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Boris Palmer, (Die Grünen): "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." (Archivbild) Quelle: Carsten Koall/dpa

Palmer: “Retten Menschen, die in halbem Jahr sowieso tot wären”

Provokationen sind Boris Palmers Markenzeichen. Jetzt kritisierte der Tübinger Oberbürgermeister erneut die Corona-Schutzmaßnahmen. Das Virus würde ohnehin vor allem alte Menschen töten, die sowieso bald sterben würden.

Berlin/Tübingen. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Die Grünen) hat sich für eine Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen in Deutschland ausgesprochen, um die Wirtschaft zu stärken. Durch das Virus würden insbesondere Menschen über 80 sterben, sagte Palmer am Dienstag im Sat1-Frühstücksfernsehen. „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, so Palmer.

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Durch große Teile der Wirtschaft, insbesondere die Gastronomie, ziehe sich eine Verzweiflung, wie es im Falle eines noch länger andauernden Shutdowns weitergehen soll, sagte der Grünen-Politiker. Der Shutdown sei richtig gewesen, “vor fünf Wochen, als wir ihn gemacht haben, weil die Fallzahlen so schnell angestiegen sind, dass es völlig außer Kontrolle geriet.”

Er sehe den Shutdown wie ein Medikament gegen eine Krankheit, erklärte Palmer. “Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, so ist es auch mit dem Shutdown. Die Nebenwirkungen werden jetzt immer stärker und in dem Moment wo die Nebenwirkungen den Nutzen übertreffen, muss man das Medikament absetzen oder schwächer dosieren.”

Dieselbe Argumentation verwendete US-Präsident Donald Trump bereits im März als er in Großbuchstaben twitterte: “Wir dürfen nicht zulassen, dass die Heilung schlimmer ist als das Problem selbst”.

Palmer erklärte, eine Corona-Infektion sei vor allem für alte Menschen gefährlich. „Wenn Sie die Todeszahlen anschauen durch Corona, dann ist es bei vielen so, dass eben Menschen über 80 insbesondere sterben“, sagte er. „Und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann. Also ist Corona jetzt nicht wie Ebola eine Krankheit, die 20-Jährige mitten aus dem Leben reißt, sondern tödlich ist sie für hochaltrige Menschen, fast ausschließlich.“

Palmer forderte deshalb eine „Abwägung“: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Gleichzeitig würden die Shutdown-Maßnahmen für eine Zerstörung der Weltwirtschaft sorgen, so Palmer. Das sorge nach Einschätzungen der UN für einen Armutsschock, der „dieses Jahr eine Million Kinder zusätzlich das Leben kostet.“

Schwere Krankheitsverläufe auch bei Jungen und Gesunden

Die Gefahr eines schweren oder gar tödlichen Covid-19-Krankheitsverlaufs ist bei jungen Menschen ohne Vorerkrankungen tatsächlich geringer, als bei alten. Mediziner haben in der Vergangenheit jedoch wiederholt davor gewarnt gewarnt, dass die Folgen einer Corona-Infektion auch bei Menschen, die nicht zu einer Risikogruppe gehören, schwerer sein können, als oft angenommen wird.

Zuletzt häuften sich Berichte über neurologische Schäden als Folge einer Covid-19-Erkrankung. Ein Fachartikel des US-Mediziners Thomas Oxley im “New England Journal of Medicine” berichtete zuletzt von einer Häufung von Schlaganfällen im Zusammenhang mit Covid-19. Davon betroffen seien auch jüngere Patienten.

Neben Alten gehören außerdem auch zahlreiche Menschen mit Vorerkrankungen wie Atemwegserkrankungen, Diabetes oder einer Immunschwäche zur Risikogruppe.

Statt weitergehender Shutdown-Maßnahmen sprach sich Palmer für ein flächendeckenderes Testen aus, außerdem forderte er, die angekündigte Corona-App für alle Bürger verpflichtend zu machen.

“Wir müssen nach dem Risiko differenzieren”, sagte Palmer weiter. Wer ein hohes Erkrankungsrisiko habe, müsse sich mehr zurücknehmen, “als junge und gesunde Leute, denen dieses Virus meistens nicht viel mehr ausmacht, als eine schwere Grippe.”

RND/feh