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Boris Johnson (r), Premierminister von Großbritannien, verteidigt Chefberater Dominic Cummings (l.) und gerät nun selbst unter Beschuss. Quelle: Matt Dunham/AP/dpa

Trotz Sturm der Entrüstung: Johnsons Chefberater Cummings lehnt Rücktritt ab

Briten-Premier Johnson stellt sich demonstrativ hinter seinen Chefberater Dominic Cummings, obwohl der womöglich mehrmals gegen die Corona-Beschränkungen verstoßen hat. Damit hat Johnson im Land einen Sturm der Entrüstung heraufbeschworen und gerät selbst unter Druck. Cummings will derweil nicht zurücktreten.

London. Der britische Premierminister Boris Johnson hat mit seiner Rückendeckung für Chefberater Dominic Cummings einen Sturm der Entrüstung ausgelöst und gerät selbst zunehmend unter Druck. Mehr als ein Dutzend Parlamentarier aus Johnsons Konservativer Partei, die Opposition, Geistliche und Ärzte forderten den Rücktritt Cummings‘, weil er gegen Ausgangsbeschränkungen verstoßen haben soll.

Kritiker fürchten, Cummings könnte das Vertrauen in die Regierung irreparabel beschädigt haben. Sie warnen aber auch vor einem Anstieg der Infektionen, weil Schutzmaßnahmen nicht mehr ernst genommen werden könnten. Großbritannien hat Statistiken zufolge die meisten Todesopfer in Europa. Die Zahlen schwanken – je nach Erhebungsmethode – zwischen rund 37 000 und über 50 000 Fällen.

Cummings soll gegen Ausgangsbeschränkungen verstoßen haben

Cummings wird vorgeworfen, mit einer Reise von London zu Familienangehörigen ins rund 430 Kilometer entfernte Durham Ende März gegen Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise verstoßen zu haben. Der Wahlkampfstratege gilt als eine Art Strippenzieher in der Regierung, der hochintelligent und zugleich unberechenbar ist.

Der Premierminister behandle die Menschen „wie Trottel“ und „ohne Respekt“, twitterte der Bischof von Leeds, Nicholas Baines. Außer ihm kritisierten noch viele andere Vertreter der Kirche von England das Verhalten Johnsons und seines Beraters. Auch in der Tory-Partei bröckelt die Unterstützung. Der frühere Staatssekretär Paul Maynard nannte das Verhalten des Chefberaters „völlig unhaltbar“. Der Abgeordnete David Warburton sagte im BBC-Interview am Montag, Cummings „schädigt die Regierung und das Land“.

Harsche Kritik auch vonseiten der Polizei

Die Polizei fürchtet Folgen für ihre Arbeit: Der Chefberater habe durch sein Verhalten die Durchsetzung der Pandemie-Maßnahmen zum Gespött gemacht, sagte ein Vertreter der Polizei in der südenglischen Grafschaft Gloucestershire. Der Mediziner Dominic Pimenta twitterte ein Foto von sich in voller Schutzausrüstung und schrieb: „Wenn er (Cummings) nicht aus dem Dienst ausscheidet, dann mache ich das.“

Cummings gab als Grund für seine Reise an, er habe keine andere Möglichkeit gehabt, die Betreuung seines vier Jahre alten Sohnes sicherzustellen. Er habe für die Betreuung seines Kindes sorgen wollen, weil seine Frau an Covid-19 erkrankt gewesen sei und er selbst auch mit einer Ansteckung habe rechnen müssen.

Johnson will Cummings nicht “an den Pranger stellen”

Cummings sei „den Instinkten eines jeden Vaters gefolgt“, sagte Johnson am Sonntag. Dafür könne er ihn nicht an den Pranger stellen. Nach den Worten Johnsons hat sein Chefberater „in jeder Hinsicht verantwortlich, legal und mit Integrität“ gehandelt.

Mehrere Experten, die nach eigenen Angaben die Regierung bisher beraten hatten, äußerten sich sehr besorgt. Innerhalb von Minuten habe Johnson „alle Ratschläge, wie man Vertrauen aufbaut und das Einhalten der Maßnahmen sicherstellt, die für die Kontrolle von Covid-19 notwendig sind, in die Tonne getreten“, twitterte Psychologe Stephen Reicher von der St.-Andrews-Universität in Schottland.

“Auf welchem Planeten leben die eigentlich?”

Die Zeitung „Daily Mail“ titelte am Montag zu Bildern von Johnson und Cummings: „Auf welchem Planeten leben die eigentlich?“ Der Chef der Oppositionspartei Labour, Keir Starmer, sagte der BBC: „Das war ein großer Test für den Premierminister und er ist gerade durchgefallen.“

Nicht auszuschließen scheint, dass in der Sache noch weitere Details an die Öffentlichkeit gelangen. Der “Guardian” und der “Daily Mirror” berichteten am Sonntagabend, ein Augenzeuge, der Cummings am 12. April an einem Ausflugsziel rund 50 Kilometer vom Wohnhaus seiner Eltern entfernt gesehen haben will, habe inzwischen Anzeige erstattet. Auch für einen weiteren Aufenthalt Cummings’ in Durham am 19. April gibt es demnach einen Augenzeugen. Die Regierung stritt weitere Aufenthalte Cummings’ in Durham ab.

Cummings bereut nichts und weist jegliche Kritik zurück

Er selbst wies am Montag jegliche Kritik an seiner Reise zu Verwandten zurück und lehnte einen Rücktritt ab. „Ich habe nicht angeboten, zurückzutreten. Ich habe das nicht in Erwägung gezogen“, sagte Cummings am Montag im Rosengarten des Regierungssitzes in London. „Ich bedaure nicht, was ich getan habe.“ „Ich bedaure nicht, was ich getan habe“, sagte Cummings im Rosengarten des Regierungssitzes in London.

Er begann seinen Auftritt mit etwa halbstündiger Verspätung, erschien mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und rief Journalisten ein lockeres „Hi there!“ (etwa: Hallo) zu. Ein Auftritt im Rosengarten gilt als äußerst ungewöhnlich. Es war damit gerechnet worden, dass er zurücktritt.

Er habe den Umständen entsprechend „vernünftig und angemessen“ gehandelt, sagte Cummings. Er habe entgegen anders lautender Berichte nur einmal Ende März seine Eltern mit seiner Familie besucht.

Erst Anfang Mai hatte der renommierte Wissenschaftler Neil Ferguson vom Imperial College seinen Posten als Regierungsberater aufgeben müssen, weil er während des Lockdowns Besuch von seiner Freundin erhielt. Auch die oberste medizinische Beraterin der schottischen Regierung, Catherine Calderwood, hatte sich über die eigenen Regeln hinweggesetzt und deswegen ihren Hut nehmen müssen.

RND/dpa