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Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne).

Corona: Boris Palmer will Ältere separieren und erntet Widerspruch

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) möchte Menschen über 65 Jahre aus dem Alltag herausnehmen und so der Corona-Krise begegnen. Prominente Parteifreundinnen widersprechen. Doch Palmer ist mit dem Gedanken nicht allein.

Berlin. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast hat den Vorschlag des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer (Grüne) kritisiert, zur Bekämpfung der Corona-Krise ältere Menschen und sonstige Risikogruppen zu separieren. “Das ist ein unsinniger Vorschlag”, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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“Knapp 18 Millionen Menschen kann man nicht kasernieren, ohne Kontakt zu Jüngeren zu haben. Das funktioniert am Ende überhaupt nicht. Ich glaube auch, dass die älteren Leute ab 60 aufwärts von der Gesellschaft gebraucht werden.” Künast fügte hinzu: “Zweitens müsste Palmer alle mit Vorbelastung wie etwa Herzschwäche ebenfalls irgendwie kasernieren. Daran merkt man wieder: Nicht jeder spontane Vorschlag ist hilfreich.”

Kritik von Künast und Göring-Eckardt

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ging ebenfalls auf Distanz zu Palmer. Dieser sei “leider nicht allein mit der Forderung”, schrieb sie bei Twitter und betonte: “Wir kommen nur gemeinsam aus der Krise, nicht mit einem gespaltenen Land.” In ihrer Bundestagsrede am Mittwoch äußerte sich Göring-Eckardt ähnlich.

Palmer hatte in der Tageszeitung “Die Welt” Ausstiegsszenarien aus dem momentanen Shutdown gefordert. Für den Erhalt des gesellschaftlichen Friedens und der öffentlichen Ordnung sei es notwendig, “dass wir uns Gedanken über Exit-Strategien machen. Wie kommen wir kontrolliert und organisiert aus diesem totalen Lockdown wieder heraus in drei bis vier Wochen?”, sagte er und begründete dies nicht zuletzt mit der zu erwartenden Rezession.

Für Tübingens Oberbürgermeister ist demnach auch eine “vertikale Öffnung” denkbar: “Menschen, die über 65 Jahre alt sind, und Risikogruppen werden aus dem Alltag herausgenommen und vermeiden weiter Kontakte”, sagte er. “Jüngere, die weniger gefährdet sind, werden nach und nach kontrolliert wieder in den Produktionsprozess integriert.”

Nicht alle führenden Grünen sehen Palmers Vorstoß kritisch. Eine Spitzen-Grüne, die anonym bleiben möchte, sagte dem RND, sie finde es völlig richtig, darüber nachzudenken, wie man aus der jetzigen Lage wieder herauskommen könne.

Palmer ist auch nicht der Einzige, der diesen Vorschlag macht. “Ich denke, es wird über kurz oder lang darauf hinauslaufen müssen, dass die einschneidenden Restriktionen sich auf Ruheständler und andere spezielle Risikogruppen konzentrieren”, sagte die ehemalige Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff dem “Handelsblatt”.

Es geht um 17,5 Millionen Menschen

Der Investor Alexander Dibelius warf in derselben Zeitung die Frage auf: “Ist es richtig, dass 10 Prozent der wirklich bedrohten Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?”

Tatsächlich ist die in Rede stehende Gruppe alles andere als klein. 2019 betrug die Zahl der über 65-Jährigen in Deutschland 17,5 Millionen Menschen. Nimmt man chronisch Kranke noch dazu, dürfte man bei weit über 20 Millionen Menschen sein und damit bei über einem Viertel der Gesamtbevölkerung.

 

Von Markus Decker/RND