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Nicht nur SUV werden größer. Quelle: www.imago-images.de

Datenanalyse: Autos werden nicht erst seit dem SUV-Boom größer

Zu groß, zu gefährlich, zu schlecht für das Klima: Je mehr SUV verkauft werden, desto heftiger wird die Kritik an den beliebten Geländewagen. Dabei werden Autos schon seit Jahrzehnten immer schwerer, schneller und länger. Denn die Kunden wollen schlicht keine Vernunftautos kaufen.

Hannover. Deutschland hat sich ambitionierte Klimaziele gesetzt. Im Verkehrssektor soll bis 2030 mindestens 40 Prozent weniger Kohlendioxid emittiert werden als 1990. Ein eigentlich einfacher Weg dorthin: Kleinere, leichtere Autos, die wenig Sprit verbrauchen. Und die deshalb auch wenig Treibhausgase und Feinstaub ausstoßen. Doch solche Vernunftautos setzen sich nicht durch, wie ein Blick auf die Daten der verkauften Autos seit 1948 zeigt.

Für die Klimaschäden ist die Größe allein zwar nicht entscheidend – schließlich werden Motoren immer effizienter, wie die Automobilhersteller seit Jahren betonen. Und auch die Zahl der Fahrzeuge steigt, was ebenfalls Einsparungen zunichte macht. Doch ein Fakt bleibt: Neue Autos werden immer größer, schwerer und stärker, wie eine Analyse zeigt.

Die Auswertung von Daten des ADAC und des Kraftfahrt-Bundesamtes ergab: Anfang der 1960er-Jahre maßen die für den deutschen Markt produzierten Automodelle durchschnittlich noch weniger als 4 Meter in der Länge, 2019 kamen sie auf 4,60 Meter. In der Breite vergrößerten sie sich im selben Zeitraum von 1,60 auf 1,90 Meter, und in der Höhe von 1,35 auf 1,55 Meter.

Ein Grund: Im Zuge zunehmenden Wohlstands und wachsender Ansprüche ist der Wunsch nach einem größeren Innenraum für die Kunden offenbar naheliegend. Autofahrer wollen höher sitzen, um besser sehen zu können, sie wollen mehr Sicherheit und mehr Komfort. Wie Fernseher, Wohnungen und Telefone wurden auch Autos immer größer.

Der Leiter des Studiengangs „Transportation Design“ an der Hochschule Pforzheim, Lutz Fügener, nennt dieses Phänomen die „Nachfolger-Vorgänger-Logik“: Das Neue müsse leistungsstärker sein, mehr Ausstattung haben, in der Größe wachsen. Das führe dazu, dass ein Auto seiner Klasse nach oben entwächst und darunter eine Klasse nachgeschoben wird. Heute rangiert der Polo da, wo der Golf früher war, unter dem Polo ist der up! nachgerückt.

So ist der Golf gewachsen

Unter den neu zugelassenen Autos stellen SUV mittlerweile die größte Gruppe. Modelle wie der VW T-Roc und Ford Kuga sind Verkaufsschlager. Im vergangenen Jahr hat das Segment mit 1.127.611 Neuzulassungen erstmals die Millionengrenze geknackt.

SUV sind nur ein Teil des Problems

Außer bei den Besitzern halten sich die Sympathien für die Riesen-Pkw aber in Grenzen. Spätestens nach einem tödlichen Unfall Ende vergangenen Jahres in Berlin sind die Stadt-Geländewagen zu Hassobjekten geworden. Neben der durchwachsenen Klimabilanz wird ihnen die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer zur Last gelegt. Zudem macht ihr enormer Platzverbrauch die Sport Utility Vehicles in engen Innenstädten unbeliebt.

Doch zur Wahrheit gehört auch: Die Kunden schätzen die wuchtigen Fahrzeuge – und ganz von der Hand zu weisen ist es eben nicht, dass ein höheres Fahrzeug Rentnern ein leichteres Einsteigen ermöglicht. Und weil die Produktionskosten nicht viel höher als bei kleineren PKW sind, sind die SUV längst keine Vorliebe einer abgehobenen Oberschicht mehr.

Alle Autos wachsen

Allerdings wachsen nicht nur die Stadtgeländewagen. Fast alle Automodelle über alle Marken und Segmente hinweg legen seit Jahrzehnten kontinuierlich an Größe zu.

Mehr Raum bedeutet auch mehr Gewicht, trotz aller Leichtbauanstrengungen. Die heute hergestellten Automodelle wiegen im Durchschnitt das Doppelte eines VW Käfers aus dem Jahr 1947. Das durchschnittliche Leergewicht erhöhte sich von 800 Kilogramm auf mehr als 1600 Kilogramm.

Noch schneller stiegen die Motorleistung und die Höchstgeschwindigkeit. Die Modelle erzielen heute mit durchschnittlich 245 PS eine durchschnittliche Höchstgeschwindigkeit von 217 km/h. Allerdings werden diese Werte von extrem leistungsfähigen Sportwagen nach oben gezogen, auch wenn diese nur selten gefahren werden.

Der Ferrari F8 mit 720 PS und 340 km/h in der Spitze wurde in Deutschland 2019 ein einziges Mal verkauft, geht aber genauso in die Rechnung ein wie 61.286 VW Polos mit 99 PS und 187 km/h. Berücksichtigt man die Stückzahl, hatten die Neuzulassungen 2019 im Durchschnitt immerhin noch 140 PS unter der Haube und maximal 202 km/h auf dem Tacho.

Das gilt auch für den Golf: Bei dem wurde etwa nicht nur die Karosserie, sondern auch der Motor größer. Die Leistung stieg von 77 auf 138 PS, die Höchstgeschwindigkeit von 155 auf 208 km/h.

Die Käufer wollen es so

Größer, schneller, wuchtiger – die Devise führt durchaus zu Problemen. Zum Beispiel sind Parkplätze nicht größer geworden. Legt man die untere Normgröße von 2,30 Meter in der Breite und 5 Metern in der Länge als Maßstab an, ragen 15 Prozent der aktuellen Automodelle über diese Grenzen hinaus. Eine offene Tür ist in dieser Rechnung noch nicht enthalten. Auch die Überholspur auf Baustellen ist mit 2,50 Metern oder weniger schlicht gefährlicher geworden.

Es gibt also durchaus praktische Gründe, die für Vernunftautos sprechen. Doch die Kunden wollen es anders, wie Fügener weiß. „Es steht den Menschen frei, sich ein kleines Auto zu kaufen, das ist nicht verboten.“

RND/Johannes Christ und Christoph Höland

Von Johannes Christ/RND