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Ein Massensterben von Unternehmen - davon geht der Mittelstandsverbund aus. Quelle: dpa/ZGV/RND Montage Behrens

Corona-Krise: Mittelstandsverbund fürchtet Massensterben von Unternehmen

Der Mittelstandsverbund, ein Verband aus 230.000 mittelständischen Unternehmen aus Handel und kooperierenden Branchen, warnt vor einem Massensterben von Unternehmen. Grund: Die Hilfspakete der Bundesregierung kommen für viele Firmen möglicherweise zu spät. Verbandspräsident Eckhard Schwarzer und sein Vorgänger Günter Althaus fordern im RND-Interview unbürokratische Lösungen.

Berlin. Herr Schwarzer, Herr Althaus, Ihr Verband, der Mittelstandsverbund, vertritt 230.000 mittelständische Unternehmen aus dem Handel aus dem kooperierenden Mittelstand. Vielen davon geht es doch trotz Krise ganz gut, oder? Die Regale in den Supermärkten waren jedenfalls noch nie so leer …

Eckhard Schwarzer: Was Sie beschreiben, gilt leider nur für den Lebensmittelhandel. Aber alle anderen unserer Mitglieder mussten ihre Geschäfte schließen. Wir reden über Möbelhändler, Textil- und Modeverkäufer, Schuhgeschäfte, Bau- und Gartenmärkte sowie viele andere, die um ihre Existenz fürchten. Die Lage ist dramatisch: All diese Mittelständler nehmen von heute auf morgen keinen einzigen Euro mehr ein. So etwas gab es noch nie.

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Corona-Krise bei Unternehmen: Finanzielle Unterstützung der Regierung

Die Bundesregierung hat gewaltige Hilfspakete für die Wirtschaft geschnürt. Reichen die nicht aus?

Eckhard Schwarzer: Doch, vom Volumen her werden die Hilfen wohl ausreichen. Das Problem ist ein anderes: Viele Mittelständler sind jetzt schon in akuter Finanznot. Die halten nicht mehr lange durch, und wir reden da über Tage, nicht über Wochen. Bis die Hilfe der Regierung angelaufen und vor allem ausgezahlt ist, kann es für viele Unternehmen schon zu spät sein.

Günter Althaus: Sie müssen auch bedenken, wie viele Anträge die Behörden nun bearbeiten müssen. Selbst wenn die ersten Unternehmen schnell an ihre Hilfsgelder kommen, stellt sich die Frage, was mit denen geschieht, deren Anträge erst im zweiten oder dritten Durchgang bearbeitet werden. Ich sage voraus: Wenn es hier keine Lösung gibt, werden wir ein Massensterben an mittelständischen Handelsbetrieben erleben.

Welche Lösung schwebt Ihnen vor?

Günter Althaus: Die Unternehmen müssen mit Liquidität versorgt werden, und zwar schnell. In unserem Bereich bietet es sich an, das über die Verbundgruppen zu lösen. Verbünde wie Edeka, Intersport oder Hagebau organisieren ja zahlreiche kleine Handelsunternehmen. Sie könnten deren Rechnungen kurzfristig ausgleichen, wenn der Staat die notwendigen Finanzmittel garantieren würde. Das könnte über Bürgschaften geschehen. Das wäre eine schnelle und unbürokratische Lösung mit dem Vorteil, dass das System als Ganzes am Leben bliebe. Davon würden auch Produzenten und Lieferanten profitieren, die häufig ebenfalls mittelständisch geprägt sind.

Mittelstand und Corona: Unbürokratische Lösungen für schnelle Hilfe

Woran scheitert die von Ihnen skizzierte Lösung?

Günter Althaus: Bislang sieht die staatliche KfW-Bank, die die Hilfen abwickelt, keine Antragsberechtigung für Verbundgruppen vor. Ein weiteres Problem ist, dass sich der Bund bislang nur bereit erklärt hat, 90 Prozent der Kreditrisiken abzusichern. Das klingt nach viel, es führt aber dazu, dass Banken prüfen müssen, wie sicher die übrigen 10 Prozent sind. Solche Prüfungen kosten Zeit, und die haben wir gerade nicht.

Eckhard Schwarzer: Die Bundesregierung muss verstehen, dass 90-prozentige Staatsgarantien in dieser Situation zu massiv verzögerten Prozessen führen. Die Folge könnte sein, dass eigentlich gesunde und kreditwürdige Unternehmen diese Krise nicht überstehen.

Sollte ein gesunder Händler nicht im Stande sein, auch mal ein paar Wochen ohne Einnahmen zu überbrücken?

Günter Althaus: Das Besondere an der aktuellen Situation ist ja, dass viele Betriebe überhaupt nichts mehr einnehmen. Nicht einen Cent. Das gab es so noch nie. In normalen Zeiten stellen sich Händler darauf ein, dass wenn mal eine Baustelle vor einem ihrer Läden aufmacht, sie die dadurch verursachten Verluste über ihre anderen Filialen ausgleichen. Jetzt aber ist es so, als wären Baustellen vor allen Filialen eingerichtet worden – und zwar zeitgleich. Pro Monat fallen damit etwa 8 Prozent des Jahresumsatzes weg. Viele Unternehmen im Handel machen aber nur in einer Größenordnung von 2 Prozent ihres Jahresumsatzes Gewinn. Das verdeutlicht vielleicht, warum die Situation so dramatisch ist.

Eckhard Schwarzer: Ein zusätzliches Problem ist es, dass das Geschäft vieler Händler saisonabhängig ist. Gartenmärkte etwa haben jetzt ihre Ware für den Frühling bekommen und größtenteils auch schon bezahlt. Modegeschäfte werden jetzt schon mit der Sommerkollektion beliefert. Wenn das Geschäft im Sommer wieder losgeht, können die Händler keine Frühlingsblumen mehr verkaufen. Und auch das Geschäft mit der Bademode ist dann eigentlich vorbei. Diese Waren sind schon jetzt praktisch wertlos. Durch den Shutdown ist ein massiver Schaden entstanden, der auch nicht mehr aufzuholen ist.

Eckhard Schwarzer ist Präsident des Mittelstandsverbundes und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DATEV eG.

Günter Althaus ist Leiter der „Taskforce Liquidität für den Mittelstand“ und ehemaliger Präsident des Mittelstandsverbundes.

Von Andreas Niesmann/RND