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Im Kreis Heinsberg wurden alle Fußballspiele nach einem Corona-Fall abgesagt.

Die große Corona-Angst: Der Faktor Zeit entscheidet alles

Krisenstäbe, Pandemiepläne, Quarantäne und Informationsoffensive – Politik und Behörden schalten einen Gang hoch, was den Umgang mit dem Coronavirus angeht. Dass der Erreger auch ein hochentwickeltes Gesundheitssystem wie das deutsche an Grenzen bringen kann, ist keine Überraschung. Es kommt jetzt vor allem auf den Faktor Zeit an, kommentiert Rasmus Buchsteiner.

Berlin. Lothar H. Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts und damit oberster Seuchenexperte der Republik, hat selbst auf den Punkt gebracht, worauf es nun ankommt: „Wir müssen Zeit gewinnen.“

Genau darum ging es immer in der Geschichte, wenn neue, gefährliche Krankheitserreger auftauchten, sich rund um den Globus ausbreiteten und für Angst und Schrecken sorgten. Plötzlich kommt es auch wieder auf den Faktor Zeit an.

Zeit, um mehr über den Erreger, seine Eigenschaften, Übertragungswege und Krankheitsverläufe herauszufinden. Zeit, um Medikamente zu testen und mögliche Therapien auszuprobieren. Zeit, um einen Impfstoff zu entwickeln.

Zwar ist es gelungen, den Erreger in Rekordzeit zu entschlüsseln. Viel mehr kann die Wissenschaft aber bislang nicht vorweisen. Noch nicht jedenfalls.

Das alles erinnert an frühere Epidemien und Pandemien. „Auch die Ärzte waren anfangs völlig nutzlos; unwissend wie sie waren in Bezug auf die Behandlung, starben besonders viele von ihnen“, so der griechische Geschichtsschreiber Thukydides über die Pest, die zu Zeiten des Peloponnesischen Krieges grassierte.

Ärzte, die anfangs völlig nutzlos bleiben, sind kein Problem. Ein Problem sind Mediziner, die auf Dauer keine Antwort auf einen Erreger finden. Was aber ermutigend ist in diesen Tagen: Nie war der Austausch zwischen den Experten in aller Welt intensiver als heute.

Alle Bewertungen sind Momentaufnahmen

Natürlich könnte es eine Phase geben, in der eine Epidemie selbst ein hochentwickeltes Gesundheitssystem wie Deutschland an seine Grenzen bringen kann – womöglich vorübergehend auch darüber hinaus. Etwas anderes zu behaupten, wäre Schönfärberei. Man muss dazu sagen: Im Augenblick sind alle Bewertungen Momentaufnahmen.

Wenn besorgte Anrufer, die Rat suchen, beim örtlichen Gesundheitsamt nicht mehr durchkommen, weil die Leitungen überlastet sind, ist das ärgerlich. Wenn sich Arztpraxen für nicht zuständig erklären und an die Ämter verweisen, ebenfalls. Die nächsten Wochen und Monate werden für alle, die im Gesundheitssystem Verantwortung tragen, zum großen Stresstest. Damit ist nicht nur eine kommunikative Herausforderung verbunden, sondern auch eine logistische.

Man muss in solchen Szenarien denken

Lange wird es kaum mehr zu schaffen sein, die Infektionsketten der in Deutschland Erkrankten Schritt für Schritt zurückzuverfolgen. In Nordrhein-Westfalen ist dies erstmals nicht gelungen. Schon als die Behörden das am Donnerstag einräumten, konnten sie nicht mehr ausschließen, dass es bald den ersten Patienten gibt, der sich hier in Deutschland angesteckt hat und an der Krankheit stirbt.

Das Eindämmen des Erregers bleibt auch dann das Gebot der Stunde – ebenso wie dafür zu sorgen, dass es genügend Intensiv- und Isolierzimmer in den Krankenhäusern gibt. Das ist keine triviale Aufgabe, denn die Kapazitäten der Kliniken sind mitten in der Grippesaison ohnehin stark beansprucht. Es könnte daher notwendig werden, planbare Krankenhausaufenthalte und Operationen aufzuschieben und auf diesem Wege zusätzliche Möglichkeiten zur Behandlung von Corona-Patienten zu schaffen.

Man muss in solchen Szenarien denken. Es wäre fahrlässig, es nicht zu tun. Dabei muss es auch um andere ungewöhnliche Maßnahmen gehen, sicher jedoch nicht gleich um die Abriegelung ganzer Regionen wie in China.

Den Corona-Erreger eindämmen – und die Verunsicherung

Es könnte allerdings der Moment kommen, in dem Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch bei uns erforderlich werden. Homeoffice und Telefonkonferenzen in Betrieben wären Möglichkeiten. Bald wird es sicher auch um das Absagen von Großveranstaltungen gehen oder um Beschränkungen im internationalen Reiseverkehr.

Zeitgewinn ist ein Wert an sich. Er wird umso größer sein, je besser die Behörden zusammenarbeiten. Allerdings muss nicht nur der Erreger eingedämmt werden, sondern auch die Verunsicherung, die zurzeit zu ersten Hamsterkäufen führt.

Der Krisenstab, den die Bundesregierung jetzt eingerichtet hat, muss für eine reibungslose Kooperation sorgen und für schnellen Informationsaustausch. Vom Erfolg hängt ab, in welchem Maße Vertrauen verloren geht oder verloren gegangenes neu entstehen kann. In jedem Fall wird dieser Erreger Deutschland und Europa sehr viel stärker und vor allem auch länger herausfordern, als noch vor wenigen Wochen angenommen.

 

 

 

 

Von Rasmus Buchsteiner/RND