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Die Kryptowährung Libra steht in großer Kritik. Lokal werden Alternativwährungen schon gehandelt – und stärken so die regionale Wirtschaft. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Wer braucht Libra? So können regionale Währungen die Lokalwirtschaft stärken

Eine Alternative zum Euro? Dafür braucht es die geplante Facebook-Währung Libra nicht. In der realen Welt gibt es sie längst – regional statt global. Aber schaffen Chiemgauer oder Sardex wirklich wirtschaftlichen Mehrwert?

Hannover. Rund um den Globus streiten gerade alle über die geplante Facebook-Währung Libra. In Oberbayern und auf Sardinien lacht man darüber. Regional statt global ist da die Devise – auch im Zahlungsverkehr.

Regionalgeld soll die lokale Wirtschaft stark machen

Alternativen zu Euro und Co. funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip. Mit Regionalgeld wie dem Chiemgauer oder dem Sardex oder auch dem britischen Bristol Pound kann man nur in einigen wenigen Kommunen bezahlen. Sie werden nicht im Internet, sondern bei Unternehmen vor Ort ausgegeben und sollen so die lokale Wirtschaft stärken. Eine Finanzwelt im Miniformat.

Parallelwährung entstand im Schulunterricht

Bunt sieht er aus, der Chiemgauer, fast ein wenig wie Spielgeld. Bilder aus der Region zieren die Scheine, aufgenommen von Hobbyfotografen. Der „grüne Einser“ zeigt ein Almkälbchen mit Chiemgauer Ohrmarke, den „gelben Fünfer” ziert ein Edelweiß und den „roten Zehner” der Gipfel des Hochgerns, eines Bergs in den Chiemgauer Alpen. Doch als Bezahlmittel ist der Chiemgauer genauso viel wert wie der Euro: zumindest in den oberbayerischen Landkreisen Rosenheim und Traunstein, wo er als Parallelwährung eingeführt wurde.

Dass es den Chiemgauer gibt, ist eigentlich nur einem Experiment zu verdanken. Im Jahr 2002 startete Christian Gelleri, damals Lehrer an der Waldorfschule, im Wirtschaftsunterricht ein Projekt. Mit seinen Schülern wollte er testen, ob eine regionale Währung die Wirtschaft vor Ort stärken könnte; die Schüler erfanden den Chiemgauer.

Über 725.000 Chiemgauer sind im Umlauf

Das Prinzip sei einfach, sagt Gelleri: „Weil der Chiemgauer nur hier ausgegeben werden kann, kommt er kleinen Unternehmen zugute und verhindert, dass das Geld zu Internetshops wie Amazon abfließt.”

Mittlerweile akzeptieren mehr als 500 Unternehmen und Dienstleister in der gut situierten Region den Chiemgauer als Zahlungsmittel, vom Bäcker über die Gärtnerei bis zum Tierheilpraktiker und lokalen Niederlassungen von Supermarktketten. Über 725.000 Chiemgauer sind derzeit im Umlauf. „Ich hätte damals selbst nicht gedacht, dass das Ganze so groß werden würde”, sagt Gelleri.

Wertverlust lässt sich von der Steuer absetzen

Das Regionalgeld funktioniert so: Verbraucher tauschen zunächst Euro in Chiemgauer um, eins zu eins. Mit dem Chiemgauer wird dann bei Händlern aus der Region eingekauft. Wollen diese den Chiemgauer zurück in Euro tauschen, bekommen sie 5 Prozent weniger dafür.

Von den 5 Prozent, die einbehalten werden, dienen 2 Prozent der Finanzierung des Projektes, und 3 Prozent kommen der Gemeinschaft zugute. Das Geld geht zum Beispiel an Kindergärten, Sportvereine oder die Freiwillige Feuerwehr. Die Waldorfschule etwa, an der der Chiemgauer erfunden wurde, konnte sich dank solcher Förderung endlich eine neue Turnhalle leisten. Und die Unternehmen können den Wertverlust des Chiemgauers wie eine Spende von der Steuer absetzen.

Chiemgauer ist nach Erwerb nur zwei Monate gültig

Wer regelmäßig mit Chiemgauern bezahlt, entscheidet sich also ganz bewusst dafür, kleine Betriebe vor Ort und soziale Projekte zu unterstützen. Unternehmen, die mitmachen, engagieren sich ebenfalls für die Gemeinschaft. Gleichzeitig profitieren sie von neuen Kunden, wenn sie Chiemgauer akzeptieren. Und das Regionalgeld wird von den Kunden besonders schnell ausgegeben, was ebenfalls gut fürs Geschäft ist.

Um sicherzustellen, dass sie ständig im Umlauf bleibt, hat die Alternativwährung nämlich eine begrenzte Haltbarkeit. Nach dem Erwerb ist ein Chiemgauer nur zwei Monate gültig. Dann muss er durch eine Marke neu aufgewertet werden. Bei 20 Chiemgauern kostet eine Aufwertung 40 Cent, die als Spende für einen guten Zweck verwendet werden.

Dank dieses Systems zirkuliert das Geld länger in der Region, genauso wie es sich Gelleri erhofft hatte: „Ich würde deshalb absolut jeder wirtschaftlich schwachen Gegend eine eigene Währung empfehlen.“

Sardex wurde wegen Euro-Krise eingeführt

Auf der italienischen Insel Sardinien ist genau das geschehen. Auch, weil der regionale Sardex noch mit Kleinkrediten kombiniert wird. Die rein digitale Währung wurde eingeführt, als auf Sardinien 2010 die Wirtschaft wegen der Euro-Krise am Boden lag. Kleinunternehmen vor Ort drohte die Pleite, sie bekamen von den Banken kein Geld mehr.

Wirtschaftswachstum durch Alternativwährung und zinsfreie Darlehen

Da hatten fünf junge, heimische Unternehmer die Idee für den Sardex. Sie führten die Alternativwährung ein und vergaben zinsfreie Darlehen auch an solche Händler, die die Banken längst abgeschrieben hatten – in Sardex. Ein Sardex hat den Wert eines Euros, kann aber nur lokal ausgegeben werden. Mit den Sardex-Krediten konnten die Unternehmer neu investieren und durch die lokale Bindung handelten sie von nun an stärker untereinander: Beides ließ die regionale Wirtschaft wachsen.

Lokale Währung soll in Italien ausgeweitet werden

Der Sardex stärkte traditionelle Gewerbe wie Käsereien, Tischler und Messerschmiede, bis zu 20 Prozent Umsatzsteigerung konnten manche von ihnen verzeichnen. Inzwischen kann man selbst beim Zahnarzt in Sardex bezahlen. Um die 80 Millionen Sardex wurden zuletzt pro Jahr gehandelt. Das Modell soll nun auch auf andere Gegenden in Italien ausgeweitet werden.

Experte: Alternativwährungen nicht effizient genug

Peter Tillmann ist Professor für monetäre Ökonomik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er glaubt nicht, dass sich regionale Währungen in relevantem Umfang durchsetzen werden. „So etwas stiftet vielleicht Identität, und man kann es aus regionaler Verbundenheit machen.”

Die alternativen Währungen seien aber nicht effizient genug, vor allem wenn es beim Handel zum Wertverlust komme wie beim Chiemgauer. Tillmann findet, man brauche keine spezielle Währung, um die örtliche Wirtschaft zu stärken: „Wer regional kaufen möchte, kann das ja tun, aber er kann dabei doch in Euro bezahlen.”

Konsumverhalten steht im Vordergrund

Allerdings bevorzugen die meisten dann eben doch nicht die Händler am Ort, während eine Regionalwährung hilft, den guten Vorsatz auch umzusetzen. Chiemgauer-Erfinder Christian Gelleri glaubt auch nicht, dass der alleinige Sinn von Geld Effizienz sein sollte. „Bei Regionalwährungen steht etwas anderes im Vordergrund.” Nämlich nicht, dass möglichst viel, sondern möglichst wirksam konsumiert wird.

Von Irene Habich/RND