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Lufthansa will offenbar Teile der insolventen Airline Alitalia übernehmen.

Einstieg bei Pleite-Airline Alitalia: Plötzlich ist die Lufthansa Favorit

Die Lufthansa würde gern bei der italienischen Pleite-Airline Alitalia einsteigen, fordert aber eine harte Sanierung. Davon wären auch die Piloten betroffen, die extrem einflussreich sind. Wie reagiert die italienische Regierung?

Die tannengrünen Uniformen der Alitalia-Crews zählen noch immer zu den modischen Highlights der Flugfahrtbranche. Ansonsten ist bei Italiens nationaler Fluglinie der Lack ziemlich ab. Das Unternehmen ist seit zweieinhalb Jahren Pleite. Die Lufthansa würde gerne als kommerzieller Partner einsteigen, macht aber eine umfassende Sanierung zur Bedingung. Am Donnerstag wird es spannend. Eine Frist läuft ab, um neue Eigner für die insolvente Alitalia zu finden. Doch die Chancen dafür stehen schlechter denn je. Denn der Infrastrukturkonzern Atlantia, der von der Familie Benetton kontrolliert wird, ist kurzfristig ausgestiegen. Das Unternehmen teilte mit, die Bedingungen für eine Beteiligung an einem Konsortium zur Rettung der Airline seien derzeit nicht erfüllt.

Eigentlich war geplant, dass die Benettons mit 37,5 Prozent zu einer Art Anker-Eigner werden sollten. Mit dem gleichen Anteil soll der staatliche Eisenbahnkonzern FS einsteigen. Zudem wollte sich der Staat direkt engagieren, und schließlich war ein kommerzieller Partner, der 10 Prozent übernehmen sollte, eingeplant. Lange sah es so aus, als würde die US-Airline Delta diese Rolle übernehmen. Doch es soll zu einem Zerwürfnis gekommen sein. Das Delta-Management erklärte zwar seine Bereitschaft, für 100 Millionen Euro dem Konsortium beizutreten. Doch Medienberichten zufolge konnte keine Einigung darüber gefunden werden, wie das Langstreckengeschäft umgebaut werden soll. Es kursiert aber auch die Spekulation, dass der Regierung die 100 Millionen nicht genug waren.

Für die Lufthansa wäre Alitalia eine schöne Trophäe

So kommt nun wieder die Lufthansa ins Spiel. Seit der erneuten Pleite von Alitalia im Frühjahr 2017 bekundet Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit schwankender Intensität immer wieder sein Interesse an der italienischen Fluggesellschaft. Sie wäre ein schöne Trophäe, schon allein wegen des bekannten Namens und weil die Airline noch immer der Carrier des Papstes ist. Hinzu kommt, dass Italien für die Lufthansa ein wichtiger Markt mit langer Tradition ist. Dabei geht es einerseits um Ferienfliegerei über die Alpen hinweg, andererseits um Langstreckenverbindungen von und nach Mailand und Rom – den beiden wichtigsten Flughäfen für Alitalia. Hinzu kommt, dass Spohr immer wieder betont, dass sein Unternehmen eine aktive Rolle bei der Konsolidierung der europäischen Luftfahrtbranche spielen will. Die Italiener wären eine naheliegende Ergänzung, zumal mit der Swiss und der österreichischen AUA schon zwei „benachbarte“ Airlines zu Europas größten Luftfahrtkonzernen gehören. Am Dienstag kursierte in Italien schon das Gerücht, dass die Lufthansa für 150 bis 200 Millionen Euro den Zehn-Prozent-Anteil übernehmen wolle. Das wurde prompt dementiert.

Alitalia fliegt täglich einen Nettoverlust von einer Million Euro ein

Spohr weiß schließlich sehr genau, dass ein Einstieg oder gar eine Übernahme eine extrem heikle und sehr teure Angelegenheit werden könnte – so schlug 2018 die Integration von Teilen der Air Berlin mit 170 Millionen Euro zu Buche. Der Lufthansa-Chef bekräftigt jedenfalls ständig seine Forderung, dass eine komplette Sanierung die Voraussetzung für einen Einstieg als kommerzieller Partner sei. Dessen Know-how wird zwingend gebraucht, damit Alitalia „wieder mit ausgebreiteten Flügeln fliegen kann“, wie es kürzlich Ministerpräsident Giuseppe Conte (parteilos) formulierte. Das Unternehmen fliegt derzeit jeden Tag einen Nettoverlust von etwa einer Million Euro ein. Nach der jüngsten Pleite wurde der Flugbetrieb mit staatlichen Hilfen in Höhe von rund 900 Millionen Euro aufrechterhalten. Ende des Jahres werden nach Einschätzung von Analysten die letzten finanziellen Reserven aufgebraucht sein.

Auch beim fliegenden Personal will die Lufthansa sparen

Die von Spohr geforderte Sanierung würde massive Stellenstreichungen bedeuten, nicht nur in der Verwaltung, sondern auch beim fliegenden Personal, und die Piloten gelten als extrem einflussreiche Gruppierung. Brisant wird die Sache nun dadurch, dass sich das Atlantia-Management Spohrs Argumentation weitgehend angeschlossen haben soll. Zugleich aber erklärte die Benetton-Firma, bei der Suche nach einem Partner aus der Luftfahrtbranche weiter zur Verfügung zu stehen.

So könnte die Lufthansa nun in die Favoritenrolle rutschen. Zugleich wird der Druck auf die Regierung weiter erhöht. Zumal Industrieminister Stefano Patuanelli von der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung angekündigt hat, dass es für die ablaufende Frist keine weitere Verlängerung geben werde. Doch es gilt als sehr unwahrscheinlich, dass die Regierung jetzt eine harte Sanierung angeht. Das würde in Italien sehr hohe Wellen schlagen. Der Ausweg könnte dann doch wieder ein Spiel auf Zeit sein.

Italienische Medien vermuten, dass Alitalia komplett verstaatlicht wird, um eine Art weiche Sanierung über mehrere Jahre anzugehen. Für 2020 sind schon einmal weitere Hilfen in Höhe von 400 Millionen Euro eingeplant. Allerdings könnte die EU-Kommission dazwischenfunken, indem die Unterstützung als unerlaubte staatliche Subvention klassifiziert wird. Brüssel hat jedoch in der Vergangenheit aus politischem Kalkül schon mehrfach bei Alitalia beide Augen zugedrückt. Analysten haben hochgerechnet, dass die Airline inklusive zweier gescheiterter Rettungsaktionen in den vergangenen Jahren insgesamt schon gut 9 Milliarden Euro Steuergeld verbrannt hat. Mit 117 Flugzeugen und 20 Millionen Passagieren zählt Alitalia mittlerweile zu den kleineren Airlines in Europa.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND