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Fängt man beizeiten mit einer Physiotherapie an, kann das eine spätere Pflegebedürftigkeit und teure Operationen verhindern.

Therapeuten am Limit

Immer mehr Physiotherapeuten kämpfen um ihre Existenz – mit einer spektakulären Aktion machen sie nun auf ihre Not aufmerksam.

Heiko Schneider hat hart trainiert, um sich vorzubereiten. Und er hat es geschafft: In acht Tagen ist er mit dem Fahrrad von Frankfurt am Main nach Berlin gefahren. Eine gut 600 Kilometer lange Route, über den Vogelsberg in Hessen und über den Harz im Osten. „Aber zu einfach sollte es auch nicht sein, das war mir wichtig“, sagt er.

Heiko Schneider ist kein Radprofi, sondern Physiotherapeut, und die Fahrradtour Teil seiner Protestaktion „Therapeuten am Limit.“ Er möchte damit auf den „alltäglichen Wahnsinn“ aufmerksam machen, der ihm bei seiner Arbeit begegnet. So wie er sich auf der Fahrradtour quält, gehen er und seine Kollegen täglich an ihre Grenzen. Aber sie werden so schlecht entlohnt, dass es oft nicht zum Leben reicht.

Zermürbender Kampf gegen finanzielle Engpässe

In Frankfurt hat der Physiotherapeut seine Praxis. In Berlin will er dem Gesundheitsministerium einen Ordner mit Zuschriften überreichen: Darin klagen Kollegen über die katastrophale Unterfinanzierung ihrer Arbeit. Immer wieder begleiten andere Physiotherapeuten Schneider auf seinen Tagesetappen.

Angefangen hatte alles mit dem, was Schneider seinen „Brandbrief“ nennt. Im März hatte er Politik und Verbände mit einem offenen Brief angeschrieben, um auf die Missstände hinzuweisen, die ihm und anderen täglich zu schaffen machen. Er beschrieb darin, wie kein Monat „ohne den zermürbenden Kampf gegen die finanziellen Engpässe“ vergehe. Und warnte: Die Existenz der freiberuflichen Physiotherapeuten sei bedroht. Das Fass zum Überlaufen hatte der Fall einer Patientin gebracht: „Sie brauchte dringend notwendige Anwendungen nach einer OP und lief permanent den Rezepten hinterher, was ständige Unterbrechungen der Therapie zur Folge hatte.“

Schlechte Vergütung durch die Krankenkassen

Die durchschnittliche Vergütung eines Physiotherapeuten in Deutschland liegt einer aktuellen Erhebung zufolge bei 2078 Euro brutto. „Das ist aber für die Selbstständigen nicht repräsentativ“, sagt Schneider. Deren reelles Einkommen sei oftmals geringer, auch weil sie verpflichtet sind, immer wieder auf eigene Kosten teure Fortbildungen zu absolvieren. Die Vergütung durch die Krankenkassen sei so schlecht, dass es kaum mehr möglich sei, eine Praxis rentabel zu führen. „Nahezu alles ist in den vergangenen Jahren teurer geworden, Miete, Wasser und Strom“, sagt Schneider. „Unsere Vergütung hat damit aber nicht Schritt gehalten. Sie hat sich immer nur in Centbeträgen erhöht oder nur für einzelne Therapieformen.“ Dazu verschrieben die Ärzte nicht genug Anwendungen, weil sie fürchten, damit ihr Budget zu sprengen.

Der Sparzwang wächst

Schneider selbst musste in den vergangenen Jahren immer mehr sparen: Von seiner Praxis mit ehemals acht Angestellten ist nicht viel übrig geblieben. „Schweren Herzens musste ich auch die letzte Kollegin gehen lassen, weil ich ihr nicht mehr genug zahlen konnte“, sagt Schneider. Derzeit sucht er sich kleinere Räume. „Obwohl ich jeden Tag zehn bis zwölf Stunden arbeite, reicht es zum Leben nicht. Nur dank der Unterstützung durch meine Frau komme ich über die Runden. Das ist doch kein Zustand.“ In seinem Umfeld weiß er von fünf weiteren Physiotherapeuten, die ihre Praxis aufgeben mussten.

Es droht ein gewaltiger Fachkräftemangel

Dass die Lage in ganz Deutschland dramatisch ist, wurde spätestens durch die Reaktionen auf Schneiders offenen Brief klar: Mehrere Hundert Zuschriften haben ihn seitdem erreicht – von Kollegen, denen es ähnlich geht. Aus finanzieller Not hätten sie den Beruf gewechselt, schrieben ihm viele. Und würden in einer anderen Branche nun mehr verdienen, selbst als Ungelernte. Schneider entschloss sich, zu handeln – und die Zuschriften mit einer spektakulären Aktion in Berlin zu übergeben.

Eine Umfrage der Hochschule Fresenius unter Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten aus dem vergangenen Jahr unterstreicht die Not in der Branche. Demnach denken 40 bis 50 Prozent von ihnen über den Berufsausstieg nach – vor allem aus finanziellen Gründen. Das Fazit der Studie: Es droht ein gewaltiger Fachkräftemangel.

Mehrkosten im Gesundheitswesen drohen

„Das Verrückte daran“, sagt Schneider, „ist, dass die Unterfinanzierung der Physiotherapie langfristig nur zu Mehrkosten im Gesundheitswesen führt. Physiotherapie kann Pflegebedürftigkeit verhindern genauso wie unnötige Operationen.“ Wie viele als Patienten aber schon selbst erlebt haben, gibt es zu lange Wartezeiten. Dabei ist es für eine sanfte Behandlungsmethode oft schon zu spät, wenn Beschwerden erst einmal chronisch werden. „Schon heute wird die Physiotherapie zu wenig und zu spät verschrieben“, sagt Schneider.

Reformen für den Berufsstand sind gefordert

In der Zukunft müsse sich an den Rahmenbedingungen dringend etwas ändern – bisher sei dafür zu wenig getan worden. Neben einer fairen Abrechnung der Krankenkassen fordern Schneider und seine Kollegen, dass sie ihre teure Aus- und Fortbildung nicht mehr komplett selbst bezahlen müssen. „Jeder Mediziner bekommt sein Studium vom Staat bezahlt, obwohl der später finanziell viel besser gestellt ist als wir“, sagt Schneider. Immerhin sei er mit seiner Aktion bereits auf Gehör in der Politik gestoßen.

Wenn jetzt gehandelt werde, dann lasse sich auf jeden Fall noch das Schlimmste verhindern, glaubt er. Viele Kollegen schrieben ihm, dass sie sofort in ihren Beruf zurückkehren würden, wenn der Verdienst nur zum Leben reichen würde.

Von Irene Habich/RND

2 Kommentare

  1. Danke an die Redaktion für diesen Beitrag. Ich bin Logopädin in Berlin und auch ich bin am „Limit“. Wir Therapeuten lieben unseren Beruf und haben lange Zeit gehofft, dass sich unsere Situation ändert, geklagt und gejammert haben wir gegenüber unseren Patienten nicht. Jetzt zeigt sich, dass das der falsche Weg war. Mittlerweile ist die finanzielle Situation der Praxen bedrohlich. Viele Praxen existieren nur noch, weil die Ehe- und/oder Lebenspartner diese quer finanzieren.

  2. Fängt man beizeiten mit einer Physiotherapie an, kann das eine spätere Pflegebedürftigkeit und teure Operationen verhindern.
    stimmt, hat sich bei den krankenkassen nur nicht rumgesprochen. die aok zahlt 80% der kosten. welch ein wunder.

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