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Der neue Volkswagen Golf 8 steht bei der Weltpremiere auf der Bühne. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Golf 8: Dieses Auto soll die VW-Stromer gegenfinanzieren

Er ist immer noch der wichtigste Volkswagen. Heute Abend fährt in Wolfsburg erstmals der neue Golf auf die Bühne – optisch wenig verändert und wie immer mit Verbrennungsmotor. Die Revolution findet drinnen statt.

Wolfsburg. Es könnte sein letzter großer Auftritt sein. Am Donnerstagabend feiert VW in Wolfsburg die Premiere des neuen Golf. Der „König der Kompaktklasse“ bekommt seinen eigenen Auftritt abseits der IAA, denn auf der Automesse vor wenigen Wochen hätte ihm schon der Kronprinz ID.3 die Show gestohlen. Der ist der „Golf des Elektrozeitalters“, und das wird schon herrschen, wenn – irgendwann Mitte des nächsten Jahrzehnts – wieder ein neuer Golf an den Start rollen könnte.

Aber an diesem Abend gehört ihm noch einmal die große Bühne. 36 Millionen verkaufte „Gölfe“ – so sagen sie in Wolfsburg – seit dem Start in den Siebzigern, immer noch mit Abstand meistverkauftes Auto in Deutschland, nun die achte Generation. „Die Produkteinführung der kommenden Golf-Generation ist neben der ID-Familie die strategisch bedeutsamste“, sagt Markengeschäftsführer Ralf Brandstätter. Nicht nur strategisch: Angesichts der großen Unsicherheit rund um die E-Mobilität ist der Konzernklassiker vor allem ein stabilisierender Faktor.

Der Neue soll einen reibungslosen Übergang in die Autozukunft garantieren. Die Optik wurde wie immer nur behutsam verändert. Etwas kleinere Glasflächen, zwei zusätzliche Kanten auf der Motorhaube, leicht ausgestellte Radkästen – viele Laien werden den Unterschied nicht sehen. Auch beim Antrieb bleibt der Golf konventionell: Ein reiner E-Antrieb bleibt dem ID.3 vorbehalten, den Klassiker gibt es mit Benzinmotor, Diesel und in verschiedenen Hybridversionen.

Der Golf 8 klingt wie Scarlett Johansson

Die Revolution findet drinnen statt. Dort warten komplett digitale Anzeigen und Bedienelemente. Nur an wenigen Stellen finden sich noch Schalter. Wie der ID.3 ist der neue Golf jederzeit vernetzt und hört mit Spracherkennung auf die Anrede „Hey, VW“. Dann antwortet Luise Helm, deutsche Synchronstimme von Scarlett Johansson. Bei VW ist man sehr stolz darauf.

Bei Vernetzung und Softwarefunktionen werde der neue Golf „im Volumensegment neue Maßstäbe setzen“, hat Konzernchef Herbert Diess bereits angekündigt. Der Programmieraufwand brachte die Entwickler allerdings ins Schlingern. Als sich im Frühjahr die Probleme häuften, schien zeitweise sogar der pünktliche Produktionsstart in Gefahr. Von „Feuerwehrmodus„ und „Troublemanagement für Fortgeschrittene“ war die Rede. Das wird nun abgehakt, die Produktion hat begonnen, Anfang Dezember sollen die Autos bei den Händlern stehen. Rechtzeitig hat auch Konkurrent Opel seinen Astra aufgefrischt und BMW einen völlig neuen Einser auf den Markt gebracht.

Der neue Golf als Cashcow

Für das Wolfsburger Stammwerk ist dieser Golf noch wichtiger als manche Vorgänger, denn seine Produktion wurde dort konzentriert. Knapp eine halbe Million Fahrzeuge sollen jährlich vom Band rollen, das ist rund die Hälfte der Wolfsburger Gesamtproduktion. Knapp 9000 Menschen sind direkt in der Golf-Fertigung beschäftigt, doch würde der Neue floppen, stünde viel mehr auf dem Spiel. Für VW ist er immer noch das „Herz der Marke“ und eine „Ikone“.

Vor allem aber ist er der Kern des Baukastensystems MQB, das mit vergleichsweise wenig Aufwand viele andere Modelle möglich macht. Die MQB-Startschwierigkeiten musste der Vorgänger vor einigen Jahren ausbaden, der Golf 8 sollte nun von den Kostenvorteilen profitieren und stabile Gewinne einfahren. Denn das ist seine wichtigste Aufgabe.

In den nächsten Jahren werden alle Autobauer viel Geld für die Elektromobilität brauchen, und VW investiert hier mit Abstand am meisten. Es ist kein Geheimnis, dass die Elektroautos in den nächsten Jahren nur dank einiger Rechenkunststücke Gewinn bringen werden. Zum Beispiel sollen sie dem Konzern Strafzahlungen ersparen, wenn ab 2020 schärfere CO₂-Grenzwerte gelten, die kaum ein Hersteller mit der aktuellen Modellpalette einhalten kann.

Die Einnahmen werden für die Elektromobilität gebraucht

Das klassische Geschäft mit stabilen Gewinnen ruht jedoch weiter auf den Schultern des Golf und seiner MQB-Brüder wie Tiguan und T-Roc. Das Basismodell dürfte dazu wenig beitragen, denn der Ertrag steckt bei Autos im Zubehör und höherer Motorleistung. So soll die Preisliste zwar weiterhin bei knapp 18.000 Euro beginnen, der Durchschnitts-Golf wird derzeit allerdings für rund 24.000 Euro verkauft. Und wer mag, kann leicht das Doppelte ausgeben.

Von Stefan Winter/RND