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Aus Furcht vor Coronavirus-Infektionen sind bereits am Sonntagabend zwei Züge auf der zentralen Brenner-Route zwischen Italien und Österreich gestoppt worden. Bisher will Österreich die Grenzen allerdings nicht schließen. Quelle: Angelika Warmuth/dpa

Coronavirus in Österreich: In Wien tagt der Krisenstab, Soldaten stehen bereit

In Wien soll eine Schule evakuiert worden sein, in Kärnten starb eine Italien-Urlauberin, die möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert war, und in Innsbruck wurden zwölf Menschen unter Quarantäne gestellt: Auch Österreich kämpft mit den Folgen der Covid-19-Epidemie. Die Regierung von Sebastian Kurz will auch in dieser Krise Härte zeigen – die Frage ist nur: Wie?

“Kein Grund zur Panik”: Selten zuvor wurde diese Beruhigungsformel in Österreich häufiger ausgesprochen als in diesen Tagen. Man sei bestens auf eine etwaige Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet, versichern die Verantwortlichen im Innenministerium, Ärzte und Experten. Sie haben alle Hände voll zu tun, die Stimmung nicht nur ruhig zu halten, sondern vor allem Informationen darüber zu geben, wie sich Einzelne vor einer Ansteckung schützen können. Und das zu Recht: Zwei bestätigte Erkrankungen, mindestens 62 Verdachtsfälle sowie einen ungeklärten Todesfall gibt es Stand Mittwochmittag in Österreich.

Urlauberin stirbt in Kärnten – hatte sie sich infiziert?

Am Mittwochmorgen verstarb im südösterreichischen Kärnten eine 56-jährige Urlauberin aus Udine. Sie hatte unter Kurzatmigkeit gelitten, der Notarzt konnte einen Corona-Verdacht zuerst nicht ausschließen. Die betroffene Wohnhausanlage wurde abgeriegelt, wie im Falle eines in Tirol erkrankten Pärchens versuchen die Behörden nun herauszufinden, mit wem die Frau vor ihrem Tod Kontakt hatte. Am Nachmittag dann Entwarnung: Die Frau sei nicht am Coronavirus verstorben, teilten die Mediziner mit.

In Wien wurde am Mittwoch eine Schule in der Wiener Innenstadt gesperrt – bei einer Lehrerin bestehe nach deren Italien-Urlaub der Verdacht auf eine Corona-Infektion, schrieb die “Kronen Zeitung”. Die Polizei riegelte das Schulgebäude und die gesamte Straße ab, die Schüler werden nun auf das Virus getestet. Doch auch hier stellte sich der Verdacht schließlich als unbegründet heraus. Die Stimmung in Österreich schwankt zwischen angespannter Erwartung und Angst.

Die Ersten beginnen mit Hamsterkäufen

Spätestens nach den ersten bestätigten Fällen in Tirol am Dienstag ist die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, überall Gesprächsthema Nummer eins. Vielerorts beginnen in Supermärkten bereits Hamsterkäufe. Im gesamten Land sind 59 Krankenhäuser für die Aufnahme von möglichen Infizierten vorbereitet. Grenzschließungen zu Italien, wie sie die Regierung bereits in den Raum gestellt hatte, werde es nicht geben, hieß es nach dem Krisentreffen der Gesundheitsminister Österreichs, Italiens und Deutschlands am Dienstag in Rom.

Suche nach dem Infektionsherd

Bei den beiden ersten Infizierten in Österreich handelt es sich um ein Paar aus der Nähe von Bergamo in Norditalien, die beiden waren bereits am Freitag mit dem Auto nach Innsbruck gereist. Am Samstag traten leichte Symptome des Virus bei der Frau auf, bei beiden folgte leichtes Fieber, inzwischen seien aber beide wieder fieberfrei und auf dem Weg der Besserung. Noch bis zum Wochenende müssen beide in Quarantäne bleiben, sagte der Direktor der Innsbrucker Universitätsklinik, Günter Weiss. “Beide sind sehr kooperativ und sie sind in einem guten Zustand.”

Behörden riegeln Hotel in Innsbruck ab

Die erkrankte Frau arbeitete als Rezeptionistin im Innsbrucker Grand Hotel Europa, gelegen direkt im Zentrum und bestens gebucht. Es wurde am Dienstagabend umgehend abgeriegelt. Die Behörden suchen nun intensiv nach den Kontaktpersonen der beiden Erkrankten: Rund 130 Menschen, Hotelgäste und Kollegen der Frau, wurden in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch untersucht, von 62 wurden Abstriche genommen, neun Gäste aus dem Hotel sowie drei private Angehörige der Frau wurden bis auf Weiteres unter Quarantäne gestellt.

Militär in Bereitschaft, Krisenstäbe auch in Bundesländern

Gesichtsmasken sind kaum mehr vorhanden, und auch Desinfektionsmittel werden rar. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird immer wieder darauf hingewiesen, dass vor allem regelmäßiges Händewaschen vor einer Ansteckung schützt. Wer Symptome aufweist, wird ersucht, keine öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, auch keine Taxis. Stattdessen solle man sich an die rund um die Uhr besetzte Notrufnummer 1450 wenden. Dort wird nach Symptomen, Inkubationszeit und zurückliegenden Reisen abgetestet, ob ein Verdachtsfall vorliegt.

Über Sperrungen entscheiden die Bundesländer

Im Innenministerium in Wien tagt rund um die Uhr ein Krisenstab, auch die ABC-Abwehreinheiten (Einheiten zur Abwehr von atomaren, biologischen oder chemischen Angriffen) seien in Einsatzbereitschaft, betont man. Bis zu 500 Soldaten könnten im Notfall für die Dekontamination von Gesundheitspersonal, das Kontakt mit infizierten Personen hatte, sowie zur Desinfektion von Schulen, Straßenbahnen oder Kindergärten sorgen.

Er wolle alles tun, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, sagte ÖVP-Innenminister Karl Nehammer am Dienstag. Von “Fall zu Fall” will er auch die Abriegelung von öffentlichen Plätzen und Gebäuden anordnen, wenn nötig auch mithilfe der Polizei, “mit aller Härte”. Konkrete Maßnahmen wie Sperren im öffentlichen Raum überlassen die Wiener Behörden aber einstweilen noch den Bundesländern. Dort richteten die Landesbehörden ihrerseits am Mittwoch Koordinierungs- beziehungsweise Krisenstäbe ein. Für die Opposition der schwarz-grünen Regierung ist das ein Grund zur Kritik: Die sozialdemokratische Parteichefin Pamela Rendi-Wagner vermisst einen nationalen Stufenplan und fordert einen “zentralen Krisenkoordinator”. Die Krise wird in Österreich auch zum Politikum.

Ausbreitung könne nur “verzögert” werden

Warnungen, intensive Vorbereitungen und strikte Vorsorge einerseits – Beruhigung andererseits. Dass sich Politik und Behörden in der Einschätzung der wirklichen Gefahr so schwertun, hängt für den Biochemiker und Immunologen Wolfgang Maurer vor allem mit dem geringen wissenschaftlichen Forschungsstand zu Covid-19 zusammen. “Die aktuellen Maßnahmen wie Abriegelung von Gebäuden, Quarantäne und individuelle Hygienemaßnahmen können die Entwicklung nur verlangsamen”, sagt er. Dies aber verschaffe dem Gesundheitssystem die nötige Zeit, um Herr der Lage zu bleiben. Ob sich das Virus in Westeuropa etablieren können wird, werde sich erst zeigen. Von Temperaturentwicklung und Luftfeuchtigkeit sei es abhängig, ob es bei Covid-19, wie bei der normalen Grippe, zu einem saisonalen oder – wie bei den Masern – zu einem dauerhaften Verlauf kommen wird, sagt der Experte. Auch gelte es, etwaige chronische Verläufe wie auch Personen, die sich immun zeigen, zu erforschen. Mit der Entwicklung eines allgemein einsetzbaren Impfstoffs rechnet Maurer erst in einigen Monaten.

Urlauber stornieren Buchungen

Neben der gesundheitlichen Bedrohung hat das Coronavirus für Österreich auch massive wirtschaftliche Konsequenzen. Vor allem der Tourismus ist betroffen, zahlreiche Urlauber stornieren ihre Buchungen. Die Wirtschaft rechnet mit einem Schaden von über einer Milliarde Euro für das laufende Jahr, sagte am Mittwoch eine Sprecherin des Dachverbandes Wirtschaftskammer.

Dieser Text wurde um am 26.02.2020 um 15.39 Uhr aktualisiert. In einer früheren Version war noch offen, ob die Urlauberin in Kärnten an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben war. Auch die Entwarnung an der Schule in Wien gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Von Werner Reisinger/RND