Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Die Unternehmen investieren so viel wie seit Jahren nicht mehr - doch auf schnelles Internet werden viele Bürger auch nach 2025 noch verzichten müssen.

Breitbandausbau: Verband fordert staatliche Internetgutscheine

Langsam, aber sicher geht es beim deutschen Breitbandausbau voran – doch längst nicht in allen Regionen. Der Branchenverband VATM schlägt nun vor, an Bürger in unterversorgten Gebieten Gutscheine auszugeben.

So schlecht sieht es gar nicht aus bei der Telekommunikation in Deutschland. Die Verbraucher bekommen mehr Leistung fürs Geld. Die Unternehmen investieren so viel wie seit Jahren nicht mehr. Und die Nutzung von Daten steigt weiter extrem schnell. Wären da nicht der lahmende Ausbau bei superschnellen Glasfaseranschlüssen und die langsamen Geschwindigkeiten beim mobilen Internet.

9,4 Milliarden Euro werden die Unternehmen in diesem Jahr in die Hand nehmen, um ihre Netze auszubauen – so viel wie seit 2001 nicht mehr. Der Platzhirsch Deutsche Telekom und die vielen kleineren Rivalen werden sich die Investitionen in etwa paritätisch teilen. Das alles geht aus der Marktanalyse hervor, die das Beratungsunternehmen Dialog Consult und der Branchenverband VATM am Mittwoch vorgelegt haben. Das Geld werde vor allem in die Modernisierung der Festnetzanschlüsse und Einführung von Mobilfunktechnik der vierten und fünften Generation (4G und 5G) gesteckt, so Studienleiter Torsten Gerpott.

Andere Länder, schnelleres Internet

Das ist auch dringend nötig, wenn man die aktuellen Befunde des Weltwirtschaftsforums (WEF) ernst nimmt. Demnach hat Deutschland im globalen Vergleich deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die größte Schwäche sei die Infrastruktur der Informations- und Kommunikationstechnik. Baltische und skandinavische Länder, aber auch Russland und China seien da deutlich weiter. Vor allem Glasfaseranschlüsse seien hierzulande ein Privileg für einige wenige. In dieser Kategorie kommt Deutschland in der WEF-Rangliste nur auf Platz 72 unter 141 Ländern. Bei der Zahl der mobilen Breitbandanschlüsse wird gerade einmal Rang 58 erreicht. Vor allem auf dem Land hapert es bei den Übertragungsgeschwindigkeiten.

Mit der Auktion der Frequenzen für die 5G-Technik haben sich die vier Netzbetreiber (Telekom, Vodafone, Telefonica, 1&1-Drillisch) zwar zu einem weiteren Ausbau verpflichtet. Doch man dürfe nicht erwarten, dass da demnächst flächendeckend ein Gigabitniveau erreicht werde, so Gerpott. Denn dafür müssten erst einmal neue Glasfaserkabel für die Mobilfunksendemasten verlegt werden.

Die Telekom hinkt hinterher

Gigabit ist das aktuelle Zauberwort in der Branche. Gemeint ist eine Übertragungsgeschwindigkeit von 1000 Megabit pro Sekunde. Mit der aktuellen LTE-Mobilfunktechnik sind theoretisch schon mehr als 100 Megabit möglich. 5G soll eine Vervielfachung bringen. Marktforscher gehen aber davon aus, dass dies hierzulande im großen Stil frühestens ab der Mitte des nächsten Jahrzehnts möglich sein wird.

Die Entwicklung im Festnetz ist zwar schon weiter. Gerpotts Marktanalyse zufolge werden Ende des Jahres hierzulande aber nur rund 4,8 Millionen Gigabitzugänge genutzt. Technisch wäre möglich, diese für 16,5 Millionen Haushalte zu aktivieren, was dann einer Abdeckung von immerhin knapp 40 Prozent entsprechen würde. Den allergrößten Teil der gigabitfähigen Anschlüsse stellen derzeit die T-Konkurrenten bereit. Vor allem via Fernsehkabel – dieses Geschäft wird von Vodafone dominiert. Hinzu kommen ultraschnelle Glasfaserkabel, die auch viele kleine Anbieter bis zu den Wohngebäuden verlegt haben.

Die Deutsche Telekom kapriziert sich hingegen bislang darauf, Internetanschlüsse über die alten Telefonkupferkabel als VDSL zu vermarkten. Hier sind aber nur 250 Megabit möglich. Gerpott betonte, dass dies aus Sicht der Telekom betriebswirtschaftlich sinnvoll sei. Markt- und Wirtschaftsforscher haben indes vielfach darauf hingewiesen, dass die Dominanz der Telekom im gesamten Breitbandgeschäft den Gigabitausbau blockiert – die Bonner sind hier mit einem Marktanteil von knapp 40 Prozent noch immer marktbeherrschend. Wobei Wettbewerbsexperten immer wieder darauf hinweisen, dass die Telekom indirekt auch noch durch eine ihr wohlgesonnene Regulierungspolitik der Bundesnetzagentur unterstützt wird. Ein Resultat dieser Entwicklung ist, dass noch immer sechs von zehn Breitbandanschlüssen auf weniger als 50 Megabit kommen – wobei schon fünf Megabit für die Übertragung von HD-Videos genügen.

Gutscheine für den Netzausbau

Gerpott geht gleichwohl davon aus, dass sich in den nächsten Jahren noch was tun wird. Bis 2025 könnten nach derzeitigem Stand 75 Prozent der Haushalte die Gigabitfähigkeit erreichen. Die Bundesregierung hat sich allerdings ein flächendeckendes Angebot zum Ziel gesetzt. VATM-Präsident Martin Witt betonte denn auch: „Mehr als 75 Prozent sind machbar.“ Dafür müsse die Politik aber Hürden und Hindernisse aus dem Weg räumen. Zu seinem Forderungskatalog gehört, Genehmigungen für den Netzausbau zu beschleunigen. Zudem verlangt er, beim Glasfaser künftig auch an die Verlegung von Oberleitungen zu denken. Das geht schnell, spart Kosten und wird in anderen Ländern schon erfolgreich praktiziert. Mit dem klassischen Tiefbau jedenfalls könne das Ausbauziel für 2025 nicht erreicht werden, so Witt.

Und damit auch ländliche Regionen beim schnellen Internet nicht zu kurz kommen, schlägt Jürgen Grützner, VATM-Geschäftsführer, Highspeedgutscheine vor. In dünner besiedelten Gebieten würden sich derzeit viele Telekom-Unternehmen schwertun, da dort der Ausbau teuer sei. Einfacher werde es für die Firmen, wenn sie sich auf gesicherte Nachfrage verlassen könnten. Die soll mit Gutscheinen erzeugt werden, die der Staat an Haushalte verteilt. Der VATM schlägt 500 Euro für einen Gigabitanschluss vor.

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