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Der CityAirbus bei seinem ersten Freiflug im Dezember 2019 in Donauwörth (Bayern). Quelle: Airbus

Das Airbus-Flugtaxi hebt ab – in eine offene Zukunft

Der Wettstreit um die Lufthoheit über deutschen Metropolen ist schon voll entbrannt. Dabei ist ein Linienverkehr mit unbemannten Flugtaxis noch Zukunftsmusik. Doch diese Zukunft rückt zusehends näher. Jetzt hat auch der CityAirbus seinen Erstflug absolviert.

Das Video zeigt ein Schweben in rund zwei Metern Höhe. „Etwa fünf Minuten hat es gedauert“, sagt Airbus-Sprecher Gregor Kursell zum Erstflug des CityAirbus am Hubschrauberstandort Donauwörth. An Bord des Lufttaxis war niemand. Es wurde ferngesteuert. Dennoch ist der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern nun einen wichtigen Schritt weiter mit dem Fluggerät, das vorigen März am Ingolstädter Rathausplatz öffentlich präsentiert worden war, damals allerdings regungslos am Boden verharrend. Viel Aufhebens macht Airbus nicht über den jetzigen Fortschritt. Das Video von Ende Dezember wurde still und leise über Twitter ins Netz gestellt. Das mag damit zu tun haben, dass der Konzern nicht unbedingt an der Spitze der Entwicklung steht.

Die härtesten deutschen Konkurrenten sind weiter. Das gilt vor allem für den Volocopter, ein Flugtaxi aus Bruchsal bei Karlsruhe, das Mitte September über einer staunenden Zuschauermenge in Stuttgart beim dortigen Mercedes-Museum in etwa 40 Metern Höhe seine Kreise gedreht hat. Schon 2021/22 will das Startup, an dem Daimler beteiligt ist, erste Flugtaxi-Routen bedienen. Die Konkurrenz von Lilium aus Weßling in der Nähe von München plant das zwar erst für 2025. Dafür ist am dortigen Firmensitz vorigen Herbst bereits die Produktion einer Prototypen-Miniserie gestartet. Die Massenproduktion soll in den nächsten Jahren folgen.

So konkret wird Airbus nicht. „Wir nennen keine Zeitpläne“, sagt Kursell. Das könnte damit zu tun haben, dass Airbus damit keine guten Erfahrungen gemacht hat. Vorigen März bei der Vorstellung des CityAirbus in Anwesenheit von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hieß es, das Fluggerät werden demnächst seinen Erstflug haben und Mitte 2019 auf einem Testgelände des Militärflughafens Manching weitere Proberunden drehen.

Flugtaxis sind schwer kalkulierbares Neuland

Bis zum ersten Testflug des zwei Tonnen schweren und elektrisch angetriebenen Fluggeräts mit vier Sitzplätzen sind dann neun Monate vergangen. Die angeschlossene Testreihe in Manching soll im Frühsommer beginnen. Das wäre etwa ein Jahr verspätet. Auch für einen etablierten Flugzeugbauer sind Flugtaxis in vielerlei Hinsicht schwer kalkulierbares Neuland. Nicht alle Blütenträume reifen. Vorigen Herbst beispielsweise hat der Autobauer Audi das mit Airbus zusammen angegangene Flugtaxi-Projekt mit dem sperrigen Namen Popup Next auf Eis gelegt, manche sagen, komplett beerdigt. Mit Airbus wollten die Ingolstädter eine Flugdrohne entwickeln, deren Kabine sowohl auf ein Gestell mit vier Rädern als auch an einen Rahmen mit Rotoren montiert werden sollte, um fließend von der Straße in die Luft gehen zu können.

Beendet hat Airbus zudem Tests mit einer Flugtaxi-Variante namens Vahana. Die wurde in den USA entwickelt und zum Fliegen gebracht, bietet aber nur zwei Sitzplätze. Kommerziell sinnvoll sind Flugtaxis erst ab vier Sitzplätzen, wie sie CityAirbus oder Liliumjet bieten, sagen Fachleute.

Zweifel an der wahren Reichweite

Ins Gerede gekommen ist vor kurzem auch Lilium. Das Luftfahrtmagazin Aerokurier hatte mit Berufung auf einen Experten Zweifel an den Versprechungen des Lufttaxi-Pioniers hinsichtlich 300 Kilometer Reichweite sowie einer Stunde Flugdauer angemeldet und beides als völlig überzogen kritisiert. Lilium dementierte umgehend und bezeichnete die Aussagen als falsch.

Eine Blöße geben will sich Airbus nicht. „Es ist nicht entscheidend, der Erste zu sein, sondern die seriöseste und sicherste Lösung zu haben, die dann auch zugelassen werden kann“, betont Kursell. Durch langjährige Kontakte mit Luftfahrtbehörden glaubt Airbus, beim Zulassungs-Procedere einen wichtigen Wissensvorsprung zu haben. So mancher Experte sieht nicht in der Technik sondern behördlicher Genehmigung den eigentlichen Flaschenhals, durch den Flugtaxis müssen.

Innerstädtisches Transportsystem für Singapur?

Deshalb gelten auch asiatische Metropolen als diejenigen Orte, wo sie ihre ersten Routen fliegen könnten. Airbus hat dazu soeben mit der Luftfahrtbehörde des asiatischen Stadtstaates Singapur eine Absichtserklärung unterzeichnet. Ziel ist die Entwicklung eines innerstädtischen Lufttransportsystems für Passagiere und Fracht, das ohne Piloten auskommt. Es soll nicht nur die Fluggeräte selbst, sondern auch Infrastruktur mit Start- und Landeplätzen sowie ein Buchungssystem per App umfassen. Airbus schielt dabei strategisch auf das Gesamtpaket und will für Singapur nicht nur Flugtaxis liefern, sondern dort möglichst auch die Flugrouten betreiben.

Wann alles verwirklicht sein könnte, lassen Singapur und Airbus offen. Klar ist aber, dass der Flugzeugbauer bei Flugtaxis sichtbar in die Gänge kommt. Nach einem Werk für Flugtaxis braucht man jedenfalls nicht lange zu suchen. „Donauwörth ist gesetzt als Produktionsstandort“, stellt Kursell klar.

Von Thomas Magenheim/RND