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Frauen arbeiten im Schnitt mehr in Teilzeit als Männer, was rein mechanisch dazu führt, dass sie weniger verdienen und dementsprechend weniger Rentenansprüche erwerben. Quelle: Getty Images/iStockphoto

Altersversorgung: Darum bekommen Frauen weniger Rente als Männer

Familie oder Rentenpunkte: Viele Frauen müssen sich darauf einstellen, im Alter weniger Geld auf dem Konto zu haben als ihre männlichen Kollegen. Wie prekär die Situation mitunter ist und welche Ursachen der Gender-Pension-Gap hat, hat die Ökonomin Alexandra Niessen-Ruenzi in einer großen Studie dargelegt.

Frau Niessen-Ruenzi, Sie haben den sogenannten Gender-Pension-Gap, also die geschlechtsbedingte Rentenlücke, untersucht. Wie viel weniger Rente bekommen deutsche Frauen im Schnitt?

Das hängt davon ab, was man unter dem Begriff Rente versteht. In unserer Studie haben wir uns auf die gesetzlichen Rentenansprüche konzentriert, was daran liegt, dass wir hier sehr genaue Daten vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vorliegen hatten. Da sind alle sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer registriert. So konnten wir sehr genau die gesetzlichen Rentenansprüche von männlichen und weiblichen Erwerbstätigen bestimmen. Wenn man das tut, kommt man auf einen Gender-Pension-Gap von 26 Prozent. Das bedeutet, dass Frauen im Schnitt rund 26 Prozent weniger gesetzliche Rentenansprüche erworben haben, wenn sie mit 67 Jahren in Rente gehen.

Liegt das am System oder an den unterschiedlichen Erwerbsbiografien?

Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass dieser Gap sich erst in einem Alter von 35 Jahren auftut. Vorher beobachten wir keine Unterschiede. Das legt nahe, dass es eher an der unterschiedlichen Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen liegt. Denn wenn wir uns die Regularien zur gesetzlichen Rente ansehen, so hat der Gesetzgeber durch zusätzliche Entgeltpunkte versucht, Erziehungszeiten auszugleichen. Das reicht nach unseren Berechnungen aber nicht aus, um den Gender-Pension-Gap zu schließen.

Sind es nur die Erziehungszeiten, oder gibt es noch andere Ursachen wie beispielsweise steigende Scheidungsraten oder mehr Teilzeitarbeit?

Das sind natürlich zusätzliche Faktoren, die eine Rolle spielen. Aber unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Familiengründung der Haupteinflussfaktor für den Unterschied bei der Rente ist, wenn auch nicht der einzige. Man weiß beispielsweise, dass Frauen und Männer sich bei der Berufswahl immer noch in unterschiedliche Branchen selektieren. So wählen Frauen häufiger soziale Berufe, was durch die schlechtere Bezahlung dieser Berufe dazu führt, dass sie weniger Rentenansprüche als Männer erwerben. Das heißt, dass der bekannte Gender-Pay-Gap sich fortschreibt in einen Gender-Pension-Gap. Wobei wir selbst in der gleichen Branche bei gleicher Qualifikation immer noch einen Gender-Pay-Gap von sechs Prozent haben, der sich dementsprechend auswirkt – auch ohne verlorene Rentenpunkte durch Erziehungszeiten.

Worauf lässt sich der Gender-Pay-Gap von 6 Prozent, also die schlechtere Bezahlung bei gleicher Qualifikation in der gleichen Branche, zurückführen?

In der wissenschaftlichen Literatur wird als ein Hauptgrund das schlechtere Verhandlungstalent von Frauen angegeben. Weil Frauen bei Gehaltsverhandlungen oft nicht so hoch pokern, wie das vielleicht männliche Arbeitnehmer machen.

Ist es auch so, dass Frauen eher dazu neigen, in Teilzeit zu arbeiten?

Ja, das beobachtet man vor allem im Zusammenhang mit der Familiengründung. Frauen scheiden oft ganz aus der Erwerbstätigkeit aus, was bis vor einigen Jahrzehnten noch das Standardmodell war. Jetzt ist es so, dass viele Frauen zwar nicht ganz der Berufstätigkeit den Rücken kehren, aber den Umfang ihrer Stundenzahl signifikant reduzieren und in Teilzeit gehen, was rein mechanisch dazu führt, dass sie einfach weniger verdienen und dementsprechend weniger Rentenansprüche erwerben.

Kann man von so etwas wie der Teilzeitfalle sprechen?

Zumindest haben Studien gezeigt, dass Frauen, die in Teilzeit arbeiten, oft unterschätzen, dass sie in der Folge oft ihre gesamte Erwerbstätigkeit hindurch eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, befördert zu werden, und somit auch viele Jahre später noch weniger verdienen.

Kann man überspitzt sagen, dass das deutsche Rentensystem weibliche Erwerbsbiografien eher sanktioniert als fördert?

Das deutsche Rentensystem nicht. Denn – wie bereits angesprochen – gibt es vom Gesetzgeber Extraentgeltpunkte für Erziehungszeiten. Wenn Sie ein nach 1992 geborenes Kind haben, bekommen Sie beispielsweise drei Entgeltpunkte. Aber das reicht eben noch nicht, um die 26 Prozent Gender-Pension-Gap vollständig auszugleichen. Man kann natürlich über andere Dinge streiten – Stichwort Ehegattensplitting. Hier muss man die Frage stellen, inwieweit der Staat Anreize für Frauen setzt, eine volle Berufstätigkeit anzustreben. Was die reine Rentengesetzgebung angeht, so herrscht durchaus ein Bewusstsein dafür, dass ein Ausgleich stattfinden muss.

Das heißt, Frauen sorgen einfach nicht genug vor?

Wenn man die private Vorsorge mit einbezieht, dann würde ich dem zustimmen. Denn da ist der Gender-Pension-Gap sogar noch höher als bei der gesetzlichen Rente. Es gibt Studien, die besagen, dass der Gap im Bereich der privaten Vorsorge sogar bei 36 Prozent liegt.

Woran liegt das?

Das ganze Thema Geldanlage ist immer noch sehr stark männerdominiert, und Frauen befassen sich nicht so häufig damit.

Sind Frauen nicht gerade für Finanzdienstleister eine unglaublich interessante Zielgruppe?

Ja, auf jeden Fall. Man beobachtet auch immer mehr, dass Finanzdienstleister diese Kundengruppe für sich entdecken. Auch wenn die Forschung dazu zeigt, dass es noch viel Verbesserungsbedarf gibt. Es gibt Studien, die zeigen, dass männliche Kunden von Finanzberatern mehr als doppelt so oft kontaktiert werden. Kommt ein Ehepaar, so wird meistens nur der Mann angesprochen. Frauen dagegen bekommen eher die Botschaft, man kümmere sich schon darum. Und wenn nur weibliche Kunden erscheinen, dann werden ihnen häufiger teurere Produkte empfohlen und es gibt seltener Preisnachlässe.

Und wie steht es um das weibliche Wissen?

Man kann sagen, es besteht eine große Unsicherheit. Es gibt einen Standard-Finanzmarkt-Wissenstest aus drei einfachen Fragen. Zum Beispiel kann man aus einer Frage ableiten, ob jemand weiß, was Inflation bedeutet. Da schneiden Frauen systematisch schlechter ab. Allerdings nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Industrienationen.

So können Frauen vorsorgen

Anke Pauli vom Onlineportal Geldfreundinnen.de empfiehlt Frauen eine Bestandsaufnahme. „Daraus lässt sich ableiten, wie viel Geld zur Vorsorge ­übrig ist oder wo sich noch sparen lässt.“ Dann sollten sie feststellen, wie viel Geld sie aus gesetzlicher Rente oder privater Vorsorge haben werden. Die Anlagetipps für Frauen unterscheiden sich nicht von denen für Männer. „Wer langfristig Vermögen aufbauen will, muss am Aktienmarkt anlegen – egal, ob Mann oder Frau“, sagt Sara Zinnecker vom Portal Finanztip.de.

Von Nora Lysk/RND

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