen und Schülern den Wert von Demokratie vermitteln – und auch die Tatsache, dass sie immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss. Die Generation von heute ist in einem Bewusstsein aufgewachsen, dass es Demokratie gibt und dass sie bleibt. Demokratie ist aber kein Selbstläufer.

Das sind salbungsvolle Worte. Was bedeuten sie im Schulalltag?

Schüler müssen Demokratie selbst einüben. Wir müssen die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an den Schulen stärken und fördern. Und: Wir müssen den Sozialkunde-Unterricht ausbauen. Alle sollen Demokratie theoretisch verstehen und praktisch erleben. In Rheinland-Pfalz beginnt das übrigens bereits in der Kita. Ganz niedrigschwellig, etwa beim Mitbestimmen des Speiseplans. Das ist Demokratie im Kleinen, aber da fängt sie schon an.

Deutschland und die Türkei verhandeln über türkische Schulen in Deutschland. Bereitet es ihnen keine Sorgen, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan – keinesfalls ein Vorbild in Sachen Demokratie – so seinen Einfluss in Deutschland ausbauen könnte?

Deutschland verhandelt mit der Türkei über türkische Schulen in Deutschland, um deutsche Schulen in der Türkei abzusichern. Darum geht es. Für türkische Schulen in unserem Land müssen und werden die deutschen Regeln gelten, nicht die Regeln Erdogans. Alles findet unter deutscher Schulaufsicht statt. Generell bin ich eine Anhängerin davon, in unseren deutschen Schulen ein Angebot zu machen, dass diejenigen mit türkischen Wurzeln – aber auch andere Schüler – Türkisch lernen können und auch etwas über das Land erfahren.

 

 

Von Tobias Peter/RND