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Künstliche Intelligenz soll durch Regulierung transparenter werden. Quelle: Getty Images/iStockphoto

Künstliche Intelligenz: EU-Kommission stellt neue Digitalstrategie vor

Die EU-Kommission nimmt die Digitalisierung in die Hand: Am Mittwoch wurde die Strategie zur Regulierung von künstlicher Intelligenz (KI) vorgestellt. Aus Sorge vor Missbrauchsfällen und Diskriminierungen bleibt in einigen Fällen der Mensch die letzte Instanz.

Staus zur Rushhour gibt es nicht mehr. Es geht im zügigen Tempo zum Arbeitsplatz und wieder zurück. Ampeln gibt es auch nicht mehr. Der Verkehr wird wie von Zauberhand gelenkt. Das ist so eine Vision, die sich mit der Digitalisierung verbindet, mit der sogenannten künstlichen Intelligenz (KI), mit Big Data und dem Internet der Dinge. Die EU-Kommission will jetzt die Sache in die Hand nehmen. Am Mittwoch wurde – in drei Papiere verpackt – die Strategie vorgestellt. Was dort zu lesen ist, klingt ambitioniert – soll es auch sein. Schließlich hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Digitale zu einem ihrer Hauptthemen erkoren. Und es geht dabei um die äußerst anspruchsvolle Aufgabe, avancierte Anwendungen zu entwickeln, ohne den Schutz persönlicher Daten zu diskreditieren.

Zahl der Unternehmen, die KI nutzen, soll bis 2025 verdreifacht werden

Die Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, Europa in der Welt der Bits und Bytes ganz nach vorne zu bringen. Das bedeutet vor allem den Vorsprung, den sich die großen Technologiekonzerne in den USA (Facebook, Apple, Amazon, Google, Microsoft) sowie in China (Huawei, Tencent und viele andere) erarbeitet haben, aufzuholen. So soll nicht nur die Zahl der Unternehmen in der EU, die KI nutzen, bis 2025 verdreifacht werden. Sie sollen am besten auch Programme, die von europäischen Softwareschmieden gemacht wurden, einsetzen. Damit die Programme auch geschrieben werden können, will die Kommission sich für mehr IT-Fachleute ins Zeug legen und den Mangel an Fachkräften in fünf Jahren halbieren. Derzeit fehlt es an etwa einer Million Experten.

Von Datensätzen bis zu Algorithmen: Digitale Informationen sollen Abhilfe schaffen

Und damit den Spezialisten auch ausreichende digitalisierte Informationen zur Verfügung stehen, plant der französische Industriekommissar Thierry Breton, Ex-Chef des IT-Konzerns Atos, “Datenräume” einzurichten, wo Unternehmen, Kommunen, Behörden und Wissenschaftler digital beherzt zugreifen können. Die Sektoren Finanzen, Gesundheit und Verkehr werden explizit als besonders wichtige genannt. Anonymisierte Daten von Kranken können genutzt werden, um Ärzten bei Diagnosen zu helfen. Mit schlauen Algorithmen können Ermittler Steuerhinterziehern und organisierter Kriminalität auf die Spur kommen. Oder die Verkehrslenkung: Die Positionsdaten von Pkw werden in Echtzeit analysiert, um mögliche Staus zu antizipieren und die Autofahrer per Navi umzudirigieren. Wenn die Autos dann auch noch untereinander kommunizieren (Internet der Dinge), werden sie die Vorfahrt automatisiert aushandeln – Ampeln werden überflüssig.

Künstliche Intelligenz: Datenschützer und Bürgerrechtler alarmiert

KI kann so etwas – theoretisch. Doch so etwas birgt auch immense Missbrauchsgefahren. Deshalb will die Kommission ein Regelwerk für den Einsatz künstlicher Intelligenz entwickeln. Besonders in kritischen Anwendungen wie dem Verkehr sollen die Systeme transparent und nachvollziehbar sein und letztlich menschlicher Kontrolle unterstehen, heißt es in dem KI-Weißbuch, das am Mittwoch vorgestellt wurde. Datenschützer und Bürgerrechtler warnen schon länger: KI-Software birgt die Gefahr, zu einer Art Black Box zu werden, die autonom agiert und entscheidet.

Gesichtserkennung und mehr: Wo fängt der Missbrauch von Daten an?

Zu den schon längst eingesetzten Anwendungen zählt die Gesichtserkennung. Die chinesische Regierung setzt sie zur Überwachung der Bevölkerung ein. Gesichtserkennung dürfte künftig in der EU eines der extrem kontroversen Themen werden. Alexandra Geese, Europaabgeordnete der Grünen, hat am Mittwoch schon einmal gefordert, dass Gesichtserkennung im öffentlichen Raum verboten wird. Das sei mit einer freiheitlichen Gesellschaft nicht vereinbar.

Generell stecke bei KI der Teufel im Detail. Wo fangen Diskriminierung und der Missbrauch von Daten an? Ein immer wieder beliebtes Beispiel ist, dass Verbrauchern Kredite verweigert werden, weil ein Algorithmus aufgrund mangelhafter Daten die Bonität falsch bewertet hat. Es brauche Klagemöglichkeiten von Verbraucherschützern und “eine Umkehr der Beweislast, da einzelne Bürgerinnen und Bürger eine Diskriminierung nach derzeitigem Recht nicht nachweisen können”, sagte Geese dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Generell befürwortet die Abgeordnete aber die KI-Initiative. So eröffne sie mit niedrigem Sicherheitsrisiko “sofort die Chance, für Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der industriellen Fertigung zum Einsatz zu kommen”.

Zusammenarbeit von europäischen Betreibern von Clouddiensten gefordert

Um all dies realisieren zu können, braucht es eine Infrastruktur, die gigantische Datenmengen verarbeitet. Industriekommissar Breton will deshalb erreichen, dass sich dafür europäische Betreiber von Clouddiensten zusammentun, um gegen die Riesen aus den USA bestehen zu können. Für dieses Vorhaben will die Kommission 2 Milliarden Euro bereitstellen.

Doch diese Summe zeigt auch, wie gewaltig die Aufgabe ist. Zum Vergleich: Amazon Web Services, Cloud-Weltmarktführer, hat allein im vierten Quartal 2019 10 Milliarden Dollar (9,2 Milliarden Euro) eingenommen und 2,6 Milliarden Dollar verdient. Und dieses Geschäft der Amazon-Tochter wächst extrem schnell. Der entscheidende Punkt: Je größer ein Cloudanbieter ist, umso effizienter arbeitet er. Europäische Firmen können deshalb derzeit nur noch schwer mithalten. Kein Wunder also, dass unter anderem Volkswagen einen Großteil seiner Clouddienste bei AWS abwickelt. Wie weit der Weg noch ist, wird auch deutlich beim sogenannten E-Government – also der Digitalisierung der Behörden. IT-Experten weisen immer wieder darauf hin, dass es seit Jahren ausgereifte Anwendungen gibt, die so gut wie alle Behördengänge – bis aufs Heiraten – überflüssig machen. Umgesetzt wurde hierzulande davon bislang kaum etwas.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND