Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Jetzt noch schnell den Staub absaugen: Der Maschinenbauer Trumpf nutzt in der Produktion auch 3D-Drucker. Quelle: Marijan Murat/dpa

Beim 3-D-Druck hängt China Deutschland ab

Ein kompakter Drucker, der allerlei Klein- und Ersatzteile herstellen kann – in manchen Betrieben gehört das längst dazu. Viele große Unternehmen machen allerdings einen Bogen um die Technologie.

Die zu einer Art Schnecke verwundene, etwa faustgroße Plastikröhre sieht recht unspektakulär aus. „Das Teil kühlt Batterien für Elektromotoren um 22 Prozent effektiver und es kostet 10 bis 15 Euro“, klärt Jan Mrosik über Nutzen und Preis des Unikums auf. Der Vorstand des Siemens-Bereichs Digitalindustrie, dem neuen Herzen des Traditionskonzerns, ist sichtbar stolz darauf. Mit herkömmlichen Methoden wäre das Teil weder zu entwerfen noch zu produzieren. Gefertigt hat es ein 3-D-Drucker, und auch beim Design war kein Mensch im Spiel. „Das macht unsere Software autonom ohne menschliches Zutun“, erklärt ein Siemens-Experte am Rande einer Konferenz für 3-D-Druck in München.

Die hat am Mittwoch in München stattgefunden – und die Beteiligten freuen sich über stabile Wachstumszahlen. Der Markt wachse jährlich um 25 Prozent, heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Aktuell setzt die junge Branche 11 Milliarden Euro um. In vier Jahren sollen es gut 25 Milliarden Euro sein. Im Verhältnis zu anderen Wirtschaftsbereichen ist das allerdings wenig.

Bei Siemens ist man von den Möglichkeiten trotzdem begeistert: Man müsse das Computerprogramm nur mit den gewünschten Leistungs- und Umgebungsparametern füttern, dann designe die Software selbstständig die für kühlenden Luftstrom beste Form der Röhre. „Das dauert nur ein paar Stunden“, sagt der Siemensianer. Zur Herstellung brauche ein 3-D-Drucker dann noch einmal drei Stunden. Herkömmlich gießen oder pressen könne man das Teil nicht, weil die Röhre in ihrem Inneren nicht eben, sondern mit Wülsten und Buckeln völlig unregelmäßig geformt ist.

Ersatzteile vor Ort herstellen

Nicht nur für solche Sonderanfertigungen sei 3-D-Druck heute schon das industrielle Maß der Dinge, betont der Digitalexperte des TÜV Süd, Holger Lindner. Auch beim 3-D-Drucken von Ersatzteilen vor Ort sei die Technologie mittlerweile wettbewerbsfähig. „Das macht die Deutsche Bahn“, sagt er zu einem heimischen Anwender des Verfahrens. Die Alternative sei es, Ersatzteile vom Hersteller um die halbe Welt zum Bestimmungsort zu schicken. Das dauere und sei nicht billiger.

3-D-Druck sei auch ein Stück Klimaschutz, weil er heutigen Teiletourismus oft unnötig mache, assistiert Oerlikon-Chef Roland Fischer. Der Schweizer Industriekonzern ist Mitveranstalter der 3-D-Druck-Konferenz und sieht sich mit an der Spitze der Technologie. Um sie voranzubringen, müssten Konzerne kooperieren. „Allein kann es keiner“, sagt Fischer. Zusammengebracht werden müssten IT-Experten und Softwareingenieure, die Hersteller von Pulvern, die Laser dann zu dreidimensionalen Teilen verbinden, und Druckerhersteller.

Ein solches Industriecluster hat Oerlikon nun zusammen mit General Electric und dem Dax-Konzern Linde an der Isar gegründet. Wissenschaftlicher Forschungspartner ist die TU München. Bei dieser Technologie habe Deutschland, speziell der Großraum München, international die Nase vorn, findet Fischer.

Deutsche Industrie hält sich zurück

Hinsichtlich der Anwendung von 3-D-Druck im industriellen Maßstab ist Andreas Behrendt skepisch. Er ist Digitalexperte der Beratungsfirma McKinsey. „Die deutsche Industrielandschaft ist festgefahren und unfähig, sich zu verändern“, lautet sein vernichtendes Urteil. Firmen in den USA und China seien viel offener bei der Anwendung innovativer Verfahren wie 3-D-Druck. So etwas müsse zur Chefsache gemacht werden, um es in einem typisch deutschen Konzern zum Durchbruch zu bringen.

Die aktuelle Studie von EY bestätigt Behrendt. Während zwei Drittel aller in Deutschland befragten Firmen 3-D-Druck nutzen, sind es in China und Südkorea 80 Prozent. „3-D-Druck ist in Asien derzeit sehr stark im Kommen“, betont EY-Expertin Stefana Karveska. Zudem wurde die Technologie in China zur wirtschaftspolitischen Strategie erklärt. Hierzulande befände sie sich noch vielfach im Teststadium. In der Anwendung für Endprodukte seien Hersteller in Asien weiter.

Verliert Deutschland den Anschluss?

International den Anschluss zu verlieren könne bei neuen Technologien mit hohen Wachstumsraten schnell gehen, warnt Behrendt und verweist auf die Solarindustrie, wo Deutschland auch einmal global führend war und nun abgeschlagen ist.

„Das Rennen hat erst begonnen“, glaubt Fischer. Niemand wisse heute, ob in einigen Jahren noch mit Lasern 3-D gedruckt werde oder ob sich andere Verfahren durchsetzen. Ungewiss ist auch, wer das Geschäft macht. In der technologischen Entwicklung ist Deutschland derzeit noch gut mit dabei. In Anwendungsfragen zeichnet sich dagegen schon jetzt Nachholbedarf ab.

Von Thomas Magenheim/RND