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Die US-amerikanische Germanistikprofessorin Priscilla Layne wurde am Mittwochabend in Sandra Maischbergers Talkshow zugeschaltet. Quelle: RND

US-Professorin bei Maischberger: “Habe Angst, dass das Militär auf Bürger schießt”

Die dunkelhäutige US-Wissenschaftlerin Priscilla Layne verleiht ihrer Sorge über die Zustände in den USA im TV-Talk von Sandra Maischberger viel Nachdruck. Ihr Auftritt ist gut, aber leider zu kurz. Derweil ist Donald Trump in den Augen von Bundesaußenminister Heiko Maas kein Rassist.

Berlin. Was ist im Vorfeld nicht alles diskutiert worden über diese Ausgabe des TV-Talks von Sandra Maischberger am Mittwochabend. Besonders auf Twitter hat die ursprüngliche Gästeauswahl große Empörung ausgelöst.

Obwohl ein Themenblock zum Rassismus gegen Schwarze nach dem brutalen Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA geplant ist, stehen zunächst nur Weiße auf der Gästeliste: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff, der Wissenschaftsmoderator Dirk Steffens, die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl und der “Focus”-Kolumnist Jan Fleischhauer.

Späte Kontaktaufnahme

Im Laufe des Mittwoch verkündet Maischbergers Redaktion eine zusätzliche Gesprächspartnerin, die US-Wissenschaftlerin Priscilla Layne, an. Nach eigenen Angaben sei die Redaktion “seit Sonntag im Kontakt mit mehreren möglichen, auch schwarzen, Gesprächspartnern zum Thema Rassismus in den USA”. Layne wird jedoch erst am Dienstagnachmittag kontaktiert, wie sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt.

Und so geht es in kurzfristig erweiterter Runde neben dem Rassismus und den Unruhen in den Vereinigten Staaten unter anderem auch um das milliardenschwere Konjunkturpaket der Bundesregierung und die Aufhebung der Reisewarnung innerhalb Europas.

Als erstes darf Bundesaußenminister Maas sprechen, und zwar über US-Präsident Donald Trump. Den Hintergrund der Proteste klammert Maischberger zunächst aus. “Was wir erleben, ist schmerzhaft”, sagt Maas in seiner angeborenen Nüchternheit, gleichwohl aber mit diplomatischen Nachdruck, und ergänzt: “Schmerzhaft, dass der Präsident Öl ins Feuer gießt.”

Maas’ Diplomatie

Allerdings will der SPD-Politiker die USA nicht nur auf ihren Staatschef reduzieren. “Die Vereinigten Staaten”, sagt er jedenfalls, “sind etwas mehr als das Weiße Haus. Das wird mir zu oft zu schnell gleichgesetzt.” Was sich nicht wegwischen lässt: Trump ist nun einmal der mächtigste Mann der USA und einer der mächtigsten Männer der Welt.

Ob der US-Präsident denn ein Rassist sei, will Maischberger wissen. Sie hofft auf einen Paukenschlag, doch diesen Gefallen verwehrt ihr Maas. “Nein”, sagt er entschieden. Er glaube aber, dass Trump “Äußerungen getätigt hat, die schwierig waren und die dafür gesorgt haben, dass rassistische Wunden wieder aufgerissen wurden”.

Anschließend wird Priscilla Layne aus North Carolina zugeschaltet. Die Leitung ist stabil – Maischbergers Redaktion hatte da vor der Sendung auf Twitter ein paar Sorgen geäußert. Was die dunkelhäutige Professorin zu sagen hat, trägt sie angefasst und mit ernster Miene vor.

Laynes Erfahrungen, Sorgen und Angst

“Ich habe ähnliche Erfahrungen mit der Polizei gemacht”, erzählt sie. “Nicht so brutal, aber bedrohend.” Und dann ergänzt Layne: “Jede Erfahrung mit Polizisten war schlecht.” Selbst wenn sie lediglich um Hilfe gebeten habe, sei sie “immer gleich als kriminell angesehen” worden.

Eine große Schuld daran trägt ihrer Meinung nach besonders Trump. Das ist wenig verwunderlich, denn dessen Rhetorik “macht alles noch viel schlimmer”. Dass sich an der Situation schnell etwas ändert, glaubt sie nicht, jedenfalls nicht, solange es keine “strukturellen Veränderungen” gebe. Was sie damit meint: einen Wechsel im Oval Office, klar, aber wohl auch Veränderungen im Polizeiapparat.

Layne sitzt vor einem großen Bücherregal, im Ohr zwei Kopfhörer. An den Protesten auf der Straße nimmt sie nicht Teil. Sie muss sich um ihren sechsjährigen Sohn kümmern, “mit dem bleibe ich zu Hause”. Doch sie ist natürlich gedanklich sehr nah bei den Demonstranten und besonders besorgt über Trumps Überlegung, notfalls Soldaten in die Städte zu schicken. “Ich habe Angst, dass das Militär auf Bürger schießt”, sagt sie.

Zu kurzer Auftritt

Die Wissenschaftlerin gibt durchaus starke Einblicke, und eine schwarze Person, die vom Rassismus direkt betroffen ist und spürt, was ein Weißer wohl kaum nachvollziehen kann, noch einzuladen, war sicherlich die richtige Entscheidung. Nach nur wenigen Minuten – es sind vielleicht etwas mehr als fünf – ist aber schon wieder Schluss. Maischberger dankt Layne, verabschiedet sie; dabei hätte das Thema noch viel mehr Gesprächsstoff geboten.

Stattdessen redet Außenminister Maas weiter, unter anderem über die Rücknahme der Reisebeschränkung für EU-Staaten ab dem 15. Juni. Und er drückt mächtig auf die Euphoriebremse. “Wir haben die Reisewarnung durch Reisehinweise ersetzt. Aber das sind immer noch keine Reiseeinladungen”, sagt er.

Maas’ Vertrauen in Olaf Scholz

Er riete zum Beispiel niemandem, zeitnah nach Großbritannien zu fahren. Und noch etwas: Wer nicht hören will, muss im Sommer fühlen. “Eine Rückholaktion wird es nicht mehr geben. Das muss jeder wissen, der wegfährt.”

Wo er selbst seinen Sommerurlaub verbringt, weiß er noch nicht, sehr wohl aber, dass Olaf Scholz ein “toller Typ” ist. Maischberger hatte gefragt, ob Maas eine Kanzlerkandidatur des Finanzministers unterstützen würde. Eine klare Antwort gibt er – kein Wunder – nicht. Aber immerhin lässt er sich noch einen interessanten Satz entlocken: “Olaf Scholz würde ich alles zutrauen.”

Fazit

Laynes Auftritt ist deutlich zu kurz, schade. Die Hintergründe sind freilich unbekannt, und Spekulationen verbitten sich an dieser Stelle. Aber mit Sicherheit hätten weitere hautnahe Berichte die Sendung bereichert. Dennoch war es die einzig richtige und überdies notwendige Entscheidung, sich um eine Afroamerikanerin als Gesprächspartnerin zu bemühen.

RND

Von Tobias Dinkelborg/RND