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Tui hat einen 1,8 Milliarden Euro hohen Kredit von dem KfW-Sonderprogramm erhalten – doch wie lange die nun aufgestockte Liquidität reichen wird, ist unklar. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

1,8 Milliarden Euro: Der erste große Corona-Kredit geht an Tui

Tui erhält einen Kredit in Milliardenhöhe über die Staatsbank KfW . Das Geschäft des weltgrößten Tourismuskonzerns ist wegen der Corona-Krise weltweit zum Stillstand gekommen. Doch wie lange die nun aufgestockte Liquidität reichen wird, ist unklar.

Hannover. Aufatmen bei Tui. Der weltgrößte Tourismuskonzern hat mit der staatlichen Förderbank KfW einen Vertrag über einen Überbrückungskredit von 1,8 Milliarden Euro abgeschlossen. Das Darlehen war schon Ende März von der Bundesregierung genehmigt worden. Nun hat auch ein Bankenkonsortium grünes Licht für die Transaktion gegeben. “Wir müssen diese weltweite Ausnahmesituation überbrücken”, sagte Vorstandschef Fritz Joussen. Der Konzern hat jetzt insgesamt rund 3,1 Milliarden Euro zur Verfügung, um über die nächsten Monate zu kommen. Joussen hatte vor einigen Wochen die Liquidität auf 1,4 Milliarden Euro beziffert.

Wie lange wird die Liquidität reichen?

Die 1,8 Milliarden Euro kommen nun aus dem kürzlich von der KfW aufgelegten Sonderprogramm mit günstigen Krediten, das bei großen Unternehmensgruppen vorsieht, dass der Staat für 80 Prozent und die Hausbanken für 20 Prozent des verliehenen Geldes geradestehen müssen. Bei dem Tui-Antrag war die Zustimmung von mehreren Geldhäusern nötig, die Tui bereits weitere Kreditlinien zur Verfügung gestellt haben.

Wie lange die nun aufgestockte Liquidität reichen wird, ist unklar. Vieles hängt vom Verlauf der Corona-Pandemie ab. Das gesamte Geschäft der Hannoveraner ist im Zuge weltweiter Beschränkungen mehr oder weniger zum Stillstand gekommen. Alle Reisen sind ebenso wie bei anderen Touristikkonzernen bis Ende April abgesagt. Wahrscheinlich müssen auch Urlaubstrips für die Zeit danach gestrichen werden. Die Regelungen für die Stornierungen sind bislang unklar. Die Bundesregierung will, dass Kunden Gutscheine anstelle von Rückerstattungen erhalten, das soll die Pleiten von Reiseveranstaltern verhindern. Allerdings ist die Regelung rechtlich umstritten. Die EU-Kommission arbeitet an einem Konzept für einen Fonds, mit dem die Gutscheine abgesichert werden sollen.

Tui bietet Kunden kostenlose Verschiebung von Urlaub an

Tui indes will fürs Erste seinen Kunden bei für den Mai gebuchten Reisen eine kostenlose Verschiebung anbieten. Für einen Großteil der Belegschaft wurde mittlerweile Kurzarbeit beantragt, sie soll in einzelnen Sparten bis in den September gelten. Joussen sagte: “Wir bereiten uns jetzt intensiv auf die Zeit nach der Corona-Krise vor und sind überzeugt, dass die Menschen auch in Zukunft reisen und andere Länder und Kulturen kennenlernen können.”

Tui ist mit rund 70.000 Beschäftigten der weltweit größte integrierte Reisekonzern – mit eigenen Veranstaltermarken, eigenen Reisebüros, eigenen Hotels und eigenen Flugzeugen. Die Stärken liegen seit Jahren bei Fernreisen und bei Kreuzfahrten. Just diese Angebote sind von der Corona-Krise aber besonders heftig betroffen. So haben Quarantänen für Schiffe mit dem Infizierten an Bord für viele Schlagzeilen gesorgt.

Nettogewinn vom weltgrößten Reisekonzern schon 2019 deutlich geschrumpft

Das Tui-Management spricht in einer aktuellen Mitteilung gleichwohl von einem kerngesunden Unternehmen, das vor der Krise “wirtschaftlich erfolgreich” war. Allerdings war der Nettogewinn schon 2019 um mehr als 40 Prozent auf 416 Millionen Euro geschrumpft – das Flugverbot für den Boeing-Jet 737 Max machte schwer zu schaffen.

Seit Mitte Februar hat die Aktie gut die Hälfte ihres Werts verloren. Das Unternehmen ist noch gut 2,5 Milliarden Euro wert. Viele Analysten sind skeptisch. So hat die Nord/LB das Papier gerade auf “Verkaufen” abgestuft. Als Kursziel werden jetzt 2 Euro angegeben. Am Mittwochnachmittag notierte die Aktie bei 4,30 Euro. Das wichtige Ostergeschäft dürfte komplett ins Wasser fallen, und die Dauer der Einschränkungen sei aktuell nicht absehbar, schreibt Analyst Wolfgang Donie in einer Studie. Die Verunsicherung in der Bevölkerung könnte zudem auch zu einem deutlichen Rückgang der Buchungen im Sommergeschäft führen. Donie ist aber wegen der Hilfsprogramme der Bundesregierung zuversichtlich, dass der Reisekonzern die Krise übersteht.

Derzeit kursieren in der Branche Vermutungen, dass vor allem die Buchungen für die lukrativen Fernreisen in den Keller gehen werden, auch die bei den Deutschen beliebten Ziele in Spanien und Italien dürften wegen schwerer Verwerfungen vor Ort durch die Pandemie gemieden werden. Branchenkenner schätzen, dass viele Verbraucher – wenn überhaupt – Urlaub im Heimatland machen werden.

Lufthansa-Vorstand geht von monatelangen Reisebeschränkungen aus

Sehr düster fallen auch die Prognosen des Lufthansa-Vorstands aus, der gerade beschlossen hat, seine Tochter Germanwings abzuwickeln und die Flotte deutlich zu verkleinern. Der Vorstand geht davon aus, dass es Monate dauern werde, bis die weltweiten Reisebeschränkungen aufgehoben werden können. Und es werde Jahre dauern, bis die weltweite Nachfrage nach Flugreisen wieder das Niveau der Zeit vor der Krise erreichen werde – Urlaubstrips machen gut zwei Drittel aller Flüge aus. Alexandre de Juniac, Chef des Weltluftfahrtverbandes IATA, sieht global 25 Millionen Arbeitsplätze in der Luftfahrt und im Tourismus gefährdet.

Hierzulande hat bereits FTI-Touristik, die Nummer drei in Europa, einen Überbrückungskredit erhalten, hinter dem der Bund und das Land Bayern stehen. Die Höhe wurde nicht genannt. Die Nummer zwei, DER-Touristik, hat große Teile seiner Belegschaft für die Zeit vom 1. April bis 30. September in die Kurzarbeit geschickt. Hinter DER steht der Handelskonzern Rewe, der derzeit steigende Einnahmen verzeichnet.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND