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Mitarbeiter der Spurensicherung arbeiten in der Nähe eines Tatorts am Heumarkt von Hanau. Quelle: Boris Roessler/dpa

Hanauer Anschlag: Die Grenzen zwischen Terror und Wahn sind fließend

Je mehr über den Täter von Hanau bekannt wird, desto klarer wird auch, dass es sich um einen Rechtsterroristen handelt. Vieles erinnert fatal an den Anschlag von Halle. Der Staat ist so herausgefordert wie seit RAF-Zeiten nicht mehr, findet Markus Decker.

Je mehr über den Täter von Hanau publik wird, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, der von Beginn an nahelag: dass es sich um Rechtsterrorismus handelt. Das Leben des Täters, seine bisher bekannten Äußerungen, die Opfer.

Vieles erinnert fatal an den Anschlag auf die Synagoge von Halle, der allein deshalb nicht zu einem Massaker ausartete, weil eine stabile Holztür den bewaffneten Rechtsextremisten aufhielt.

Natürlich macht manches einen wahnhaften Eindruck. Doch die Grenzen zwischen Extremismus und Wahn sind oft fließend. Dies hat sich bei rechtsextremistischen Verbrechern wie denen von Oslo oder München ebenso gezeigt wie bei islamistischen – und es liegt in gewisser Weise in der Natur der Sache.

Die rechtsextremistische Ideologie wird meist in der sogenannten “Mitte der Gesellschaft” ausgebrütet. Doch zur Waffe greifen zuweilen vereinsamte Männer – nicht Frauen –, die scheinbar nichts mehr zu verlieren haben.

Wer jetzt wie einige AfD-Vertreter allein auf Pathologisierung des Täters setzt und die Zusammenhänge zu verschleiern sucht, der tut dies mit Absicht.

Gezielte Pathologisierung

Teilweise sind die Gefährder bekannt. Andere, wie die Terroristen von Halle und Hanau, waren hingegen vorher nicht aufgefallen. Es sind Existenzen am Rande der Gesellschaft, die teilweise noch bei ihren Müttern leben und die ihr Scheitern mit Mord und Totschlag zu veredeln meinen.

Das alles geschieht in der Annahme, die Einheit mit jener Gesellschaft wieder herstellen zu können, in deren Auftrag sie zu handeln glauben.

 

Was geschehen muss, ist klar: Die Sicherheitsbehörden müssen noch entschlossener agieren. Es gibt weniger ein Erkenntnis- als ein Vollzugsdefizit.

Die Parallele zum Kampf gegen den RAF-Terror ist nicht übertrieben. Das ist die Dimension, um die es heute geht – mit dem Unterschied, dass man die Köpfe der RAF auf Fahndungsplakate drucken konnte und viele Urheber des Rechtsterrors erst im Augenblick ihrer Untaten aus der Versenkung auftauchen. Dann ist es zu spät.

Krise der Männlichkeit

Überdies darf die bürgerliche Gegenwehr nicht mehr bloß beschworen werden; davon haben wir genug. Sie muss endlich Wirklichkeit werden. Dazu zählt eine entschlossene Solidarisierung mit den Opfern, nicht zuletzt den muslimischen, die zu häufig stumm geschaltet werden.

Es wäre auch über die Krise der Männlichkeit zu reden, aus der Extremismus wachsen kann. Schließlich darf Antifaschismus keine linke Angelegenheit bleiben. Wenn zu Demonstrationen gegen rechtsaußen aufgerufen wird, dann müssen die Aufrufe nicht zuletzt von CDU, CSU und FDP kommen. Diese müssen sich wiederum schneller von Grenzgängern in den eigenen Reihen distanzieren.

Der Kampf gegen den Rechtsextremismus, der sich auf das Entsetzen vieler Menschen stützen kann, muss nach Hanau – aber weiß Gott nicht erst nach Hanau – mehr Breite und Tiefe gewinnen. Sonst geht er verloren.

Von Markus Decker/RND