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Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts. Quelle: Florian Gaertner/photothek.net

Wie Merkels oberster Krisenmanager mit der Corona-Krise umgeht

Er habe keine Angst vor dieser Corona-Krise, sagt Kanzleramtsminister Helge Braun im RND-Interview. Die Lage sei zwar ernst und ein Ende der Einschränkungen noch nicht absehbar, aber es gebe auch Entwicklungen, die Mut machten. Und bei aller Anspannung – über manche Witze im Netz muss auch Merkels oberster Krisenmanager lachen.

Herr Braun, Bund und Länder warnen vor großen Osterfeiern und –besuchen. Wie bedenklich ist die Lage?

Die Lage ist wirklich ernst. Das Corona-Virus verbreitet sich sehr schnell. Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl von schweren Verläufen. Deshalb ist es für die Regierung das oberste Ziel, das Gesundheitswesen auf mehr schwer kranke Patienten einzustellen. Gleichzeitig arbeiten wir daran, das Tempo der Neuinfektionen deutlich zu drosseln.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem Sie sagen: Geschafft?

Das ist momentan schwer zu sagen. Es hängt davon ab, wie sehr wir das Infektionsgeschehen verlangsamen und ob es uns gelingt, zusätzliche Kapazitäten im Gesundheitswesen zu schaffen – also neue Betten und mehr Personal bereitzustellen. Und es hängt davon ab, ob wir es durch Medikamente schaffen, den Verlauf der Krankheit so zu beeinflussen, dass die Betroffenen weniger lange im Krankenhaus bleiben und seltener auf die Intensivstation müssen.

Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass das gelingt?

Die richtige Aussage ist: Wir können noch nicht sagen, ob es gelingt, aber wir kämpfen dafür. Wir haben erste Hinweise in den Zahlen, dass sich das Infektionsgeschehen seit dem 12. März, als wir mit den Maßnahmen begonnen haben, etwas verlangsamt hat. Statt innerhalb von drei Tagen verdoppelt sich die Infektionszahl nur noch alle sechs, sieben Tage. Aber das reicht noch lange nicht aus: Nötig sind zehn oder besser 14 Tage. Das Land ist wie ein Tanker, der ganz ganz langsam wendet. Deswegen müssen wir noch eine Weile abwarten.

Der 20. April scheint dafür das magische Datum zu sein. Was passiert dann?

Ein magisches Datum ist das nicht, sondern das Ende der Osterferien. Auf diese Zeit haben viele Bundesländer erst einmal ihre Maßnahmen begrenzt. Wir müssen für die Anschlussphase rechtzeitig vorher sagen, wie es weiter geht.

Wird es dann entspannter? Oder könnten Maßnahmen verschärft werden?

Ich will darüber nicht spekulieren. Man kann sich auch andere Maßnahmen überlegen, die nicht als Verschärfung empfunden werden, sondern uns helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Wichtig ist, Kontaktpersonen von Infizierten zu finden, so dass es nicht zu weiteren Ansteckungen kommt. Wir schaffen für diese Nachverfolgung 20.000 zusätzliche Stellen in den Gesundheitsbehörden.

Bei der Kontaktnachverfolgung sind auch Handydaten im Gespräch. Wie soll das funktionieren?

Momentan ist es so: Wenn jemand infiziert ist, fragt ihn jemand von der Gesundheitsbehörde nach seinen Kontakten der letzten zwei Wochen, um herauszufinden, wen er möglicherweise angesteckt haben könnte. Selbst Leute mit einem guten Gedächtnis können da nicht alle nennen. Länder wie Südkorea oder China haben mit digitaler Unterstützung größere Erfolge.

Wie wollen Sie den Datenschutz gewährleisten?

Eine Anwendung wie in China, wo das komplette Bewegungsprofil der Menschen aufgezeichnet wird, können wir uns nicht vorstellen. Das wäre ein schwerwiegender Eingriff in die persönliche Freiheit. Es reicht ja auch, wenn nur aufgezeichnet wird, wenn zwischen zwei Menschen ein engerer Kontakt als mit 1,5 Metern Abstand stattgefunden hat. Daraus muss keine Namensliste entstehen. Es ist ja schon hilfreich, wenn die Kontaktpersonen eines Infizierten automatisch und anonym informiert werden. Dann können Sie in Quarantäne gehen und sich testen lassen.

Und wenn das nichts bringt, greifen die Behörden doch ein?

Sinn ergibt eine solche App, wenn sie von der Bevölkerung angenommen wird. Aber wir müssen auch die Behörden dafür viel besser ausstatten, weil es zu vielen Rückfragen kommen wird. Da sind wir wieder bei den 20.000 zusätzlichen Stellen für die Nachverfolgung.

Österreich hat sich für eine Maskenpflicht entschieden. Ist das sinnvoll?

Über eine Pflicht haben wir in der Bundesregierung nicht gesprochen. Stoffmasken helfen nur begrenzt. Wenn man sie einsetzt, darf das in keinem Fall dazu führen, dass man die anderen Regeln wie Abstandhalten und Händewaschen vernachlässigt.

Tragen Sie ab und zu eine Maske?

Ich halte sehr konsequent Abstand. Eine Maske habe ich im öffentlichen Raum bisher noch nicht getragen. Aber ich schließe das definitiv nicht aus.

Es gibt zu wenig Schutzausrüstung, auch weil aus Kostengründen viel im Ausland produziert wird. Rächt sich das nun?

Wir haben schon für einigen Nachschub gesorgt. Wir kaufen weltweit ein und sind auch mit deutschen Unternehmen im Gespräch, die ihre Produktion umstellen und künftig Masken herstellen. Es kann sein, dass wir künftig bei kritischen Gütern sagen: Weil es uns das wert ist, eine Produktion in Deutschland oder Europa zu haben, zahlen wir auch ein oder zwei Cent mehr.

Lässt sich die Entwicklung eines Impfstoffs beschleunigen?

Das ist eine wichtige Frage für die Wissenschaftler und Medizinethiker. Abzuwägen sind die Standards der Impfstoff-Entwicklung mit den verheerenden Folgen, die es haben kann, wenn zu lange kein Impfstoff verfügbar ist. Das ist eine offene Frage. Aber viel mehr Tempo geht wohl nicht. Man kann den Erkenntnisgewinn nicht beliebig beschleunigen.

Den Pflegenotstand, der jetzt auch sichtbar wird, gab es auch vor Corona. Der Mangel an Personal lag auch an der Bezahlung. Krisenzuschläge wie derzeit ändern daran nichts. Muss das Tarifsystem umgekrempelt werden?

Wie wir unser Gesundheitssystem zukünftig aufstellen, ist eine der Fragen, die wir nach der Krise beantworten müssen. Dazu gehört die Personalfrage, die Kapazitäten in der Intensivmedizin und die Verfügbarkeit kritischer Güter.

Alles ist unsicher. Wie gehen Sie als Krisenmanager damit um?

Man muss den Ernst der Lage annehmen und damit gut umgehen. Ich bin überzeugt, dass Deutschland als Land mit relativ vielen Ärzten, Pflegern und Intensivbetten, mit einem tollen Rettungsdienst und einer großen ökonomischen Leistungsfähigkeit es schaffen wird, besser als andere durch die Krise zu kommen. Insofern besteht bei mir keine Furcht. Wir sehen ja auch, dass die meisten ihr Verhalten angepasst haben. Das stimmt mich zuversichtlich.

Die ersten Corona-Fälle in China sind Ende Dezember 2019 aufgefallen. Hat die Bundesregierung zu spät reagiert?

Der Zeitpunkt war sehr vertretbar und angemessen. Wir hätten die Kontaktbeschränkungen nicht später verhängen dürfen. Wir sehen ja, wie langsam sich ein Infektionsgeschehen beruhigt. Aber viele Menschen hätten nicht verstanden, wenn wir deutlich früher so massiv eingegriffen hätten.

Manche setzen ihre Hoffnung in die Theorie der Herdenimmunität, in der die Bevölkerung sich in Wellen ansteckt. Das würde eine zwischenzeitliche Lockerung der Beschränkung ermöglichen.

Das ist eine Theorie. In der Praxis ist es etwas differenzierter. Wenn man eine gewisse Zahl der Infektionen in Kauf nimmt, muss man die Risikogruppen besonders gut schützen. Und auch junge Menschen sollten die Gefahr nicht zu leichtfertig abtun. Und bei diesem Virus ist es umgekehrt wie beim Auto: Es ist sehr langsam zu bremsen, aber sehr schnell beim Gasgeben. Wir sollten also alles versuchen, um Neuinfektionen zu vermeiden.

Armutsforscher warnen vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft durch Corona. Wie wollen Sie das verhindern?

Wir haben mit unseren Beschlüssen historisch einmalige Summen aufgewendet, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise abzufedern, etwa mit Kurzarbeitergeld und Kündigungsschutz für Mieter. Wir schauen uns aber auch an, wo neue soziale Härten entstehen.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Regierung nicht zusammenklappt?

Wir arbeiten in unterschiedlichen Teams, manche im Büro, andere von zu Hause, um zu verhindern, dass ganze Arbeitseinheiten bei einem Infektionsfall gleichzeitig ausfallen. Und wenn wir uns treffen, halten wir Abstand.

Ist das Leben eines Krisenmanagers immer ernst?

Ich schmunzele über so manchen Ansatz im Netz, der Krise mit Humor zu trotzen. Aber in einer Lage, die so ernst ist, muss man als Regierung auch ernst kommunizieren.

Zieht es Sie als Arzt gerade zurück ins Gesundheitswesen?

Wenn im Kanzleramt die Krise gemanagt ist, kann ich mich zur Verfügung stellen.

Von Daniela Vates/RND