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Etwas obszön, aber ein ernster Hintergrund: Die Sparkasse will über die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen informieren. Quelle: Screenshot/Sparkasse

„Pi***el runter, Rente rauf“: Darum setzt die Sparkasse jetzt auf obszöne Werbung

Sparkassen gelten als eher bieder – ein jüngst veröffentlichter Werbespot demonstriert das Gegenteil. Darin geht es um den Zusammenhang zwischen Geschlechtsorganen und der Altersvorsorge. Die Banker stehen hinter ihrem Video.

„Das erste Kind mit 70“ oder „Männer so richtig ausnehmen“ – die Ratgeber, in denen Influencerin Nike van Dinther im jüngsten Sparkassen-Werbevideo blättert, wirken zunächst absurd. Spätestens, wenn es etwas obszön wird, erkennen Zuschauer, dass es sich um Guerillamarketing handelt. Denn die Sparkassen wollen darauf hinweisen, dass Frauen im Alter finanzielle Risiken drohen.

Die Kampagne hat die Werbeagentur Jung von Matt entwickelt. Im Video ist van Dinther in Alltagsszenen zu sehen, stets in Ratgeberbüchern schmökernd. Die heißen „Wie Babys Frauen die Rente versauen“, „Sugardaddys finden für Doofe“ oder „Das erste Kind mit 70“. Gedreht sind die Szenen in U-Bahnen, Cafés und auf öffentlichen Plätzen – wo die Buchtitel durchaus für irritierte Blicke sorgen. Die Verwirrung steigert sich, als van Dinther eine Werbetafel auspackt. „Pimmel Runter, Rente rauf – 100 Wege, ein Kind zu verhindern, um die Rente zu sichern“ steht darauf.

Was von der Wortwahl her obszön wirken könnte, hat aus Sicht der Sparkassen einen ernsten Hintergrund: „Frauen sollten nicht darauf vertrauen, dass das Geld später schon irgendwie reichen wird“, sagt Silke Lehm, Marketingleiterin beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband gegenüber dem Mediendienst Horizont. Denn tatsächlich liegen die Bezüge von Frauen im Alter weit unter denen von Männern. Je nach Berechnung beträgt die sogenannte Pensionslücke zwischen Männern und Frauen bis zu 53 Prozent – laut dem European Institute for Gender Equality ist sie in Europa nur noch in Luxemburg ähnlich groß.

Die Pensionslücke ist allerdings nur ein Indikator. Wie groß die Unterschiede bei der Rentenhöhe tatsächlich sind, hat unter anderem ein Forscherteam der Universität Mannheim kürzlich berechnet. „Wir sprechen hier von ungefähr 26 Prozent Differenz“, sagte die Studienautorin Alexandra Niessen-Ruenzi von der Universität Mannheim dem Deutschlandfunk.

Kindererziehung ist ein finanzielles Risiko

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen rühren vor allem daher, dass Frauen in Deutschland vergleichsweise selten Karriere machen – und weniger häufig in Vollzeit arbeiten. Das liegt unterschiedlichen Studien zufolge vor allem an der Zeit, die Frauen für Kindererziehung aufwenden. Weil dabei kaum Rentenansprüche aufgebaut werden, ist laut Sparkassen die Rentenlücke in Deutschland besonders groß. Mit ihrer neuen, provokanten Kampagne wollen die Sparkassen deshalb Frauen für frühzeitige Beratung zur Altersvorsorge sensibilisieren, erklärt Lehm.

Zugleich weisen die Sparkassen daraufhin, dass politische Maßnahmen der Pensionslücke entgegen wirken können. In Dänemark sei es der Regierung gelungen, die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen innerhalb von zwei Jahren von 19 auf acht Prozent zu senken. Dort spielt allerdings eine steuerlich finanzierte Grundrente eine wesentlich größere Rolle als in Deutschland.

Von Christoph Höland/RND