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Eigentlich war für Montag wieder ein Streik geplant – dem ist die Lufthansa gerade so entkommen. Quelle: Matthias Balk/dpa/Montage RND

Streiks, miese Kurse und keine Besserung in Sicht: Was ist los bei Lufthansa?

Ganz knapp ist das Luftfahrtunternehmen Lufthansa einem Streik am Montag entkommen – die Aktienkurse sind so schlecht, wie schon lange nicht mehr. Qatar Airways will bei Lufthansa einsteigen aber LH-Chef Carsten Spohr will unbedingt mit Condor zusammenkommen. Und jetzt kündigt Verdi auch noch an, dass die Streiks nur pausieren würden.

Das hat Lufthansa-Chef Carsten Spohr gerade noch gefehlt. Akbar Al-Baker, Chef von Qatar Airways, hat eindeutige Avancen gegenüber der Kranich-Linie gemacht. Wenn es Möglichkeiten gebe, bei der deutschen Airline zu investieren, dann würde er dies gerne tun. Doch das Management hat ihm einen Korb gegeben. Wohl auch weil der Konzern gerade mit vielen anderen Baustellen zu kämpfen hat. Mehrere Tarifkonflikte schwelen. Und für die LH-Führungsriege geht es derzeit vordringlich darum, für Ruhe zu sorgen und Arbeitskämpfe zu vermeiden. Vor allem um die Geschäftszahlen für dieses Jahr zu retten.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Verdi-Streik für Montag

So legte das Management im Streit um die Zukunft der Catering-Tochter LSG am Wochenende ein neues Angebot vor. Die erhoffte Reaktion bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi stellte sich prompt ein. Sie sagte einen für Montag geplanten Streik ab. Flugausfälle und Verspätungen auf Langstreckenverbindungen von und nach München und Frankfurt wurden so vermieden.

Nun habe die Lufthansa die Gelegenheit, bei den nächsten Verhandlungen am Mittwoch soziale Verantwortung zu zeigen, sagt Tarifsekretärin Katharina Wesenick. Die Lufthansa hatte Anfang voriger Woche beschlossen, das europäische Geschäft des weltweit zweitgrößten Luftfahrtcaterers an die Schweizerische Gate-Gruppe zu verkaufen.

Verdi fordert, dass die Lufthansa vor dem Unterschreiben des Verkaufsvertrages die Gehälter für rund 7000 Beschäftigte absichert. Nun hat das Lufthansa-Management unter anderem Altersteilzeit-Modelle vorgeschlagen. Doch Verdi will den Druck hochhalten. Beim Thema Streik sei lediglich die Pausentaste gedrückt, so Wesenick – der LSG-Deal dürfte auch bei der LH-Aufsichtsratssitzung am heutigen Dienstag auf der Tagesordnung stehen.

Streitgrundlage: Spesen, Gehälter und Arbeitsbedingungen

Welche Tasten gerade beim Dauerstreit mit der Flugbegleitergewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) e. V. gedrückt sind, ist schwer zu erkennen. Ende voriger Woche wurde ergebnislos verhandelt. Die Arbeitgeberseite habe die Gespräche über eine Schlichtungsvereinbarung nicht ernsthaft geführt, sagte UFO-Sprecher Nicoley Baublies. Von einem Ausstand will die Unabhängige Flugbegleiter Organisation aber erst einmal absehen.

Man setze stattdessen auf die bereits benannten Schlichter Matthias Platzeck und Frank-Jürgen Weise. Gestritten wird um Spesen, Zulagen, höhere Gehälter, die Bezahlung von Saisonbeschäftigten und um Arbeitsbedingungen bei der blau-gelben Kernfirma und bei anderen Marken (Eurowings, Germanwings, Cityline, Sun-Express).

Arbeitsdirektorin Bettina Volkens fährt keine klare Linie

Seit nunmehr gut drei Wochen geht es aufgeregt hin und her. Verhandlungen wurden vereinbart und kurzfristig wieder abgesagt. Die Lufthansa zog vor Gericht. Mehrere Verfahren sind anhängig. Die Querelen gehen auch auf das Konto der Arbeitsdirektorin und Vorständin Bettina Volkens. Es ist nicht das erste Mal, dass es Beschwerden gibt.

Bei vergangenen Arbeitskämpfen kam immer wieder von der Gegenseite der Vorwurf, dass bei ihr eine klare Linie nicht zu erkennen sei und es immer wieder zu unerwarteten Querschüssen komme. Nun soll der Stuhl von Volkens wackeln – ein weiteres Thema für das Treffen der Aufsichtsräte. In Branchenkreisen heißt es allerdings, dass Volkens erst einmal nicht gefeuert wird. Erstens wegen der laufenden Verhandlungen und zweitens, weil dies bei Anlegern und Analysten nicht gut ankomme.

Lufthansa spielt auf Zeit, um Streiks zu vermeiden

Die Lufthansa musste in diesem Jahr schon zweimal ihre Gewinnprognose nach unten korrigieren. Wenn die Ziele jetzt nicht erreicht werden, würde das für viel Ärger bei den Investoren sorgen, es wäre eine große Blamage für Spohr und der Aktienkurs würde abermals abstürzen. Dieser hatte sich in den vergangenen Wochen einigermaßen berappelt, liegt aber immer noch 17 Prozent unter dem Wert von vor zwölf Monaten. Gut möglich, dass die Lufthansa-Spitze in den nächsten Wochen auf Zeit spielt, um Streiks im wichtigen Weihnachtsgeschäft zu vermeiden.

Lufthansa-Chef Spohr hat Interesse an Condor

Für Spohr dürften indes ganz andere Themen wichtig sein. Er und seine Strategen basteln gerade an einem neuen Konzept für touristische Langstreckenflüge. Im Ansteuern der sogenannten Warmwasserziele sieht der Lufthansa-Chef große Potenziale. Hier soll im neuen Jahr eine neue Marke kreiert und das operative Geschäft effizienter organisiert werden – dort sind einerseits mehrere Marken gleichzeitig unterwegs, was die Flexibilität deutlich einschränkt.

Zugleich erwarten viele Beobachter, dass es bald Zuwachs geben könnte. Spohr hat schon mehrfach sein Interesse an Condor bekundet – beim Ferienflieger des pleitegegangenen Reisekonzerns Thomas Cook beginnt gerade die heiße Phase der Verhandlungen über eine Übernahme. Condor-Chef Ralf Teckentrup hatte in einem Interview mit dieser Zeitung im Frühjahr schon deutlich gemacht, dass er eine Akquisition durch die Lufthansa begrüßen würde – wie ein Signal wirkt da, dass Condor gerade damit begonnen hat, auf den Leitwerken wieder den stilisierten Kondor zu zeigen, der aus den Zeiten stammt, als Condor schon einmal zur LH-Gruppe gehörte.

Kein Zusammengehen: Lufthansa und Qatar Airways

Al-Bakers Ansinnen liegt da einigermaßen quer. Er hat es vor allem darauf abgesehen, stärker auf dem europäischen Markt präsent zu sein, auch um seine staatlich kontrollierte Airline aus den roten Zahlen zu holen. Da Start- und Landerechte für außereuopäische Airlines aber äußerst restriktiv vergeben werden, könnte ein Zusammengehen mit der Lufthansa wie ein Türöffner wirken.

Deutschlands größte Airline aber hält nichts von einem Einstieg von Qatar. Die Lufthansa sei hierzulande nicht privatisiert worden, um sie in Katar wieder zu verstaatlichen, sagte ein Konzernsprecher. Spohr hat vielfach die massiven staatlichen Subventionen kritisiert, die den Fluggesellschaften von der arabischen Halbinsel Wettbewerbsvorteile bringen.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND