Aktuell
Home | Nachrichten | Wirtschaft | Unzufrieden, unmotiviert, überlastet: Beschäftigte sind immer unglücklicher
Gestresst: Vielen Beschäftigten geht es bei der Arbeit nicht gerade gut. Quelle: dpa

Unzufrieden, unmotiviert, überlastet: Beschäftigte sind immer unglücklicher

Die Stimmung unter deutschen Arbeitnehmern verschlechtert sich immer weiter. Gleich drei neue Erhebungen deuten daraufhin, dass Beschäftigte immer unzufriedener, gestresster und auch kranker werden.

Wie geht es Arbeitnehmern in Deutschland? Nicht so gut, wie gleich drei aktuelle Erhebungen belegen: Dem jüngsten Report der Betriebskrankenkassen zufolge verursachen psychische Erkrankungen mittlerweile genauso viele Fehltage wie Erkältungen. Zugleich berichtet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), dass die Belastung für Arbeitnehmer unverändert hoch ist. Und die Beratungsagentur Ernst & Young (EY) hat in einer Erhebung festgestellt, dass die deutschen Arbeitnehmer immer unzufriedener sind.

Nur noch 26 Prozent gaben bei der jüngsten Jobstudie von (EY) an, mit ihrem Job sehr zufrieden zu sein. Vor zwei Jahren lag der Wert noch bei 68 Prozent. Der Anteil der Unzufriedenen stieg von sechs Prozent auf 21 Prozent, wie die Beratungsagentur jetzt bekanntgab.

Insgesamt ist immer noch die Mehrheit der 1500 Befragten (78 Prozent) mit dem Job entweder sehr zufrieden oder zufrieden. 2017 waren es allerdings noch 94 Prozent, wie die Studienautoren betonen. Auch die Motivation ließ deutlich nach: Nur noch 29 Prozent berichteten, äußerst motiviert zu sein. Vor zwei Jahren waren es noch 42 Prozent.

Sorgen wegen Konjunktur und Digitalisierung

Schlusslicht in Sachen Motivation sind mittlerweile die Beschäftigten in der Automobilindustrie. Für EY ein Hinweis auf die aktuellen Sorgen um die Konjunktur sowie den sich abzeichnenden Strukturwandel in der Branche. Hinzu kämen Sorgen angesichts der fortschreitenden Digitalisierung.

Diese Ängste hat EY in allen Branchen beobachtet. Derzeit hielten neue Technologien in atemberaubender Schlagzahl Einzug bei den Unternehmen. “Die Beschäftigten müssen sich mit ihnen erst vertraut machen. Bei vielen ist gleichzeitig die Angst groß, dass Teile ihrer Arbeit durch die Digitalisierung ersetzt werden,” sagt Oliver Simon, Personalchef bei EY im deutschsprachigen Raum.

Insgesamt bestätigen die aktuellen Ergebnisse ähnliche Erhebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Auch gegenüber EY gaben zahlreiche Beschäftigte an, immer mehr unter Druck zu stehen. Dabei zeichnet sich eine Verschiebung ab: Gaben 2017 noch 38 Prozent an, die Arbeitsbelastung habe etwas zugenommen, sind es nun nur 32 Prozent. Der Anteil derjenigen, die von stark gestiegener Arbeitsbelastung berichteten, stieg hingegen von 27 auf 39 Prozent.

Psychische Erkrankungen fast so häufig wie Grippe

Das könnte einer der Gründe für den rasanten Anstieg bei psychischen Erkrankungen unter Arbeitnehmern sein, von dem die Betriebskrankenkassen berichten. Fast jeder sechste Fehltag von Arbeitnehmern geht auf eine psychische Erkrankung zurück. Das belegt der jüngste BKK-Gesundheitsreport.

Depressionen oder Burn-out liegen nach Angaben der BKK damit inzwischen gleichauf mit Grippe oder Husten. An erster Stelle der Gründe für eine Krankschreibung stehen weiterhin Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (knapp 24 Prozent). Insgesamt ist der Krankenstand dem Bericht zufolge auf 5,1 Prozent weiter gestiegen – ein neuer Höchststand. Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahr sind mit 5,4 Prozent am stärksten angestiegen.

Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Knapp die Hälfte der Befragten schilderte gegenüber EY außerdem, die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben sei schwieriger geworden – ebenfalls ein ähnliche Entwicklung wie bei der DGB-Erhebung “Index Gute Arbeit”.

Demnach geben 53 Prozent der Arbeitnehmer an, sich häufig gehetzt zu fühlen. Jeder Vierte sagt, die Arbeit sei in der vorgegebenen Zeit oft nicht zu schaffen. Ein ebenso großer Anteil reduziert deshalb die Pausen oder lässt sie ganz ausfallen. Und 40 bis 50 Prozent glauben, unter den derzeitigen Anforderungen ihren Job nicht bis zur Rente durchhalten zu können.

Für den DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann ein Grund, die Politik zum Handeln aufzurufen. Die Daten seien “ein klares Zeichen für mehr Psycho-Schutz am Arbeitsplatz” und der Forderung der Gewerkschaften nach einer Anti-Stress-Verordnung nachzukommen. Den Arbeitnehmervertretungen empfahl er, Missstände bei den zuständigen Behörden zu melden.

Jüngere Arbeitnehmer haben andere Anforderungen

Aus Sicht von EY-Personalchef Oliver Simon hat die große Unzufriedenheit der Beschäftigten eine weitere Ursache: Mangelnde Wertschätzung. 60 Prozent der Beschäftigten halten ihre Arbeit für nicht ausreichend gewürdigt – was auch für die Unternehmen zum Problem werde. Gerade Jüngere seien unter solchen Bedingungen bereit, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Umso entscheidender sei es, dass Chefs Unzufriedenheit möglichst früh erkennen und gegensteuern.

Mehr Geld rückt dabei allerdings in den Hintergrund: 47 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen gaben an, vor allem von spannenden Tätigkeiten angesprochen zu werden. Ein hohes Gehalt war hingegen nur für 20 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen die Hauptmotivation bei ihrer Arbeit.

Mehr Freizeit statt mehr Geld – das wollen nicht alle

Mittlerweile wären 38 Prozent der Beschäftigten bereit dazu, auf Teile ihres Gehalts zugunsten von mehr Freizeit zu verzichten. Das gilt aber für eher gut bezahlte Berufe: Spitzenreiter sind laut EY Beschäftigte im Maschinen- und Anlagenbau (47 Prozent), im Finanzwesen (43 Prozent) sowie in der Automobilindustrie (37 Prozent).

Im Handel würden hingegen nur 19 Prozent der Berufstätigen Lohneinbußen für mehr Freizeit hinnehmen, ebenso wie im Gesundheitswesen. Dieses ist übrigens Schlusslicht bei der Frage, ob die Arbeit angemessen gewürdigt wird und bei der Frage, ob sich die Work-Life-Balance zuletzt verschlechtert hat.

Mit epd

Von Christoph Höland/RND