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Regenerative Energien aus Sachsen: In der Biogasanlage Kodersdorf in Sachsen wird neben Strom vor allem Gas für rund 2700 Haushalte produziert. Quelle: imago/Rainer Weisflog

Umschwung in der Energiebranche: Wie unser Strom grüner und günstiger werden kann

In der Debatte über ein Konjunkturprogramm fordert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) möglichst bald eine deutliche Senkung der Strompreise. Die Branche müsste dafür aber mehr in den Fokus rücken. BDEW-Chefin Kerstin Andreae erklärt im Interview, wie sich das realisieren ließe.

Ihre Forderungen sind deutlich: niedrigere Strompreise und mehr Elektroautos. Für die Geschäftsführerin des Energiedachverbandes BDEW, Kerstin Andreae, muss ihre Branche bei einem staatlichen Konjunkturprogramm im Fokus stehen. Es gelte, den Klimaschutz zu fördern und zugleich die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Unternehmen seien zu Investitionen in großem Stil bereit, die Politik müsse dafür aber unter anderem beim Ausbau der Solar- und der Windenergie die Rahmenbedingungen verbessern.

In Zeiten wie diesen kann man viel falsch, aber auch viel richtig machen

Frau Andreae, in der Energiepolitik ist in den vergangenen drei Monaten wegen Corona viel liegen geblieben. Was muss nun vordringlich getan werden?

Die aktuelle Debatte über ein Konjunkturprogramm ist wichtig für die Energiewirtschaft, weil jetzt Weichen gestellt werden, um die Energiewende und nachhaltige Investitionen voranzubringen. Im Moment kann man viel falsch, aber eben auch viel richtig machen. Die Energiebranche ist eine der wichtigsten Konjunkturstützen in Deutschland. Für neue Mobilität brauchen wir die Energiewirtschaft ebenso wie bei der Dekarbonisierung der Industrie und bei der Wasserstoffstrategie.

Elektromobilität ist bei der Diskussion über ein Konjunkturprogramm einer der umstrittenen Punkte. Fordern Sie, dass es zusätzliche staatliche Kaufprogramme nur für vollelektrische Fahrzeuge gibt?

Kaufanreize im Automobilbereich sollten vor allem die nachhaltige Mobilität voranbringen, wir warten darauf. Die Energiewirtschaft liefert die Ladeinfrastruktur, deren Wirtschaftlichkeit hängt aber davon ab, dass möglichst viele Elektrofahrzeuge unterwegs sind. Deshalb ist für uns ein schneller Hochlauf der Elektromobilität sehr wichtig. Wir brauchen neue Elektroautomodelle, die von den Kunden in großer Zahl nachgefragt werden. Dann lohnt sich auch das Ladesäulennetz, das die Energiebranche schon aufgebaut hat. Wir haben bereits fast 28.000 öffentliche Ladepunkte in Deutschland.

Autoindustrie müsste mehr Elektrofahrzeuge produzieren

Aber wir werden in diesem Jahr nur wenige E-Modelle von deutschen Herstellern sehen. Käme ein Kaufprogramm nicht zu früh?

Ich hoffe sehr, dass in den Konjunkturpaketen sehr klar im Fokus stehen wird, dass wir attraktive elektrisch betriebene Fahrzeug brauchen, damit wir einen Gleichklang zwischen dem Hochlauf der Ladeinfrastruktur und mehr E-Autos auf den Straßen erreichen.

Wie hoch müssen die bestehenden Kaufprämien aufgestockt werden? E-Autos sind noch immer sehr teuer.

Die Höhe der Prämie ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass die Autoindustrie den Hochlauf der Elektrofahrzeuge konsequent angeht. Denn auch Autos werden bezahlbar, wenn die Stückzahlen deutlich steigen. Diese Transformation muss jetzt angegangen werden.

Absenkung der Stromsteuer

Ein anderer wichtiger Punkt bei Konjunkturpaketen sind finanzielle Entlastungen für die Bürger. Was kann die Politik da tun?

Die Steuer- und Abgabenlast beim Strompreis muss reduziert werden. Die Nutzung von regenerativem Strom ist zum Beispiel in der Industrie häufig unattraktiv, weil der Strompreis zu hoch ist. Es gibt aktuell die Diskussion, die EEG-Umlage, die die Verbraucher mit ihrer Stromrechnung bezahlen, auf einen bestimmten Betrag einzufrieren – wir werden dies mit unseren Mitgliedern als Option diskutieren. Ich persönlich finde das einen gangbaren Weg. Die Stromsteuer beträgt 2,05 Cent pro Kilowattstunde – hier befürworten wir eine Absenkung auf den in der EU zulässigen Mindestsatz von 0,1 Cent. Eine Senkung der EEG-Umlage und eine Reduzierung der Stromsteuer könnte insgesamt eine Entlastung von knapp 5 Cent pro Kilowattstunde bringen.

Das ergibt grob geschätzt zwischen 200 und 250 Euro weniger für einen Durchschnittshaushalt im Jahr. Reicht das, um die Kaufkraft nachhaltig zu stärken?

Man muss solche Entlastungsschritte natürlich in einem Gesamtpaket von Maßnahmen sehen, mit denen Verbraucher und Wirtschaft entlastet werden sollen. Diese Diskussion ist nicht trivial, denn diese Entlastung beim Strompreis müssen wir gegenfinanzieren. Manche sagen, das soll über den Haushalt und die allgemeinen Steuereinnahmen geschehen. Denkbar ist auch, die geplante Bepreisung von CO₂ für fossile Kraft- und Brennstoffe konsequent für die Entlastung der Umlage zu nutzen, dann steht einer Belastung durch den CO₂-Preis eine adäquate Entlastung mit ökologischer Lenkungswirkung gegenüber. Der Vorschlag des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat von 25 Euro pro Tonne im nächsten Jahr und einer Steigerung auf 55 Euro im Jahr 2025 ist hier der richtige Schritt.

Möglichst schnell zu nachhaltigeren Alternativen wechseln

Also auch eine Strompreissenkung erst im nächsten Jahr?

Nein, man sollte darüber nachdenken, die Steuer- und Abgabenlast so schnell wie möglich deutlich zu senken. Wir sind in einer Krise, nicht im Normalzustand. Was wir brauchen, ist eine schnelle Entlastung vor allem von privaten Haushalten, von Kleingewerbe und Handwerksbetrieben. Damit können wir schnell viel erreichen.

Der Staat hilft auch dabei, veraltete Ölheizungen durch moderne Lösungen mit erneuerbaren Energien zu ersetzen. Da gibt es schon Zuschüsse von bis zu 40 Prozent der Kosten. Reicht das als Anreiz?

An Ölheizungen klebt ein Verfallsdatum. Es geht darum, möglichst schnell umzuschwenken. Die bestehenden Förderprogramme sind gut. Allerdings ist die Antragsstellung zu kompliziert, sie muss vereinfacht werden. Aber es gibt auch die Problematik, dass die Umstellung bei älteren Häusern sehr aufwendig ist. Ein Ausbau von Fernwärmeleitungen ist in vielen Fällen eine Alternative. Und wir haben die Option moderner Gasheizungen, die in absehbarer Zukunft synthetischen Brennstoff einsetzen können, der mit erneuerbarem Strom hergestellt wird. Solche Lösungen müssen wir mitdenken. Das können wir im Zuge des Kohleausstiegs voranbringen, indem wir KWK-Anlagen – Kraftwerke, die neben Strom auch Wärme erzeugen – von Kohle auf Gas umstellen – mit der Möglichkeit, demnächst auch verstärkt grünen Wasserstoff einzusetzen, der aus Ökostrom hergestellt wird. Das ist ein sehr wichtiges Thema.

Energieunternehmen benötigen finanzielle Mittel für den Umstieg

Apropos Kohleausstieg: Seit anderthalb Jahren wird kontrovers diskutiert. Stadtwerke beschweren sich, dass die geplanten Zuschüsse für diese Umrüstung ihrer KWK-Anlagen zu niedrig sind. Wann kommt die Kuh vom Eis?

Gerade laufen die Schlussverhandlungen. Es geht hier nicht um ein goldenes Ende für Kohlekraftwerke, sondern darum, in die Energieversorgung der Zukunft zu investieren, die den Klimazielen dient und gleichzeitig die sichere Strom- und Wärmeversorgung gewährleistet. Deshalb brauchen die Energieerzeugungsunternehmen finanzielle Mittel, um auf Gas und erneuerbare Energien umzusteigen. Aus diesem Grund muss der sogenannte Kohleersatzbonus – derzeit sind 180 Euro pro Kilowatt Leistung geplant – deutlich erhöht werden. Und auch eine Stilllegung ohne Entschädigungen, wie sie für Steinkohlekraftwerke droht, darf es nicht geben.

Und die Debatte über die Hemmnisse bei Solar- und Windenergie findet auch noch ein Ende?

Die Abschaffung des Förderdeckels für Solardächer soll nach meiner Kenntnis noch vor der Sommerpause in ein Gesetz gegossen werden. Das wäre dann gerade noch rechtzeitig, um ein Wegfallen der garantierten Vergütungen für Sonnenstrom aus neuen kleineren Anlagen zu verhindern. Und auch die Debatte über pauschale Abstände für Windräder von Siedlungen ist offenbar vom Tisch. Darüber freuen wir uns sehr. Ich vertrete eine Branche, die investieren will. Die Investitionsquoten sind enorm hoch. Viele Unternehmen sagen: Wenn die Politik jetzt die Fesseln löst, dann investieren wir. Und das bedeutet dann Wertschöpfung vor Ort. Was könnte uns Besseres passieren?

Solaranlagen und Wasserstoffanlagen ausbauen

Ist dabei die Solarbranche der größte Hoffnungsträger? Experten erwarten, dass der Sonnenstrom erheblich billiger wird in den nächsten Jahren.

Wir sehen hohes Potenzial bei Fotovoltaik. Wir brauchen dafür mehr Freiflächen, mehr Dachanlagen. Wir haben große Potenziale für Anlagen auf öffentlichen Gebäuden und auch auf gewerblichen Gebäuden. Und da muss sich auch viel tun. Um die Klimaschutzziele der Bundesregierung zu erreichen, müssen wir jedes Jahr fünf Gigawatt zubauen – davon sind wir noch sehr weit entfernt. Wir wollen die Stromerzeugung aus Sonnenenergie erheblich steigern. Aber dafür brauchen wir natürlich auch die notwendigen Flächen und Dächer.

Noch viel größer müssen die Anstrengungen sein, um den schon mehrfach erwähnten grünen Wasserstoff in großem Stil möglich zu machen. Dafür wäre ein gigantischer Ausbau aller erneuerbaren Energien nötig. Ist das wirklich realistisch?

Wasserstoff wird die nächste wichtige Säule der Energiewende sein, die wir ausbauen müssen und auch ausbauen können. Wir sollten den Mut haben, dies auf den Weg zu bringen. Aber Ihre Skepsis ist berechtigt. Vor jeder Anlage, die grünen Wasserstoff herstellt, steht ein Windrad. Deshalb muss das Thema in einen europäischen Kontext eingebettet werden. Denn nur auf europäischer Ebene können wir die erforderlichen Mengen an Ökostrom erzeugen, der dann in Elektrolyseanlagen in Wasserstoff verwandelt wird.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND