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Für Adidas wird das Coronavirus möglicherweise sehr teuer. Quelle: imago images / Christian Schroedter

Adidas – die hässliche Fratze des Kapitalismus?

Adidas steht im Zentrum eines gewaltigen Shitstorms, weil er für die wegen der Corona-Krise geschlossenen Läden keine Miete mehr zahlen will. Die Kritik daran zielt weitgehend ins Leere, argumentiert unser Kommentator Andreas Niesmann. Einen Vorwurf allerdings müssen sich die Adidas-Manager trotzdem gefallen lassen.

Berlin. Wie schnell sich der Wind manchmal dreht: Adidas, bis Mitte vergangener Woche noch deutsches Vorzeigeunternehmen, gilt plötzlich als Inbegriff der hässlichen Fratze des Kapitalismus. Amtierende Minister und Bürgermeister rümpfen die Nase, ein Fernsehkoch erklärt seinen Boykott, ein Abgeordneter des Deutschen Bundestags verbrennt medienwirksam sein T-Shirt in einer Mülltonne. Und im dauerhaft empörungsbereiten Netz entlädt sich eine Wutwelle, die ihresgleichen sucht.

Was ist passiert? Der Sportartikelhersteller aus dem fränkischen Herzogenaurach hat angekündigt, die Mietzahlungen für seine wegen der Corona-Krise geschlossenen Ladengeschäfte im April auszusetzen. Große Handelsketten wie H&M, Deichmann oder C&A verfolgen ähnliche Pläne, aber kein Unternehmen trifft die öffentliche Wut so hart wie Adidas.

Der Sport- und Modekonzern stand zuletzt bombastisch da. Rund 2 Milliarden Euro hat Adidas im vergangenen Jahr verdient, eine üppige Dividendenzahlung sowie ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm angekündigt. Auch die Cash-Reserven sind beachtlich. Schnell wurde deshalb der Vorwurf laut, dass die Firma die von Bundesregierung und Bundestag eilig zusammengenagelten Ausnahmeregelungen für die Corona-Krise nutze, um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen.

Private Vermieter bekommen weiterhin ihr Geld

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Adidas hat inzwischen klargestellt, dass private Vermieter ihre Miete weiterhin bekommen sollen. Mit institutionellen Immobilieneigentümern will man eine einvernehmliche Lösung finden. Das zu versuchen ist grundsätzlich zulässig. Wenn sich Mieter und Vermieter aus freien Stücken auf ein Zahlungsmoratorium einigten, wäre dagegen wenig zu sagen.

Die in der vergangenen Woche beschlossene dreimonatige Aussetzung des Kündigungsrechtes müsste der Dax-Konzern dann gar nicht Anspruch nehmen. Es wäre wohl auch gar nicht so leicht, denn wenn sich ein Vermieter wehren würde, müsste Adidas vor Gericht beweisen, dass es wegen der Corona-Krise in Zahlungsschwierigkeiten geraten ist. Angesichts der üppigen Finanzreserven dürfte das schwierig werden.

Doch selbst wenn es gelänge, müsste der Sportartikelhersteller die Miete später nachzahlen – so sieht es die jüngst verabschiedete Mietrechtsnovelle ausdrücklich vor. Unterm Strich würde das Unternehmen also wenig Geld einsparen, lediglich die Zinskosten für die kurzfristige Bereitstellung von Liquidität.

Ein gewaltiges PR-Desaster

Einen Vorwurf allerdings müssen sich die Adidas-Manager gefallen lassen: In einer Phase höchster Not, in der unzählige kleine Unternehmen und Privatleute darüber nachdenken, welchen Beitrag sie selbst zur Bewältigung der Krise leisten können oder müssen, haben sie in Herzogenaurach vor allem darüber nachgedacht, welchen Beitrag andere leisten können. Der Ärger darüber ist berechtigt: Ausgerechnet Adidas, dem deutschen Wirtschaftswunder-Weltmeister-Unternehmen, hätte es gut zu Gesicht gestanden, einen anderen Schwerpunkt zu setzen.

Der Schaden ist nun angerichtet, und er ist erheblich. Die Kosten für das PR-Desaster dürften die Einsparungen bei den Zinsen um ein Vielfaches übersteigen.

 

Von Andreas Niesmann/RND