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Protest auf dem E-Auto - die IAA ist dieses Jahr keine ruhige Veranstaltung. Quelle: Getty Images

Die IAA wird zum Symbol des Umbruchs – und der Zerrissenheit

Klimaproteste, E-Autos und Personalrochaden bei der Industrie – die diesjährige Internationale Automobilausstellung prägt die Schlagzeilen. Trotzdem wissen eigentlich weder die Hersteller noch die Kunden, wohin die Reise gehen soll, meint unser Autor.

Wer Autohändler dieser Tage nach den Geschäften fragt, erfährt vor allem eins: Ratlosigkeit. Die Kunden bringen sie mit in den Laden, und dort stehen ihre Fragen einsam im Raum: Kann ich mir noch einen Diesel kaufen, oder darf ich den morgen nicht mehr fahren? Was wird mein Neuwagen übermorgen noch wert sein, wenn plötzlich alle elektrisch fahren? Und was taugen diese E-Autos? Schonen die wirklich die Umwelt, oder ist das alles Etikettenschwindel? Ist der Hybrid nun ein goldener oder ein fauler Kompromiss?

Eine Messe wäre ein guter Platz, um sie zu beantworten, womöglich eine Richtung zu weisen. Aber in Frankfurt auf der IAA will es nicht gelingen – weil die Branche selbst den Weg nicht weiß. Je nach den eigenen Ausgangsbedingungen preist jeder Hersteller seinen Weg an, die Branchenlobby flüchtet sich in den kleinsten gemeinsamen Nenner und preist „alternative Antriebe“ – von Gas bis Brennstoffzelle. Viele sind gar nicht erst gekommen, weil ihnen die Autoshow nicht mehr zeitgemäß erscheint oder weil sie schlicht nichts im Programm haben, was in diesen bewegten Zeiten glaubhaft für Zukunft stehen könnte.

Die Autohersteller sind uneins

Bernhard Mattes, Präsident des deutschen Verbands VDA, hat vor den Interessengegensätzen seiner Mitglieder offenbar kapituliert: Am Donnerstag kündigte er nach nur eineinhalb Jahren im Amt seinen Rückzug an. Unversehens wird diese Messe zum Symbol für den Umbruch der Autobranche – und für ihre Zerrissenheit. Es war erfrischend zu sehen, wie der VDA als Veranstalter noch kurz vor der Messe hektisch am Programm basteln musste und Diskussionen einschob, die beim selbst erhobenen Anspruch der IAA eigentlich selbstverständlich wären. VW-Chef Herbert Diess setzte sich mit Aktivistin Tina Velo zusammen, und auch wenn sie dabei die Welt nicht neu ordneten, wusste man hinterher wenigstens, warum: Es ist nicht so einfach, wie beide Seiten gern tun.

Die wichtigste Industrie des Landes muss sich radikal umstellen, daran zweifeln nicht einmal die Hardliner mehr. Aber sie haben auch recht, wenn sie auf Hunderttausende Arbeitsplätze verweisen: Wer die grundsätzliche Abkehr vom Auto fordert, kann nicht gleichzeitig seinen Herstellern den Jobabbau vorwerfen. Es wäre leichter, wenn man früher begonnen hätte. Nichts hätte dagegen gesprochen, denn für die Erkenntnis, dass es mit dem Auto nicht so weitergehen kann wie bisher, brauchte es nicht Fridays for Future oder die IAA-Proteste.

Die Schlupflöcher schwinden

Der erste „Entwicklungsplan Elektromobilität“ der Bundesregierung liegt zehn Jahre zurück. Aus der gleichen Zeit stammt die Erkenntnis des damaligen Daimler-Chefs Dieter Zetsche, dass das größte Problem des Autos sein Erfolg sei – und, dass man es so nicht mehr lange bauen könne, wenn einem die Erde am Herzen liege. Trotzdem warnt ein Jahrzehnt später Carlos Tavares, Präsident des europäischen Herstellerverbands Acea, vor Pleiten wegen des radikalen Umbruchs – und nicht einmal zu Unrecht. Warum also rennt jetzt wieder die Zeit? Ein Grund ist simpel: Mit Volkswagens Dieselbetrug wurde die Uhr vorgestellt. Regulierung wurde verschärft, Schlupflöcher in den Emissionsvorschriften wurden geschlossen – nachdem nicht zuletzt die Deutschen sie mit viel Fleiß hineingebohrt hatten.

Hier verbirgt sich der schwierigere Grund für die kollektive Trägheit: Auf das Ziel einer idealen Verkehrswelt kann man sich schnell einigen, die Mühen des Weges will niemand. Die „Nationale Plattform Elektromobilität“ wurde zum Rohrkrepierer, weil sich die verschiedenen Interessengruppen blockierten und die Politik keine Rahmenbedingungen definieren wollte oder – wohl eher – konnte.

Die Kunden sind nicht viel besser

Die Unternehmen wollen Gewinn machen und – im Sinne aller – ordentlich bezahlte Arbeitsplätze erhalten. Beides geht am besten mit vergleichsweise teuren Autos. Und wofür gibt die Masse der Kunden am meisten Geld aus? Für große, starke, schnelle Autos. Für beheizte Lenkräder und elektrisch verstellbare Sitze – auch wenn sie Gewicht und Verbrauch hochtreiben. Der Schrecken der Konzerne ist das Vernunftauto, weil dessen Käufer auch beim Preis vernünftig bleiben. Es gibt eine Menge Gründe, auf die Industrie zu wettern. Aber vorher sollte man in die eigene Garage schauen.

Von Stefan Winter/RND