Aktuell
Home | Nachrichten | Politik | Mit Migrationshintergrund in Deutschland: Meine Angst ist größer als eure
Nach Hanau: Menschen halten bei einer Demonstration Schilder unter anderem mit dem Schriftzug "Am I next?" (Bin ich der nächste?) auf dem Freiheitsplatz hoch. Quelle: Andreas Arnold/dpa

Mit Migrationshintergrund in Deutschland: Meine Angst ist größer als eure

Unser Autor hat eine deutsche Mutter, wurde getauft und wird doch immer über den “fremden” Elternteil, den in Indien geborenen Vater, definiert. Das Versprechen, nach Hanau für mehr Sicherheit zu sorgen, reicht ihm nicht aus. Wie soll es jetzt weitergehen?

Es war eine spontane Regung, am Morgen nach dem Anschlag von Hanau meinen Gefühlen in einem Facebook-Post Ausdruck zu verleihen. Ich hatte kurz nach dem Aufwachen die Nachricht von dem Attentat gelesen. Noch bevor ich Kaffee getrunken hatte und klar denken konnte, teilte ich in dem sozialen Medium mit, dass niemand ohne Migrationshintergrund sich anmaßen sollte, sich vorzustellen wie es “uns” heute geht.

Also jenen Menschen, die ihr Leben mit der sperrigen Umschreibung “mit Migrationshintergrund” verbringen. Einige zeigten Verständnis. Andere fühlten in Abrede gestellt, dass auch Menschen ohne Migrationshintergrund genügend Gründe haben, sich vor Rechtsextremen zu fürchten.

Die Annahme, wer äußerlich den Vorstellungen von gewaltbereiten Rassisten genehm ist, der könne sich im Angesicht des rechten Terrors entspannt zurücklehnen, ist natürlich Unsinn. Die beiden Opfer des Anschlags auf die Synagoge von Halle waren weder Juden, noch Muslime. Die lange Liste der Opfer von Rechtsextremisten seit 1990 und zuletzt das Kalkül des Attentäters von Hanau legen aber nahe, dass Halle nicht die Regel ist.

Rechtsextremisten suchen sich Gruppen aus, die für sie Geschwüre am gesunden Volkskörper sind. Auf der Liste der weltweit auszumerzenden Nationalitäten, die der mutmaßliche Täter von Hanau der Welt hinterlassen hat, ist diejenige vermerkt, die in der Geburtsurkunde meines Vaters stand. Er kam in Indien zur Welt. Der mutmaßliche Täter formulierte auch das Bestreben, die deutsche Bevölkerung von jenen zu reinigen, die er nicht als “reinrassig” betrachtet. Ich kann mir also ausrechnen, wie gering meine Überlebenschance gewesen wäre, hätte ich dem Attentäter gegenübergestanden.

Das Manifest von Tobias R. klingt wirr

Es mag müßig erscheinen, sich mit dem Gedanken eines wohl psychisch Kranken zu befassen. Das Manifest von Tobias R. klingt so wirr wie die Erklärungen der Attentäter, die 1990 versuchten, Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble zu ermorden. Einen Resonanzboden, der den Verfolgungswahn eines Einzelnen nicht zum ersten Mal in diesem Land auf eine Minderheit lenkt, gab es bei diesen beiden Verbrechen allerdings nicht.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier adressierte die Angst “migrantischer” Menschen nach Hanau mit den richtigen Worten. Der CDU-Politiker äußerte Verständnis für die Sorge um die eigene Sicherheit dieser Menschen. Er sicherte zu, dass der Staat alles tun werde, damit Migranten und Menschen, die als Migranten erscheinen, ohne diese Sorge leben können. Dafür verdient Bouffier Respekt. Aber ein Leben ohne Angst um Leib und Leben zu garantieren, dürfte derzeit ein nur schwer zu erfüllendes Versprechen sein. Es kann für Bürger dieses Landes auch nicht mehr sein als eine Mindestvoraussetzung, ihre Zukunft in diesem Land mit Optimismus zu sehen.

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) wies in einem Interview nach Hanau darauf hin, dass eine pluralistische Gesellschaft kein Idyll sei. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani geht von der These aus, dass die Konflikte zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Migranten-Communitys ansteigen, weil die dritte Generation sich in ihrem Selbstverständnis längst als deutsch sieht. Sie sei weniger bereit, sich mit einem Platz am Katzentisch der Gesellschaft zu begnügen, schlussfolgert El-Mafaalani. Sie beruft sich auf die historische Tatsache, dass ihre Eltern und Großeltern ihren Anteil haben am Wiederaufbau Deutschlands.

Deutsche mit Migrationshintergrund in der dritten Generation wollen es nicht mehr als Naturgesetz ansehen, dass sie bei Jobbewerbungen besser fahren, wenn diese anonymisiert sind und sie ihre nicht deutsch klingenden Namen verschweigen können. Sie sind es leid, dass sie beim Kampf um den knappen Wohnraum in Großstädten völlig unabhängig von ihrem Einkommen den längeren Geduldsfaden brauchen. Sie sind müde davon, dass sie sich ein Leben lang erklären müssen. Fragen nach der Herkunft oder der Religiosität werden Menschen in der Regel nicht gestellt, die von der Gesellschaft nach äußeren Merkmalen in die Schublade “deutsch” einsortiert werden.

Alle anderen müssen damit leben, dass schon der Sprachgebrauch ihnen eine Rolle jenseits der Norm zuweist. Fleißig werden Begriffe formuliert, die bei allem Bemühen um politische Korrektheit doch nur umschreiben, dass viele Deutsche eben nicht “deutsch”genug sind.

“Ich wuchs in einer bürgerlichen Familie mit zwei akademisch gebildeten Elternteilen auf.”

All das mag banal klingen angesichts der monströsen Tat von Hanau. Aber so sieht der Erfahrungsraum von Millionen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit aus. Der immer hasserfülltere Ton, mit dem Menschen, die mir äußerlich gleichen, zunehmend zum Problem dieses Landes erklärt wurden, hat bei mir zum Nachdenken über meine Privilegierung geführt. Ich habe eine deutsche Mutter und einen muslimischen Vater, wurde aber getauft. Ich wuchs in einer bürgerlichen Familie mit zwei akademisch gebildeten Elternteilen auf. Sie sprachen deutsch miteinander.

Meine Eltern vermittelten mir die Codes, die wichtig sind, um in der Bildungsschicht dieses Landes nicht als “fremd” aufzufallen. Ich gehöre soziologisch betrachtet nun zu einem urbanen Milieu, das ein höheres Einkommen hat, in einem Kreativjob arbeitet und seinen Status etwa durch das Erledigen von Einkäufen im Bio-Supermarkt zeigt. Nur selten treffe ich dort aber jemanden an, der mir äußerlich gleicht. Ich bewege mich privat wie der “Zeit”-Autor Mohamed Amjahid schreibt, meist “allein unter Weißen”.

Nicht lange ist es her, da rollte ich die Augen über anti-rassistische Identitätsdiskurse. Ich vertraute lange darauf, dass Deutschland ein post-modernes Land geworden ist. Dass Identität in Deutschland etwas individuell Formbares geworden ist, nach dem Motto: Heute bin ich dies und morgen das. Die 2015 folgenden Jahre ließen mein Seifenblasenbild von unbegrenzten Möglichkeiten der Selbstwahrnehmung platzen.

Die vergangenen Jahre haben mich misstrauisch gemacht gegenüber dem Blick der anderen. Der Journalist Malcolm Ohanwe benutzt den Begriff der “als muslimisch gelesenen Menschen”. In meinem Fall habe ich ein Stück weit das Aussehen, aber nicht den Glauben meines Vaters geerbt. Das Problem ist, meine Umwelt kann das nicht erkennen.

Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, genau hinzuschauen, was sich jenseits der eigenen Filterblase tut. Der Wunsch, sich durch Abgrenzung von anderen zu definieren, scheint nach der Finanzkrise 2008 weltweit die Kehrseite der Globalisierung geworden zu sein.

“Wir erwarten, dass Deutschland es besser macht.”

Wenn wir von Rassismus reden, können wir ohne Verharmlosung der Verhältnisse in Deutschland von einer globalen Heimsuchung sprechen. Rassismus existiert in Deutschland auch innerhalb von Migranten-Communitys. Der Terror des IS und anderer islamistischer Gruppen, die ihren Anhängern empfehlen, “Ungläubige” mit allen vorhandenen Mitteln zu töten, bildete die erste Verkörperung eines gruppenbezogenen, eliminatorischen Menschenhasses im 21. Jahrhundert. Auch das ist Faschismus.

Alles in allem sieht es so aus, als müssten wir alle uns damit abfinden, dass irgendeine extremistische Gesinnung uns das Lebensrecht abspricht. Und dass es Menschen gibt, die sich vielleicht aufgrund psychischer Vorbelastung immer wieder als williges Werkzeug in den Dienst einer Mordideologie stellen.

Was Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in diesem Land vielleicht eint, ist, dass wir in Fragen des politischen Anstands und der Wahrung der menschlichen Würde hohe Maßstäbe an Deutschland legen. Wir wissen, dass Attentate vorkommen und Rechtspopulisten an die Macht kommen können. In anderen europäischen Ländern ist dies bereits geschehen.

Aber wir sind so “deutsch”, dass wir das Trauma der Geschichte dieses Landes teilen. Wir verknüpfen unsere Ängste mit Auschwitz als Blaupause dafür, wo Rassismus in Deutschland hingeführt hat. Selbst wenn die ganze Welt den Verstand verlieren sollte, wir erwarten, dass Deutschland es besser macht.

Cedric Rehman wurde 1978 in Freiburg im Breisgau geboren. Er schreibt als freier Autor Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Rehman studierte von 1999 bis 2005 Geschichte, Germanistik und Hispanistik an der Universität Freiburg. Er arbeitet seit 2010 als freier Journalist. Sein Vater ist gebürtiger Inder, seine Mutter Deutsche ohne Migrationshintergrund.

Von Cedric Rehman/RND