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Die deutsche Konjunktur lahmt. Quelle: Axel Heimken/dpa

Kein Wachstum mehr: Das steckt hinter der Schwäche der Wirtschaft

Die deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle. In den letzten drei Monaten von 2019 gab es ein Null-Wachstum. Das ist keine gute Voraussetzung für dieses Jahr, das sehr turbulent werden kann. Wir erläutern, welche Risiken drohen und wie sie entschärft werden können.

0 Prozent Wirtschaftswachstum – das ist die Bilanz der deutschen Wirtschaft im letzten Quartal. Damit stagniert die Wirtschaft – was mehrere Gründe hat. Und auch die Zukunftsaussichten sind nicht gerade rosig. Denn das Coronavirus sorgt für eine immer größere Verunsicherung.

Wie sehen die Zahlen für 2019 genau aus?

Die Experten des Statistischen Bundesamtes haben errechnet, das im Gesamtjahr das Bruttoinlandsprodukt um 0,6 Prozent gestiegen ist. Damit setzt sich immerhin die seit Jahren anhaltende Steigerung der Wirtschaftsleistung fort. Aber es wurde eine Berg-und Tal-Fahrt hingelegt. In den ersten drei Monaten ging es mit einem Plus von 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal noch schwungvoll los. Von April bis Juni gab es einen Rückschlag (minus 0,2 Prozent), gefolgt von einer spürbaren Erholung (plus 0,2 Prozent im Sommer). Doch danach stagnierte es dann bis zum Jahresende.

Was waren die Ursachen für die Trägheit am Jahresende?

Zwei Faktoren waren laut den Statistikern in Wiesbaden entscheidend: Die für viele Unternehmen wichtigen Exporte gingen – auch als Folge internationaler Handelskonflikte – zurück. Und zugleich gingen viele Firmenchefs auf Nummer sicher und investierten weniger in Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge. Ferner gingen auch die Ausgaben der Verbraucher zurück. Und auch der Staat zeigte sich knauseriger als zuvor. All dies lässt sich als Signal für eine wachsende Verunsicherung lesen. Doch vor allem der ungebrochene Boom am Bau sorgte für eine Stabilisierung.

Woher kommt die Verunsicherung?

Experten sehen vor allem drei Punkte: Deutsche Banken sind bei der Vergabe von Krediten zurückhaltend, sie scheuen Risiken. Der Strukturwandel in der Autobranche – hin zur Elektromobilität – macht sich in vielen Sektoren bemerkbar. Vor allem bei Zulieferern, die Investitionen scheuen. Und dies schlägt auch in anderen Sektoren wie dem Maschinen- und Anlagenbau durch. Das alles wurde durch die Verwerfungen wegen diverser internationaler Handelsstreitigkeiten und unklaren Folgen des Brexits noch verschärft. Die größte Volkswirtschaft Europas ist durch all dies 2019 zu einer mit der geringsten Dynamik auf dem alten Kontinent geworden.

Wie sehen die Perspektiven für dieses Jahr aus?

Die Volkswirte haben noch vor einigen Wochen durch die Bank ein Wachstum prognostiziert, dass deutlich über den 0,6 Prozent liegen sollte. Die Bundesregierung kalkuliert sogar mit einem Plus von 1,1 Prozent. Doch inzwischen werden die Prognosen nach unten korrigiert. So meldete das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK am Freitag eine gestiegene Rezessionswahrscheinlichkeit – gemeint ist damit eine schrumpfende Wirtschaftsleistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen. Begründet wurde dies mit weniger Aufträgen für die Industrie aus dem Ausland – was in einem Rückgang der Produktion münden wird. Hinzu komme eine rückläufige Zahl von Stellenangeboten. Entlastend wirkten aber insbesondere die nach wie vor „günstigen Finanzierungsbedingungen der Unternehmen“ – dank der Europäischen Zentralbank (EZB), die mit ihrer lockeren Geldpolitik für Minizinsen sorgt.

Welche Rolle spielt die Coronavirus-Epidemie?

Sie wird mit der täglich steigenden Zahl der Infizierten zu einem immer größeren Risikofaktor. Reisebeschränkungen und Quarantänen in China dürften sowohl „global verzahnte Lieferketten“ stören als auch eine „zumindest temporäre Absatzschwäche“ in der Volksrepublik bewirken, wodurch das hiesige Wachstum bei den Ausfuhren gehemmt würde, so das IMK. Das asiatische Land ist mit den USA der wichtigste Exportmarkt für deutsche Firmen außerhalb der Europäischen Union. Laut EU-Kommission ist das Coronavirus gegenwärtig der maßgebliche Faktor für Abwärtsrisiken. Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni betont aber, es sei noch zu früh, um die Gefahren für die Wirtschaft genau einzuschätzen.

Wann wird es größere Klarheit geben?

Vermutlich erst dann, wenn mit Sicherheit ein deutlicher Rückgang der Neuerkrankungen zu erkennen ist. Für die Chefvolkswirtin der Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib, und für viele andere Experten ist aber klar, dass die Epidemie die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal in vielen Ländern drücken wird. Das könnte sich bei einem ungünstigen Verlauf über das gesamte Jahr fortsetzen: Virologen befürchten, dass es zwar im Sommer eine vorübergehende Entspannung geben, dass im Herbst aber die Zahl der Infizierten wieder deutlich steigen könnte.

Wie kann eine Rezession vermieden werden?

IMK-Experte Peter Hohlfeld sieht nach wie vor die Binnennachfrage als „entscheidende Stärke der aktuellen Konjunktur“. Allein der private Konsum steht für gut 52 Prozent der Wirtschaftsleistung. Noch immer hohe Beschäftigungszahlen und spürbare Lohnerhöhungen treiben die Umsätze an. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, fordert, dass die Bundesregierung sich für Stützungsaktionen bereit macht. Die Planungen für staatliche Investitionen müssten beschleunigt werden – unter anderem sollen viele Milliarden Euro für Bahn investiert werden. Steuersenkungen müssten hinzukommen.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND